# taz.de -- Die Wahrheit: Leben, wo nie die Sonne scheint
> Die lustige Tierwelt und ihre ernste Erforschung (235): Der Einzeller
> Mixotricha paradoxa ist ein Weder-noch – kein Tier, keine Pflanze.
(IMG) Bild: Wie Punkte in einem Gemälde setzt sich das Individuum zusammen
Die kürzlich gestorbene Mikrobiologin Lynn Margulis nennt „Mixotricha
paradoxa“, was übersetzt „Unerwartet vermischte Haare“ heißt, ein
„Weder-noch“, was an das charmante „Stoßmich-Ziehdich“ aus dem Kinderbuch
„Dr. Doolittle und seine Tiere“ von Hugh Lofting erinnert. Das Weder-Noch
ist jedoch weder Tier noch Pflanze noch Pilz, sondern ein Einzeller, der zu
Millionen im Darm einer primitiven Termitenart namens Mastotermes
darwiniensis lebt, die es nur noch in Nordaustralien gibt. Sie hat sich
diesen Einzeller einverleibt. Ihr hilft das Weder-Noch beim Verdauen ihrer
Nahrung: Holz. Mixotricha paradoxa macht das aber nicht selbst, sondern hat
sich dazu einige weitere Mikrobenarten einverleibt.
Deswegen ist das Weder-noch ein extremes Beispiel für die Evolutionstheorie
der Mikrobiologin Lynn Margulis, nach der sich das Leben nicht über
Mutation und Selektion in einem Kampf ums Dasein entwickelte und weiter
entwickelt, sondern mit Bakterien, die symbiotische Beziehungen mit anderen
Mikroorganismen eingingen.
Seit fast 100 Jahren wird schon an diesem Einzeller geforscht. Bisher sei
es aber noch nicht gelungen, schreiben Mainzer Forscher, diesen
„Modellorganismus“ außerhalb seines Termitendarms zu züchten. Es gibt
jedoch einen Film über M. paradoxa – von den Zoologen Radek und Hausmann an
der FU Berlin. Aus dem wissenschaftlichen Umfeld von Lynn Margulis gibt es
ferner einen Animationsfilm, der veranschaulicht, wie die Mikroben eine
nach der anderen mit M. paradoxa „verschmolzen“. Dieses Phänomen
inspirierte sie zu ihrer „Seriellen Endosymbionten-Theorie“ (SET).
Ihr mit bloßem Auge sichtbarer Einzeller im Termitendarm ähnelt dem
parasitischen Einzeller Trichomonas vaginalis: Er ist jedoch größer und
schneller, „weil er sich auch noch Spirochäten einverleibt hat, mit denen
er sich fortbewegt.“ Margulis hat vier seiner Symbionten identifiziert:
zwei Arten von Stäbchenbakterien und zwei von Spirochäten. Ihr Bericht
darüber heißt: „Drei plus Zwei gleich Eins“ („die Arithmetik in der
Biologie unterscheidet sich von der Arithmetik in der Mathematik“). Die
feministische Biologin Donna Haraway schreibt: Dieses „Biest mit fünf
Genomen“ bewies mir, dass es kein „einzelnes Selbst gibt“. Auch auf
biologie-seite.de heißt es: „M. Paradoxa besitzt insgesamt vier
Symbionten.“
## Anarchist am Mikroskop
Die Jahrzehnte vor und nach der Russischen Revolution waren die große Zeit
der Symbioseforschung – erwähnt sei der Anarchist Fürst Kropotkin, der 1902
seine sibirischen Forschungen unter dem Titel „Die gegenseitige Hilfe in
der Tier- und Menschenwelt“ veröffentlichte und damals schon die SET quasi
voraussah, denn er meinte, dass man mit der Weiterentwicklung der
Mikroskopie noch weit mehr Symbiosen entdecken werde.
Aber zunächst einmal ging es mit den Analysetechniken im Westen und im
Osten um Mutationen. Ein DDR-Botaniker erzählte: „Bei uns an der
Humboldt-Universität war schon das Wort Symbiose verpönt.“
Erst 2012 wurde Margulis' Endosymbiontentheorie in die Lehrbücher
aufgenommen. Ungefähr so lange gibt es am Bremer Max-Planck-Institut auch
ein an marinen Symbiosen forschendes Institut von Nicole Dubilier. Sie
führt den wissenschaftlichen Paradigmenwechsel in der Wahrnehmung von
Lebewesen auf den Feminismus zurück.
