# taz.de -- Ausbildungskrise in Bremen: Grüne Zweifel am Ausbildungsfonds
> Weil Betriebe klagen, fehlt Geld für bessere Standards in der Lehre.
> Deswegen kritisieren nun auch die Grünen den Fonds, der sich selbst
> tragen sollte.
(IMG) Bild: Bremens umstrittene Ausbildungsabgabe soll die Fachkräfte von morgen sichern
In Bremen gab es im vergangenen Jahr auf 100 Interessierte nur noch 67
Ausbildungsstellen – so wenig wie nie in den letzten sieben Jahren. Zahlen
der Arbeitnehmerkammer Bremen zeigen noch mehr: Die Zahl der ausbildenden
Betriebe schrumpft. Nur jedes fünfte Unternehmen stellt Azubis ein, 2009
war es noch jedes vierte. Fast jeder dritte Ausbildungsvertrag wurde 2024
vorzeitig gelöst; 2009 waren es noch 21,7 Prozent. Die Ausbildungskrise ist
real und verschärft sich von Jahr zu Jahr.
Um das Problem anzugehen, wurde in Bremen im Jahr 2023 [1][der
Ausbildungsfonds beschlossen]. Alle Unternehmen müssen Geld einzahlen, 0,27
Prozent der Bruttoarbeitnehmerlohnsumme. Wer ausreichend ausbildet, wird
belohnt und erhält mehr Geld aus dem Fonds, als er einzahlt. Vom Überschuss
werden Programme finanziert, die die Qualität der Ausbildung steigern
sollen.
Der Fonds „kommt Unternehmen und Organisationen zugute und hilft, die
Anzahl und Qualität von Ausbildung im Land Bremen zu verbessern“, lobt die
Behörde für Arbeit das eigene Gesetz auf einer Infoseite. Glücklich war die
Wirtschaft bisher trotzdem nicht. Seit dem Beschluss durch die Bürgerschaft
ist der Fonds harten Angriffen aus Wirtschaft und Opposition ausgesetzt.
Nun haben auch die Grünen, die das Gesetz mit verabschiedet haben, in einer
Pressemitteilung Zweifel am Sinn des Ganzen geäußert. Denn der Fonds sollte
sich selbst tragen. Das klappt bisher jedoch nur mäßig. Um einen
Liquiditätsengpass im Jahr 2025 zu überbrücken, musste der Senat kürzlich
725.000 Euro aus einer anderen Haushaltsrücklage umwidmen.
## Engpass bei den Zahlungen
Mit diesem Griff in gerade nicht benötigte Haushaltstöpfe werden bisher nur
die Ausgleichszahlungen für ausbildende Betriebe ausgeglichen. In
ausbildungsfördernde Maßnahmen ist damit noch nichts geflossen. Dabei
sollen eigentlich Programme gefördert werden, damit Ausbildungen auch
erfolgreich beendet werden können: dazu zählen Weiterbildungen für
Ausbilder*innen, Sprachkurse für zugewanderte Auszubildende und Nachhilfe
in den Betrieben.
Das merkte die grüne Bürgerschaftsabgeordnete Solveig Eschen in ihrer
Pressemitteilung kritisch an. „Für uns Grüne hängt die Sinnhaftigkeit des
Bremer Ausbildungsfonds davon ab, ob damit tatsächlich eine
ausbildungsbegleitende Infrastruktur geschaffen wird“, schreibt die
arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Fraktion. Wenn das Geld nicht einmal
reiche, um Ausgleichszahlungen an die ausbildenden Unternehmen zu decken,
dann werfe das „Fragen an die Zukunftstauglichkeit des Fonds als
arbeitsmarktpolitisches Instrument auf“.
Das Hauptproblem des Zahlungsengpasses ist jedoch vorübergehender Natur:
Viele Einnahmen, mit denen das Land rechnet, sind noch in Gerichtsverfahren
gebunden. Im Jahr 2024 hatten praktisch alle institutionalisierten
Arbeitgebervertreter vor dem Bremer Staatsgerichtshof grundsätzlich gegen
das Gesetz geklagt. Aufgrund einer Sonderregel für Kirchen fiel das Votum
des Gerichts am Ende knapp aus, jedoch [2][zugunsten der
Verfassungsmäßigkeit des Fonds].
## Klage vorm Bundesverfassungsgericht
Einer der unterlegenen Richter treibt das Verfahren jedoch weiter voran und
bringt es vor das Bundesverfassungsgericht. Insgesamt 360 Unternehmen haben
dies genutzt, um im Schlepptau eine Anfechtungsklage gegen ihre
Abgabebescheide zu erheben. Solange über diese nicht entschieden ist,
stehen dem Land die Mittel nicht zur Verfügung. Insgesamt geht es dabei um
4,8 Millionen Euro.
Die Klagen sollen bis 2027 durch sein; dann sollen die 725.000 Euro an die
Kriegsopferfürsorge zurückfließen und die restlichen rund vier Millionen in
die Ausbildungsqualität. Ursprünglich war im Konzept vorgesehen, dass rund
10 Millionen Euro in die Ausbildungsförderung fließen sollten. „Das ging
aber noch von angenommenen Daten aus“, sagt die Sprecherin des
Arbeitsressorts, Nina Willborn. „Feste Summen haben wir erst seit den
Bescheiden im letzten Jahr vorliegen.“
Niemand abr müsse befürchten, dass nun niemals ausbildungsfördernde
Maßnahmen ergriffen würden – es dauere eben nur etwas. Schon jetzt
finanziere die Senatorin Maßnahmen der Berufsorientierung „durch die
Unterstützung von direkten Kontakten von Betrieben mit jungen Menschen“
vor.
## Ausbildungsfonds wird auch in Berlin diskutiert
Eschen bemängelt dennoch die Abweichung zwischen ursprünglichem Plan (10
Millionen Euro) und jetziger Prognose (3 bis 4 Millionen Euro) für die
Ausbildungsförderung. Der oft reißerische Blog des längst pensionierten
ehemaligen Chefredakteurs des Weser-Reports, Axel Schuller, machte aus der
Kritik ihrer Fraktion eine „grüne Abrissbirne gegen den Ausbildungsfonds“.
Der Einwurf aus den eigenen Koalitionsreihen kommt zu einem Zeitpunkt, an
dem [3][die Einführung einer Ausbildungsplatzabgabe in Berlin stark
umkämpft ist]. Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg haben das Modell
auch mit Verweis auf Bremen stark kritisiert: Die Bremer
Ausbildungsplatzabgabe habe seit 2023 nicht zu zusätzlichen
Ausbildungsverträgen geführt.
Daran stimmt einiges nicht: Zwar wurde das Gesetz im März 2023
verabschiedet, in Kraft getreten ist es jedoch erst 2025. Erst im Februar
vergangenen Jahres mussten die Unternehmen zum ersten Mal ihre
Arbeitnehmerbruttolohnsummen angeben, anhand derer die Höhe der Abgabe
berechnet wird.
Transparenzhinweis: Der Artikel wurde von der Autorin nachträglich
bearbeitet. Ursprünglich stand im Text, die Grünen hätten sich bei ihrer
Kritik an der mangelnden Ausbildungsförderung in den Summen geirrt. Das war
nicht korrekt; die Fraktion wollte nicht kritisieren, dass kein Geld für
die Ausbildungsförderung übrig bleibe, sondern dass weniger als geplant in
diesen Bereich fließen werde.
12 Mar 2026
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