# taz.de -- Fotografinnen Brotherus und Platen: Der Altmeister im fiktiven Raum
       
       > Elina Brotherus und Angelika Platen inszenieren in ihrer Fotografie eine
       > jüngere Kunstgeschichte – mit Twist. Das zeigt eine Braunschweiger
       > Doppelschau.
       
 (IMG) Bild: Wer schreitet da aus der Düsseldorfer Kunstakademie heraus? Elina Brotherus, „Beuys has left the building“, 2023
       
       Zwei Fotografinnen, zwei Generationen, zwei Arten, sich dem Menschen zu
       nähern: so lässt sich die Doppelausstellung in Braunschweig
       charakterisieren, die Angelika Platen, 1942 geboren, und Elina Brotherus,
       Jahrgang 1972, in den Dialog treten lässt. Platen ist die Grande Dame des
       schwarz-weißen Künstlerporträts, wohlgemerkt zuerst nur männlicher
       Künstler, ab den späten 1960er Jahren.
       
       Als „Albtraum“ bezeichnet sie diese Jahre, „Frauen durften nicht einmal ein
       eigenes Konto einrichten.“ Aber immer gelang es ihr, den damals noch
       jungen, jedoch schon mit entsprechendem Ego ausgerüsteten späteren
       Großkünstlern kleine Performances vor ihrer Kamera abzuverlangen. Der
       Land-Art-Künstler [1][Walter de Maria] legte sich für sie in die
       menschenleere Weite einer Hamburger Flughafenpiste, Joseph Beuys nahm auch
       mal den Hut ab, und Sigmar Polke vollführte einen großen Sprung auf einer
       wackeligen Verladerampe am Düsseldorfer Hafen.
       
       Die Halle267 in Braunschweig zeigt Platens breit publizierte Porträts, zu
       denen ab der Jahrtausendwende auch Frauen zählten. 2017 macht sie ein Jahr
       lang ausschließlich Künstlerinnenporträts – von Karin Sander, [2][Katharina
       Grosse], [3][Annette Kelm] –, auch in Farbe.
       
       ## Die Fotografin und der Übervater der Architektur
       
       Die Finnin Elina Brotherus war und ist ihr eigenes Modell, sie arbeitet
       alleine, per Selbstauslöser. Sie sei feministisch sozialisiert, sagt sie,
       durch ihr Studium während der 1990er Jahre an der heutigen
       Aalto-Universität in Helsinki. Es war damals Usus, den eigenen weiblichen
       Körper als Subjekt ins Bild zu setzen. Sie tat dies bis 2015, in einer sehr
       kühlen, in den Aktionen äußerst verhaltenen Manier.
       
       Oft wählt sie prominente Architekturen für ihre Bildinszenierungen, so
       [4][in Finnland Bauten von Alvar Aalto], dem Übervater nordischer
       Baukultur. Sie positionierte sich vor dessen Wohnhaus in Helsinki, am
       Sanatorium in Paimio oder auch vor der Maison Louis Carré, ein eher
       unbekanntes Anwesen bei Paris, das Aalto und seine Frau Elissa 1959 für den
       prominenten Kunsthändler errichteten.
       
       Der traditionell menschenleeren Architekturfotografie schrieb Brotherus
       durch ihre körperliche Präsenz Spuren menschlichen Daseins ein, kleine,
       mitunter urkomische Bildgeschichten flackern in den Sequenzen auf.
       
       Ab 2015 sind es dann Künstler:innen und ihre bilderfinderischen
       Strategien, zu denen Brotherus fotografische Kommentare entwickelt. Das
       Kunstmuseum im dänischen Aalborg etwa, Architekt wiederum Alvar Aalto,
       besitzt seit 2016 die Arbeit „Eleven Less One“ von Michelangelo Pistoletto.
       Vor geladenem Publikum zertrümmerte der italienische Künstler eine Reihe
       Spiegel an der Wand mit dem Vorschlaghammer und legte dahinterliegende
       Farbflächen frei, während die Scherben auf dem Boden zu verbleiben hatten.
       
       ## Urheberschaft in der Schwebe
       
       Pistolettos Scherben mussten Im Zuge einer Renovierung weichen. Brotherus
       stellte 2024 die Aktion mit einer Künstlerkollegin nach, lässt humorvoll
       Urheberschaft, Datierung, Authentizität und Imagination in der Schwebe.
       
       Bereits 2023 durfte sie sich, eingeladen vom Museum Schloss Moyland bei
       Kleve, mit der dortigen Sammlung zu Joseph Beuys befassen. Sie nahm sein
       Markenzeichen, den Hut, und ersann Lebenssituationen ihres Protagonisten.
       So verlässt Beuys das Akademiegebäude in Düsseldorf – ein (vorübergehender)
       Rauswurf ereignete sich tatsächlich im Oktober 1972, als er massenweise
       Studierende immatrikulierte. Oder sie lässt ihn an den Bosporus zu einer
       untersagten Gay Parade in Istanbul reisen.
       
       Das Museum für Photographie in Braunschweig gibt Brotherus' fotografischer
       Fiktion Raum, erweitert so eine Auswahl intimerer Aufnahmen von Angelika
       Platen um spekulative Aspekte.
       
       6 Mar 2026
       
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