# taz.de -- Flinta*-Streik in der taz: Ein Tag ohne „Bro Culture“
       
       > Flinta* beim Streikposten in der taz-Kantine, die Männer am Produzieren:
       > Einen Tag lang legen taz-Redakteur*innen die Arbeit nieder. Was war da
       > los?
       
 (IMG) Bild: Streikposten, Siebdruck und intensive Diskussionen: Die taz Kantine wurde zum Epizentrum des Protesttags
       
       Ella Rendtorff hat gezögert. Es ist Montag, ihr erster Tag als Praktikantin
       in der Kulturredaktion der taz, und Rendtorff sieht vor allem: Männer. Sie
       sitzt in der Morgenkonferenz, dort wird sie vorgestellt und ist, abgesehen
       von der Chefredakteurin, die einzige Frau im Raum. Um sie herum sitzen 25
       männliche Kollegen, als die Tür aufgeht. Herein kommt eine Gruppe
       taz-Redakteurinnen, mit Musikbox und Kochtopf. Es läuft ein Song von
       [1][Rosalia], der neuen Pop-Ikone, und die Gruppe, die die Konferenz stört,
       fordert Rendtorff auf, mitzukommen.
       
       Einen kurzen Moment überlegt sie, ob sie aufstehen soll. „Ich dachte: Ich
       bin doch Praktikantin, es ist meine Pflicht, an der Konferenz
       teilzunehmen“, erzählt die 25-Jährige später. „Aber dann wusste ich: So ein
       Quatsch. Meine Verpflichtung als Frau ist es, heute mitzustreiken.“
       Rendtorff schließt sich der Gruppe an. Sie ziehen, mit lauter Musik und
       Jubel, in die taz Kantine, wo ein Streikposten eingerichtet ist.
       
       [2][Das Bündnis „Enough“ hat am Montag zum globalen Frauenstreik
       aufgerufen]. Es ist der 9. März, ein Tag nach dem feministischen Kampftag,
       der auf einen Sonntag gefallen ist. Überall auf der Welt sind Flinta*
       aufgerufen, die Arbeit niederzulegen. Sie sollen lieber „sitzen, liegen,
       singen, 1 Minute schreien, tanzen und picknicken“, so schreibt es das
       Bündnis aus rund 1.000 Frauen* und einigen Männern, die zu dem Streik
       aufrufen. An vielen Orten in Deutschland finden Demos statt, in einigen
       Betrieben werden verlängerte Mittagspausen abgehalten.
       
       ## Mehr als 120 taz'ler*innen in der Chatgruppe
       
       [3][Auch in der taz wird gestreikt]. Flinta*-Kolleginnen der taz, also
       Frauen, Lesben, intergeschlechtliche, nicht-binäre, trans und agender
       Personen, planen seit Wochen, wie dieser Montag laufen soll. Anfang
       Februar, noch bevor der offizielle Aufruf erschienen war, wurde eine
       Chatgruppe gegründet, in der schnell über 120 Kolleg*innen versammelt
       waren. Es gab Plena und Organisationsrunden, Forderungen wurden entworfen
       und diskutiert, das Programm des Tages erdacht, der Streikposten in der taz
       Kantine verankert.
       
       Es sind verschiedene Forderungen, die die Streikenden in der taz an diesem
       Tag verbinden. Einige fordern mehr Lohntransparenz. Andere wollen, dass
       unsichtbare Arbeit, die häufig von Flinta*-Personen geleistet werde,
       sichtbar gemacht wird. Männlich dominierte Machtstrukturen, die sogenannte
       „Bro-culture“, sollten durchbrochen, transfeindliche Inhalte unterbunden
       werden. So steht es auf einer langen Forderungsliste, die die Streikenden
       verteilen.
       
       Neun Uhr sollte der Streikposten starten. Aber um die Uhrzeit sitzen nur
       drei Frauen im Raum und warten. Die Organisator*innen des Tags stecken ein
       Stockwerk darüber fest: am Frühstückstisch bei taz 2, dem Gesellschafts-
       und Medienressort. Es läuft Musik aus einer Box, Croissants stehen auf dem
       Tisch, Brezeln, Weintrauben, Tee und ein Strauß roter Nelken.
       Vorbeilaufende werden bejubelt, Anastasia Zejneli, eine der
       Organisator*innen des Tages, trommelt auf einem Kochtopf. „Wir warten mal
       ab, was heute passiert“, sagt Ressortleiterin Doris Akrap. Formell ist sie
       im Dienst, also zuständig, Texte für taz.de und das E-Paper zu produzieren.
       „Aber nur, wenn Angebote reinkommen“, sagt Akrap und lacht. Denn für
       Angebote bräuchte es Autor*innen, und zumindest das Ressort taz 2 ist
       kollektiv in den Streik getreten.
       