Margulis berief sich unter anderem auf Konstantin Mereschkowski und Paul
Buchner, „die noch ohne jegliches kommerzielles Interesse forschten. Wenn
man heute eine Studie von Genetikern anschaut, hat es manchmal 14 oder 15
Autoren, und es ist nur ein Wissenschaftler darunter. Der Rest sind
Techniker.“ Soll heißen, „dass ihre Kollegen sich keineswegs für die
Geschichte des Lebens auf der Erde interessieren, sondern vor allem dafür,
bessere Tomaten zu machen“. Auch über viele Symbioseforscher äußerte sie
sich kritisch: „Sie haben keine Ahnung von der Vielfalt des Lebens. Sie
glauben, weil etwas in einer Bakterie wie E.coli ist, wissen sie etwas
darüber.“
Margulis geht davon aus, dass ihre Sicht auf eine kompositorische Natur der
Lebewesen die Evolutionsbiologie revolutioniert, also dass „wir erkennen,
dass die natürliche Selektion nicht so sehr mit zufälligen Mutationen
operiert, die oft schädlich sind, sondern mit neuen Formen von
Individualität, die durch Symbiogenese evolvieren“. 2001 schrieb sie: „Wir
multizellularen Lebewesen bestehen aus Multitudes.“
## Individuen wie Gemälde
Dieser Begriff, „Vielheiten“ auf Deutsch, wurde von Antonio Negri und
Michael Hardt 2001 neomarxistisch popularisiert, Margulis wandte ihn auf
Individuen an – auf uns ebenso wie auf Termiten. Inzwischen spricht man
schon nicht mehr von Individuen, sondern von „Holobionten“. Margulis sieht
sie so: „Je genauer man Organismen untersucht, desto mehr ähneln sie den
pointillistischen Gemälden von Georges Seurat. Die scheinbar soliden
Gestalten wie Menschen, Hunde und Bäume erweisen sich bei näherer
Betrachtung als aus unzähligen Punkten und Strichen gemacht, jeder mit
einer eigenen Farbe, Form und Dichte.“
Margulis züchtete auch privat in ihrem Haus Bakterien, ihr Buch darüber
heißt „Garden of Microbial Delights: A Practical Guide to the Subvisible
World“ (1993). Heute wird ihr das von Genkritikern als gefährlicher
Leichtsinn angekreidet.
Folgt man Margulis, geschah nach den ersten bakteriellen Zellen ohne
Zellkern und dann den Zellen mit Zellkern der nächste Entwicklungsschritt
mittels Symbiosen zu Vielzellern, wie sie in ihrem Buch „Der symbiotische
Planet. Oder wie die Evolution wirklich verlief“ (2018) ausführt.
Darin geht es auch um den Einzeller M. paradoxa in der Termite Mastotermes
darwiniensis. An beiden wird munter weiter geforscht. In einer
Projektbeschreibung der Universität Bayreuth heißt es: „Zu den
ursprünglichsten Termiten zählt die Mastotermes darwiniensis. Die Steuerung
der Kastendetermination (wer welche Funktion im Termitennest einnimmt)
erfolgt bei sozialen Insekten über Hormone (etwa Juvenilhormone), aber auch
durch Umweltfaktoren und Pheromone. In der Dissertation soll die Rolle von
Juvenilhormonen bei der Kastendetermination von M. darwiniensis untersucht
werden. Dabei kommen hormonphysiologische (z. B. Radiotracermethoden,
HPLC/MS) wie molekularbiologische Methoden (PCR, Klonierung, in situ
Hybridisierung, Northern Blot) zum Einsatz.“
Heute steckt die „Intelligenz“ vielleicht weder in den Termiten noch in den
Termitenforschern, sondern in der Forschungstechnik. Das geht nicht gut aus
für die Lebensforschung!
9 Feb 2026
## AUTOREN
(DIR) Helmut Höge
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