# taz.de -- Kulturmanager über Kreative im Alter: „Wir schnappen uns eine Villa und fangen an“
> Der Hamburger Mathias Lintl macht Kulturprojekte jenseits des
> herkömmlichen Kulturbetriebs. Nun plant er eine Residenz für alternde
> Rock-’n’-Roller.
(IMG) Bild: Möchte alternde Großstadt-Musiker*innen aus ihren Einzimmerwohnungen holen: Kulturmanager Mathias Lintl
taz: Herr Lintl, würden Sie sich als Künstler bezeichnen?
Mathias Lintl: Nein. Mir fehlen das Handwerk und die Muse, Kunst zu machen.
Meine Betätigung im Bereich Kunst und Kultur ist eine andere: Ich bringe
Leute zusammen. Und daraus entsteht meistens etwas Neues. Das andere ist,
dass ich als Kultur- und Umweltwissenschaftler einen anderen Blick habe auf
Kultur.
taz: Was planen Sie als Nächstes?
Lintl: Eine Residenz für alternde Rock-’n’-Roller und Kreative. Ein Anlass
dafür ist die Altersarmut, die sehr vielen Kreativen droht. Mir geht es um
die Hebung des ökonomischen Potenzials von diesen Leuten, die in Hamburg
oft in ihren Einzimmerwohnungen versauern. Die zu wenig Geld haben, um
ihren gewohnten kulturellen, sozialen Aktivitäten zu frönen, und zu wenig
Input von außen haben und zu wenig Möglichkeiten, noch mal nach außen zu
wirken. Die häufig in ihrer eigenen musikalischen Schönheit ertrinken. Oder
sich selbst einkapseln.
taz: Wie soll das konkret aussehen?
Lintl: Auf dem Land werden in den kommenden Jahren viele große Häuser auf
den Markt geschmissen. Und durch die [1][Krankenhausreform] gibt es bald
leer stehende Krankenhausobjekte. Auch Kirchen und Gemeindehäuser
[2][stehen zunehmend leer.] Ich will mir erst mal mit acht bis zwölf Leuten
eine noch intakte Villa schnappen und anfangen, mich für zwei, drei Monate
zu den Residents zu gesellen, um ihr musikalisches Vermächtnis zu
inventarisieren. Dann kann man verlagsmäßig schauen, was man draus macht.
taz: In der Musikbranche wird das Geld momentan allerdings vor allem mit
Live-Konzerten verdient.
Lintl: Man kann auch super Tourneen organisieren. Und Teil eines Netzwerkes
sein. Die Live-Musik-Spielstätten in Deutschland werden sich in den
nächsten Jahren verändern. Wir werden vielmehr digitale
Präsentationsformate haben.
taz: Damit meinen Sie jetzt was?
Lintl: Avatare! Nicht für 300 Euro teure Tickets wie [3][Abba in London],
sondern für 10 oder 20 Euro. Lustige Leute. Es rechnet sich zunehmend
weniger, Musiker*innen durch die Gegend zu karren und in kleinen Clubs
und Bars auftreten zu lassen. Es sei denn, sie haben viel Spaß dabei.
taz: Eine Möglichkeit wären auch Festivals.
Lintl: Ja, deswegen suche ich Grundstücke mit einer gewissen Größe, damit
da auch kleinere Festivals für 500 bis 1.000 Leute möglich wären.
Festivals, die dann in der Region eine gewisse Strahlkraft haben. Man kann
aber auch eine musikalische Gartenkolonne zusammenstellen. Irgendwo gibt es
immer Leute, die Geld und Muse haben und sagen: Coole Ideen, ich lade euch
ein, hier habt ihr 1.000 Euro, da hinten ist der Garten, ihr könnt Laub
wegbringen, aber Hauptsache, irgendwer spielt schön geil und laut Jimi
Hendrix.
taz: Haben Sie schon eine Immobilie im Auge, die sich als Residenz für
alternde Rock-’n’-Roller eignen würde?
Lintl: Die letzten zwölf Monate habe ich um die 50 gescannt. Da sind dann
immer wieder interessante Sachen dabei, auch [4][ehemalige Gasthöfe], zum
Beispiel in der Nähe von Lüneburg. Die Kommunen könnten sehr profitieren
von so einem Ort. Es wäre ein Tandem zwischen Stadt und Land. Ich will ein
Angebot kreieren und dann die Frage in die Welt posaunen: Wo werden wir
erwünscht und willkommen geheißen und wo gäbe es ein passendes Objekt? Ich
möchte gar nicht suchen, ich möchte gefunden werden.
taz: Gibt es so etwas nicht schon im Wendland?