       Auch auf den anderen Etagen ist es an diesem Morgen deutlich leerer als
       sonst. Es sind vor allem Männer, die in Konferenzen sitzen, Texte schreiben
       und produzieren, Korrektur lesen, Seiten layouten, die Buchhaltung im Blick
       haben, in der taz Kantine bedienen. Rechtlich gesehen ist der taz-Streik
       kein Streik, sondern ein Tag Sonderurlaub für die Streikenden, im
       Einvernehmen mit der Geschäftsführung. Darauf weist ein Mitglied des
       Betriebsrats per Mail hin.
       
       ## Eine Wäscheleine voller Protestshirts
       
       Im Laufe des Vormittags sammeln sich in der taz Kantine immer mehr
       Menschen. Großen Andrang gibt es vor allem beim T-Shirt-Druck. Die
       Kolleginnen vom Layout haben eine Siebdruckmaschine ausgeliehen und ein
       Logo entworfen: drei Streikende mit erhobener Faust. „Solidarität ist
       unsere Superkraft“, steht drum herum. In bunten Farben drucken es die
       KollegInnen auf T-Shirts, Beutel, Tücher. Schnell hängt eine lange
       Wäscheleine voll mit bedruckten Textilien.
       
       Spricht man mit den Streikenden in der taz Kantine, dann hört man
       unterschiedliche Stimmen zum Streik. Nicht alle stehen vorbehaltlos
       dahinter. Ihnen sei bewusst, sagen viele Kolleg*innen, dass es in anderen
       Medienhäusern viel mehr Probleme gebe: männliches Dominanzgehabe oder
       starre Hierarchien, die Frauen übergehen. Und trotzdem, sagen Kolleg*innen,
       gebe es auch in der taz noch viel zu tun.
       
       Eine der wenigen Kolleg*innen, die nicht streiken, ist die Fotoredakteurin
       Isabell Lott. Sie ist an diesem Tag dafür zuständig, die Bilder für die
       ersten Seiten rauszusuchen. Sie hat aber auch im Vorfeld die Fotografin
       organisiert, die den Streik fotografiert. Mitstreiken will sie trotzdem
       nicht. Der Streik sei ihr zu bürgerlich, sagt sie. „Die Mehrzahl der Frauen
       in normalen Arbeitsverhältnissen kann heute nicht streiken. Und das
       Argument, wir würden für diese Frauen mitstreiken, leuchtet mir nicht ein.“
       
       ## "Mir ist es hier oft zu soft"
       
       Seit zwanzig Jahren arbeitet Lott für die taz. Diese zu bestreiken, dafür
       sieht sie keinen Grund. „Das, was die Streikenden als ‚Bro Culture‘
       bezeichnen, sehe ich als Boomerin anderes: Mir ist es hier oft zu soft. Ich
       will, dass härter diskutiert wird.“ Früher, sagt sie, sei die Kultur in der
       taz durchaus „frauenfeindlich“ gewesen, männlich dominiert. „Es gab eine
       extreme Mackerkultur, vor der einige Kolleginnen richtig Angst hatten. Ich
       auch zum Teil.“ Frauenredakteurinnen seien ausgelacht worden, Männer hätten
       sich nur um die härteren Themen gekümmert. „Dass das heute besser ist,
       darüber bin ich schon froh“, sagt Lott. Die jungen Leute würden immer
       freundlicher, das gefalle ihr. Deswegen frage Lott sich auch, ob sie
       mitgemeint sei, wenn jüngere KollegInnen sich über den schroffen Umgangston
       beschweren.
       
