# taz.de -- Aktivismus und Kritik: Welche Linke darf es denn sein?
       
       > Wer sich politisch zu engagieren beginnt, kann verwundert sein: Plötzlich
       > kommen mehr Shitstorms von den eigenen Leuten als Angriffe von rechts.
       
 (IMG) Bild: Lasst die Leute machen: 2020 protestieren auf dem Berliner Alexanderplatz Tausende gegen Polizeigewalt und Rassismus
       
       Du machst Politik falsch. Ich bin bestimmt nicht die Erste, die dir das
       sagt. Denn du kannst einfach nichts richtig machen.
       
       Ich will wissen, was andere politisiert und dazu bringt, sich zu
       engagieren. Deshalb habe ich in den letzten Jahren viele Gespräche mit
       Menschen geführt, die zum ersten Mal aktiv wurden.
       
       Rentner*innen, die 2015 Geflüchtete unterstützt haben, Kinder, die mit
       Fridays for Future auf die Straße gegangen sind, Menschen, die Rassismus
       erfahren haben und beschlossen, sich zu wehren oder Personen, die nach den
       Enthüllungen um das geheime Treffen von Rechtsextremist*innen in
       Potsdam erstmalig zu antifaschistischen Demos gegangen sind.
       
       Was diese Gespräche meist verbindet, ist der Kampfgeist am Anfang. Dann die
       Euphorie. Bis zur Irritation und anschließenden Enttäuschung, wenn ihnen
       zum ersten Mal erläutert wird, warum das, was sie tun, irgendwie
       problematisch ist.
       
       ## Es braucht Mut
       
       Während der Black-Lives-Matter-Proteste suchten junge Schwarze Leute meinen
       Rat, die gerade zum ersten Mal Demonstrationen organisiert hatten. Ich
       dachte, sie wollten mit mir über Anmeldung, Mobilisierung oder mögliche
       polizeiliche Repression sprechen.
       
       Stattdessen ging es darum, dass sich langjährig Aktive aus der Community in
       harschem Ton beschwert hätten, dass sie alles hätten anders machen müssen
       und man überhaupt so etwas nicht ohne sie veranstalten könne.
       Offensichtlich kann man. Wie wir uns erinnern auch sehr erfolgreich.
       
       Man muss nicht Millionen auf die Straße bringen, um problematisch zu sein.
       Viele wissen das und fangen deshalb gar nicht erst an, sich öffentlich
       politisch zu äußern. Ich muss zugeben: Ich hielt das lange für eine
       Ausrede. Etwas Kritik im Detail muss man schon einstecken können, wenn
       einem ein Anliegen wichtig ist.
       
       Doch die Erzählungen, dass die Sorge nicht Angriffe von rechts seien,
       sondern Shitstorms von links, sind inzwischen so häufig, dass es sich
       lohnt, der Sache auf den Grund zu gehen. Verantwortlich sind da wohl nicht
       nur: Berichte von skeptischen Blicken beim ersten Plenum. Sondern auch:
       Social Media.
       
       [1][Über das Phänomen der „Abgrenzungslinken“ habe ich bereits in einer
       anderen Kolumne geschrieben.] Es gibt auf verschiedenen Plattformen sehr
       viel Content dazu, welche Linken keine richtigen Linken sind oder welche
       Feminist*innen nicht wirklich feministisch.
       
       Keine Ahnung, ob ich mich heute nochmal raus wagen würde, wenn ich
       aufpassen müsste, keine Pseudoaktivistin, performative Feministin,
       Lifestyle-Linke, sektiererische Linke oder Token Black Person im weißen
       Antirassismus zu werden. Laut Tiktok ist das alles eine große Gefahr.
       
       Es braucht Mut, mit einer eigenen Position nach vorne zu gehen. Es ist viel
       Arbeit, eine eigene Aktion auf die Beine zu stellen. Zu kritisieren, was
       andere machen, auf Lücken hinweisen, problematisieren und belehren – das
       ist schneller Content, aus dem nur selten Diskussionen entstehen, die
       Bewegungen inklusiver werden lassen.
       
       Dazu kommt: Die, die uns am nächsten sind, kritisieren wir am härtesten.
       Nachvollziehbar, aber [2][der guten Sache] nicht dienlich. Von denen, die
       die wenigsten Ressourcen haben, verlangen wir oft am meisten.
       Perfektionismus hält alle davon ab, [3][überhaupt mit der Arbeit zu
       beginnen]. Im Kampf gegen rechts können wir uns das nicht leisten. Also
       macht einfach und vor allem: Lasst die Leute machen.
       
       7 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Simone Dede Ayivi
       
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