# taz.de -- Afghanisch-pakistanischer Konflikt: Kriegserklärung über X
       
       > Pakistans Regierung spricht von „offenem Krieg“, nachdem Terrorangriffe
       > und Grenzgefechte eskalieren. Doch der Konflikt hat eine längere
       > Vorgeschichte.
       
 (IMG) Bild: Talibansoldaten an der Grenze zu Pakistan
       
       Die Grenzgefechte zwischen Truppen Pakistans und des Taliban-Regimes in
       Afghanistan vom vorigen Wochenende sind zu einem „offenen Krieg“ eskaliert.
       Diesen Ausdruck gebraucht jedenfalls der pakistanische
       Verteidigungsminister Khawaja Mohammad Asif in einem Post in den sozialen
       Medien. Ob dieser Kanal für eine formale Kriegserklärung ausreicht, ist
       fraglich.
       
       In der Nacht zum Freitag hatte das Talibanregime seine Drohung wahr
       gemacht, „angemessen“ auf Pakistans Bombardements afghanischer
       Grenzregionen zu reagieren, und pakistanische Stellungen entlang der 2.600
       Kilometer langen Grenze angegriffen. [1][Bereits am Dienstag war es zu
       Scharmützeln, aber auch Beschuss mit schweren Waffen gekommen]. Beide
       Seiten beschuldigten sich gegenseitig, zuerst geschossen zu haben.
       
       Pakistan nahm das nun zum Anlass für schwerere Angriffe auf sein westliches
       Nachbarland. Mit Luftangriffen auf Afghanistans Hauptstadt Kabul sowie
       Kandahar, wo sich die Talibanführung um das geistliche und weltliche
       Staatsoberhaupt Hebatullah Achundsada aufhält, ging das weit über die
       unmittelbare Grenzregion hinaus.
       
       ## Afghanistan will militärische Ziele in Pakistan angegriffen haben
       
       Freitagmittag (Ortszeit) teilte dann das Verteidigungsministerium in Kabul
       mit, afghanische Kampfflugzeuge hätten nun mehrere militärische Ziele in
       Pakistans Hauptstadt Islamabad und der Nordwestprovinz Khyber-Pakhtunkhwa
       (K-P) mit Drohnen bombardiert. Pakistan äußerte sich bisher nicht dazu.
       
       Beide Seiten geben jeweils hohe, zum Teil dreistellige Zahlen an Opfern auf
       der jeweiligen Gegenseite an. Das ist aber unabhängig nicht überprüfbar und
       deshalb mit Vorsicht zu genießen.
       
       Inzwischen versucht die Türkei zu vermitteln. Außenminister Hakan Fidan
       telefonierte mit hochrangigen Diplomaten beider Seiten sowie „anderen
       prominenten regionalen Akteuren“.
       
       ## Eskalationsspirale im klassischen Sinne
       
       Was sich zwischen Afghanistan und Pakistan ereignet, ist eine klassische
       Eskalationsspirale. Es begann mit Anschlägen pakistanischer Talibangruppen
       und des „Islamischen Staates“ (IS) in Pakistan, die die dortige, in ihren
       Augen nicht hinreichend islamische Regierung zu stürzen versuchten.
       
       Pakistan, das sich offiziell Islamische Republik nennt, beschuldigt
       Afghanistans Talibanregime, beide Gruppen zu unterstützen. Die streitet das
       ab. Gleichzeitig befinden sich unter mehreren zehntausend pakistanischen
       Flüchtlingen, die in Camps in Afghanistan leben, auch Talibankämpfer aus
       Pakistan. Deren Auslieferung hatte Kabul/Kandahar immer abgelehnt.
       
       Die Taliban ihrerseits werfen Pakistan vor, den IS zu unterstützen, der
       auch ihr Regime bekämpft. Teilweise agiert die Gruppe von Lagern in
       Pakistans ebenfalls umkämpfter Provinz Belutschistan aus.
       
       ## Konflikt mit langer Vorgeschichte
       
       Aber der Anfang des Konflikts liegt viel weiter zurück. Die bilateralen
       Beziehungen sind seit der Gründung Pakistans 1947 durch die Spaltung des
       damaligen Britisch-Indien gespannt. Das wiederum ist die Folge einer
       früheren kolonialen afghanisch-britisch-indischen Grenzziehung, die keine
       Regierung in Kabul jemals anerkannte.
       
       In deren Folge kamen überwiegend von Paschtunen bewohnte Gebiete, die bis
       ins 19. Jahrhundert hinein zu Afghanistan gehörten, an Pakistan. Sie bilden
       heute die K-P-Provinz. Ab 1947 unterstützte Kabul lokale Rebellen, die
       einen Wiederanschluss an Afghanistan betrieben. Pakistan drehte Mitte der
       1970er-Jahre den Spieß um und förderte bewaffnete Islamisten in
       Afghanistan.
       
       Seine große Stunde kam nach dem sowjetischen Afghanistan-Einmarsch Ende
       1979. Die kleinen Islamistengruppen wuchsen dank massiver westlicher,
       arabischer und chinesischer Hilfe, die über Pakistans damaliges islamisches
       Militärregime kanalisiert wurde, zur landesweiten Bewegung der
       Mudschaheddin.
       
       Als die nach ihrer Machtübernahme 1992 einen blutigen Fraktionskrieg
       anzettelten, bildeten ehemalige Mitkämpfer, die sich aus diesem Konflikt
       herausgehalten hatten, die Talibanbewegung. Die erhielt erneut
       Unterstützung aus Pakistans allmächtigem Militär- und Geheimdienstapparat.
       Der versprach sich davon auch, mit den Taliban – von denen man nach ihrer
       erbeuten Machtübernahme 2021 Dankbarkeit für die jahrzehntelange
       Unterstützung erwartete – die Grenzfrage beilegen zu können. Das erwies
       sich als Fehlkalkulation.
       
       ## Tod von aus Pakistan abgeschobenen Afghan*innen
       
       Minister Khawaja beschuldigt zudem Pakistans Erzfeind Indien, die
       pakistanische Terrororganisation TTP und den „Islamischen Staat“ (IS) über
       Afghanistan zu unterstützen, sowie die Taliban, Afghanistan „in eine
       Kolonie Indiens“ verwandelt zu haben. Das sind aber eher Vorstellungen, die
       in Islamabad bezüglich Afghanistans gehegt worden waren.
       
       Wer die Zeche der Kriegstreiberei beider Seiten zahlt, ist ohnehin klar: Am
       Freitag verursachten Geschosse auch den Tod mehrerer aus Pakistan
       abgeschobener Afghan*innen in zwei Rückkehrerlagern.
       
       27 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Thomas Ruttig
       
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