       Mit Männern über den Streiktag in der taz zu reden, ist nicht einfach. „Ich
       muss arbeiten“, sagt einer, ohne vom Computer aufzublicken. „Zu viel zu
       tun“, ein anderer. Auf dem Flur scherzt ein Kollege, es sei viel
       entspannter heute, ohne die Frauen. Der Betriebsratsvorsitzende will
       zunächst nichts sagen, weil er die nächste Betriebsratswahl vorbereiten
       müsse, bringt dann aber später doch noch ein ausgedrucktes Statement
       vorbei. Der taz-Betriebsrat unterstütze den Streik, heißt es darin, „weil
       faire Bezahlung, gleiche Rechte wie geregelte Arbeitszeiten,
       Gesundheitsschutz, Datenschutz, Rechte für Schwerbehinderte und sichere
       Arbeitsbedingungen keine Sonderforderungen sind, sondern grundlegende
       Arbeitnehmer*innenrechte. Auch in der taz ist noch genug zu tun, wie
       überall sonst!“
       
       Ein Kollege, der reden will, findet sich dann doch. Gereon Asmuth ist
       zuständig für taz.de. Auch dort soll der Streik sichtbar werden. Texte, die
       von Frauen geschrieben würden, sollen ausfallen. Fotos, die von Frauen
       gemacht oder rausgesucht würden, nicht gezeigt werden. So richtig viele
       Lücken entstehen dann aber doch nicht auf taz.de. „Wir müssen uns heute
       eher zwingen, Lücken zu lassen“, sagt Asmuth. Er müsse jeden Tag
       entscheiden, Texte wegzulassen, weil eine Redaktion nie alles berichten
       kann. „Und trotzdem frage ich mich heute besonders: Ein Text darüber, wie
       Frauen in Baden-Württemberg die Landtagswahlen beeinflusst haben, lassen
       wir den gerade heute weg? Oder müssen wir den nicht gerade heute bringen?“
       Der Text fällt dann tatsächlich weg.
       
       Die [4][Landtagswahl] ist für die taz das andere wichtige Thema an diesem
       Tag. Zufällig ist der Großteil derer, die zu Baden-Württemberg besonders
       gefragt sind, männlich: der Grünen-Fachredakteur, der Landeskorrespondent,
       der AfD-Spezialist. Der Kommentar zum CDU-Debakel, geschrieben von einer
       Frau, war schon am Sonntag fertig. So fällt das Thema am Montag nicht aus.
       
       ## Schon 1980 streikten taz-Frauen, eine Woche lang
       
       In der taz Kantine stellt die ehemalige Leiterin der taz-Genossenschaft
       Konny Gellenbeck am Vormittag frühere Frauenstreiks in der taz vor. Sie
       erzählt von einem Text in der taz, Anfang der 1980er, der so sexistisch
       gewesen sei, dass er die taz-Mitarbeiterinnen extrem erzürnt habe. [5][Es
       folgten eine Woche Frauenstreik], erschöpfte Männer, Frauen, die ihre
       Brüste entblößt haben, ein männlicher Kollege, der, nur im Pelzmantel
       bekleidet, zurückprotestierte. Alte Geschichten, aber, sagt Gellenbeck zu
       den rund 100 Zuhörenden gewandt: „Ich kann euch nur bestärken: Geht in den
       Betriebsrat, in den Vorstand, geht in die Ressortleitung. [6][Macht weiter
       so tolle Ausgaben wie die Feministaz von Samstag].“ Es folgen lauter
       Applaus und Jubelrufe aus dem Publikum.
       
       Ella Rendtorff, die Praktikantin, hört alldem geduldig zu. Sie hat sich ein
       T-Shirt bedrucken lassen. Eigentlich studiert sie Kulturjournalismus in
       München. Sie hat ein Praktikum bei der Süddeutschen gemacht, dann eines bei
       der Zeit. Dass JournalistInnen hier heute streiken, findet sie richtig.
       „Eine Zeitungsredaktion ist doch ein kleiner gesellschaftlicher
       Mikrokosmos. Und wo, wenn nicht hier, sollte ausgehandelt werden, was
       Geschlechtergerechtigkeit bedeutet?“
       
       Wie schwer das aushandeln ist, zeigt sich um 13.30 Uhr, in der sogenannten
       Einserkonferenz. Dort werden jeden Tag die Ideen für die Seite 1
       diskutiert. Normalerweise ist das eine kleine Runde, ein paar Redakteure,
       ein*e Layouter*in, ein*e Fotoredakteur*in. An diesem Tag jedoch wird die
       Runde in die Kantine verlegt, zum Streikposten, und damit zu einer der
       größten Titelrunden der taz-Geschichte. Um halb zwei betritt der
       Seite-1-Macher Lukas Wallraff die Bühne. Mit dabei hat er einen Laptop und
       ausgedruckte Entwürfe. Ein bisschen unsicher setzt er an: Er will entweder
       das Streiklogo zeigen und darüber den Ausruf „Flint*a-Streik“. Oder er will
       ein Foto von drei streikenden Frauen zeigen, die die bedruckten T-Shirts
       tragen, und darüber die Zeile „Wir streiken“.
       