Lintl: Nein, nicht mit diesem Fokus. Als ich das Konzept bei einer
Konferenz einer Frau aus dem Schwarzwald erzählt habe, sagte sie: Brauchen
wir sofort. Wir haben so viele Villen. Aber dann haben wir das Problem,
dass die Kreativen natürlich ein- bis zweimal im Monat in die Großstadt
wollen, wo sie ihre Homebase haben. Die darf nicht zu weit weg sein.
taz: Wo kommen Sie selbst her?
Lintl: Ich bin in Gifhorn aufgewachsen, an der B4 vor Braunschweig, 35.000
Leute. Ich bin froh, dass ich da weg bin. Ich wäre da eingegangen.
taz: Zu eng, zu spießig?
Lintl: Intellektuell unterfordernd. Ich habe einen Ansporn zur Veränderung
der gesellschaftlichen Realitäten. Es sind Millionen von [5][Altersarmut]
betroffen. Es gibt viele Ungleichgewichte zwischen Stadt und Land. Nun geht
es um die Kreation dieses Ortes, der lustig und gesellig ist und sich
selber trägt und für die Beteiligten einen ökonomischen Mehrwert
produziert, sodass alle im Alter ein schönes Leben haben können.
taz: Warum machen Sie das alles?
Lintl: Ich erfreue mich an schönen Gedanken. Und ich glaube, gemeinsam eine
schöne Zeit zu verbringen, wird immer wichtiger. Ich habe in den letzten
Wochen meinen Nachrichtenkonsum reduziert. Die Welt ist ziemlich wahnsinnig
geworden und es gibt zurzeit keinen Anlass zu glauben, dass es wieder
besser wird. Aber man ist ja trotzdem am Leben. Und der Rest des Lebens
soll nicht scheiße sein.
taz: In der Liste [6][Ihrer Projekte] stößt man auf Dinge wie Pflanzenmusik
oder ein Orgelkonzert, bei dem die Musik aus vier Kirchen simultan auf ein
mehrere Kilometer entferntes Open-Air-Gelände übertragen wird, auf dem die
Hörer*innen sitzen. Haben Sie eine Schwäche für schräge Ideen?
Lintl: Ich würde sagen, meine Projekte sind grenzüberschreitend. Und ein
wiederkehrendes Thema bei mir ist Technologie, begriffen als tragende Kraft
der Veränderung von Lebensstilen. Ich bin ein Kind der 90er Jahre, in denen
das Internet entstand. Meine erste Homepage habe ich 1992 gebaut. Mit
Hyperlinks konnte man Beziehungen herstellen. Endlich.
taz: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, ein Kulturzentrum komplett
ins Internet zu verlegen?
Lintl: 2014 hätten wir gerne damit angefangen im Rahmen des Projekts
Soulvillage in Hamburg. Wir wollten eine New Media Art Gallery machen. Das
wäre so ein Holodeck geworden wie bei Raumschiff Enterprise. Aber der
Kollege von der städtischen Sprinkenhof AG, die für die Immobilie zuständig
war, wo wir das machen wollten, hat das nicht verstanden.
taz: Ich kann es mir gerade auch nicht vorstellen.
Lintl: Du hast einen geilen [7][VR-Raum], aber ohne Brille. Auf Basis von
OLED-Leuchten an den Wänden.
taz: Das wäre ja aber ein realer Ort. Was ist mit der Idee, dass Menschen
zu Hause vor ihrem Rechner sitzenbleiben und ein Kulturzentrum im Internet
besuchen?
Lintl: Ich finde es schon wichtig, einen realen Ort als Ausgangspunkt zu
haben. Also eine Bar oder einen Club. Deshalb würde ich gerne eine Studie
dazu machen, wie Live-Musik-Spielstätten in städtischen Neubaugebieten der
Zukunft aussehend sollten.
taz: Sieht der Club im Neubaugebiet nicht genauso aus wie der Club in der
Innenstadt, nur dass er neu ist?
Lintl: Ich glaube, die sind schon anders. Die sind noch breiter aufgestellt
hinsichtlich der einzelnen Lebensstile und Generationen. Die wenden sich an
Leute zwischen fünf und 80 Jahren. Die ersten Punks sind mittlerweile 60
und haben ihre Vorstellung, wie ein geiler Club aussehen könnte, wo sie mal
abhotten können. Und die Zehnjährigen auch.
12 Apr 2026
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## AUTOREN
(DIR) Klaus Irler
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