       ## Das Fernsehprogramm auf der Seite 1?
       
       Die Medienredakteurin schlägt vor, das Fernsehprogramm auf der Seite 1 zu
       zeigen, weil es unter den Leser*innen so beliebt ist. Gelächter in Raum.
       Eine Kollegin plädiert für den Titel „Flinta*Streik“. Aber erschließt der
       sich auch den Leser*innen, die den Begriff „Flinta“ nicht kennen? „Dann
       sollen die sich halt mit dem Begriff beschäftigen“, fordert eine. Eine
       andere Kollegin schlägt vor, ein Bild von der rein männlich besetzten
       Morgenkonferenz zu zeigen, „als dystopische Realität“. Wieder Gelächter. Es
       geht hin und her, am Ende votiert die Mehrheit für das Fernsehprogramm.
       
       Später werden die zentralen Forderungen der Streikenden diskutiert.
       Praktikant*innen sollten mehr Geld verdienen, ist eine Forderung, mehr
       Gehaltstransparenz eine andere. Das Thema Transparenz treibt viele
       Kolleg*innen um: Gibt es wirklich mehrere besser bezahlte Männer in der
       taz, mit Sonderposten und Sondergehalt? Gibt es individuell ausgehandelte
       Zulagen? Anja Mierel, Mitglied des taz-Vorstands, klärt einiges auf: Einen
       Gender Paygap gebe es nicht in der taz, die Gehälter der Praktikant*innen
       diskutiere der Vorstand derzeit, weitere Forderungen werde sie mitnehmen in
       das Gremium.
       
       Viel Zustimmung bekommt die Forderung danach, die „Bro Culture“ abzubauen.
       Der Begriff beschrieb ursprünglich mal Donald Trump und seine
       Männerfreundschaften mit Elon Musk und Co. Heute steht er für eine
       Machokultur am Arbeitsplatz. Die zeige sich, erzählt eine Kollegin, vor
       allem darin, dass ältere männliche Kollegen jüngere KollegInnen von oben
       herab behandelten. Eine andere Kollegin verweist darauf, dass viele
       männliche Kollegen sich förmlich aufdrängen, wenn es darum gehe, Kommentare
       zu schreiben, weibliche KollegInnen jedoch häufig eher zurückhaltend seien.
       
       ## Chefredakteurin sieht keine "Bro Culture" in der taz
       
       Katrin Gottschalk, eine der drei Chefredakteurinnen der taz, verfolgt die
       Diskussion, aber teilt den Standpunkt nicht. „Ich erkenne keine solche
       Kultur in der taz“, sagt sie anschließend. „Aber einzelne Männer nehmen
       sehr viel Raum ein, und wir werden in der Moderation von Konferenzen in
       Zukunft mehr darauf achten.“ Die Redaktion, sagt Gottschalk, sei
       paritätisch besetzt, die Führungsfrauenquote läge in der taz bei 61,3
       Prozent. „Dennoch schreiben Männer die meisten Texte. Wir sollten
       analysieren, warum das so ist, und uns es dann gemeinsam ändern.“
       
       Ella Rendtorff verfolgt all das mit Spannung. Sie ist nicht die ganze Zeit
       im Streikposten dabei, sie will nicht gleich am ersten Tag einen schlechten
       Eindruck hinterlassen. Die Sorge ist unberechtigt, findet
       Kultur-Ressortleiter Dirk Knipphals. Dass Rendtorff am Morgen die Konferenz
       verlassen habe, sei „taztypisch richtig“, sagt er und grinst.
       
       „Taztypisch“ klingt gut, sagt Rendtorff später. Wenn dieser Streiktag
       „taztypisch“ gewesen sei, dann sei sie mit ihrem Praktikum am richtigen
       Ort.
       
       9 Mar 2026
       
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       Internationaler Frauentag, feministaz und taz-FLINTA*-Streik machen Männer
       mobil. Es gilt, die fatalen Prozesse aufzuhalten.
       
 (DIR) 40 Jahre taz: Der Frauenstreik 1980: Die nackte historische Wahrheit
       
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