# taz.de -- Alice Schwarzer in Berlin: Alice vs. Ikkimel
       
       > Alice Schwarzers Buchpremiere offenbart die tiefen Gräben im Feminismus:
       > Statt Gemeinsamkeiten zu suchen, verharren die Generationen im Streit.
       
 (IMG) Bild: Alice Schwarzers Buch „99 Worte, 0 Respekt“ kritisieren Demonstrant*innen
       
       Wer A sagt, muss auch B sagen, und wer Fotze sagt, muss auch Ikkimel sagen.
       Dieses feministische Einmaleins beherrscht [1][die Grande Dame des
       Feminismus] selbstverständlich. „Ikkimel ist vielleicht ein sehr freches
       Mädchen“, sagt Alice Schwarzer am Dienstagabend über die Berliner Rapperin,
       die sich als die „größte Fotze Europas“ bezeichnet – und damit für viele
       junge Frauen ein Idol ist. „Aber mit Feminismus hat das nichts zu tun.“
       Tosender Applaus erfüllt den Saal – aber es gibt auch kritische
       Zwischenrufe.
       
       Alice Schwarzer hat am Dienstagabend im Babylon-Kino in Mitte ihr neues
       Buch vorgestellt. Der Saal ist bis auf den letzten Platz gefüllt, viele
       alte und ein paar junge Frauen sind gekommen. In „Feminismus pur. 99 Worte“
       definiert Schwarzer 99 Begriffe genau von A bis Z: von Autofahren und
       Abtreibung über Essstörung, Homo-Ehe und Haare bis Ostdeutschland und
       Zweifel. Das bescheidene Ziel: „Den wahren Feminismus retten.“ Denn der sei
       in Gefahr, so die 83-Jährige.
       
       „Es gibt viele Feminismen und einige neue Feminismen erscheinen mir eher
       antifeministisch“, sagt Schwarzer. Gemeint sind „Dogmatikerinnen, die alles
       radikal regeln wollen“ – und die stehen vor der Tür. [2][Rund 60
       Demonstrant*innen protestieren vor Beginn der Lesung vor dem Kino],
       schwenken queere und trans Flaggen, auf Plakaten steht: „99 Worte, 0
       Respekt“.
       
       Drinnen warnt Schwarzer: Die Frauenbewegung in Deutschland sei auf der
       Seite der Männer. „Sie ist pro Prostitution, pro Kopftuch und auch in der
       Transfrage sehr fragwürdig.“ Jene Feministinnen, die den „wahren Kern des
       Feminismus leugnen“ würden, seien eine „ernste Gefahr“ für die Bewegung.
       
       ## Es braucht Argumente, nicht Empörung
       
       Aus ihrer Transfeindlichkeit und Islamophobie macht Schwarzer keinen Hehl:
       In ihrem Kapitel über das Gendern – „etwas, das Menschen sehr erregt,
       obwohl es weiß Gott Wichtigeres gibt“ – spottet sie über Sternchen und
       Unterstriche. „Diese Lücken stehen für alles, was es anscheinend noch gibt
       zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht“, sagt sie. Es folgen
       Applaus und schallendes Gelächter. Kritik am Islam werde pauschal als
       islamfeindlich etikettiert, kritisiert Schwarzer weiter. Und schiebt nach:
       „Das Kopftuch ist eine Stigmatisierung. Es signalisiert das Anderssein, das
       Objektsein, die Rechtlosigkeit der Frauen.“
       
       Höchst problematische Aussagen – ohne Frage. Aber keine, die mit Empörung
       entkräftet werden. Doch genau das geschieht: Während Schwarzer
       Dialogbereitschaft signalisiert, erzürnen sich jüngere Zuhörerinnen,
       unterbrechen Schwarzer immer wieder, rufen: „Es ist unerträglich, Ihnen
       zuzuhören!“ Während sich jüngere Gemüter erhitzen, verlassen ältere Gäste
       kopfschüttelnd den Saal oder kritisieren die „kleine und hochaggressive
       Minderheit von Frauen, die andere mundtot machen“. Die Behauptung der
       Verlegerin, Schwarzer baue „Brücken zwischen Generationen von
       Feministinnen“, wirkt wie unfreiwillige Satire. Treffender erscheint die
       zweite Beschreibung: „Für die einen feministische Ikone, für die anderen
       ein rotes Tuch.“
       
       Was sich am Abend zeigt, ist ein Mikrokosmos der feministischen Bewegung:
       Statt Argumente auszutauschen und Streit produktiv auszutragen,
       [3][verharren die unversöhnlichen Lager im Gegeneinander]. Dabei wäre es
       ein Leichtes gewesen, Schwarzers pseudobiologische, trans*- und islamophobe
       Thesen sachlich zu entkräften. Etwa indem deutlich gemacht wird, dass
       provokante Selbstaneignung im Rap durchaus eine feministische Strategie
       ist. Und dass die Abwertung einer jüngeren, queerfeministischen Generation
       weder feministisch noch zielführend ist.
       
       Bei all der Entrüstung wird verkannt, dass es durchaus Schnittmengen gibt –
       selbst mit einer so umstrittenen Figur wie Schwarzer. Wenn sie schreibt,
       Männer sollten „aufhören, ignorant, unterdrückerisch und gewaltvoll“ zu
       sein und Frauen „endlich auf Augenhöhe begegnen“, oder wenn sie jungen
       Frauen attestiert, zwischen Emanzipation und stärker werdenden
       Rollenzwängen zerrissen zu sein, formuliert sie Gedanken, die auch im
       gegenwärtigen Feminismus Anklang finden. Ihr jahrzehntelanges Engagement –
       etwa gegen Paragraf 218 – verbindet Generationen von Feministinnen.
       
       Die Zerfleischung ist ein Trauerspiel – und sie stärkt nur eins: das
       Patriarchat. Von feministischer Solidarität ist an diesem Abend wenig zu
       spüren, stattdessen hallt ein Satz aus Schwarzers Buch nach: „Frauen waren
       schon immer gut darin, sich gegenseitig runterzumachen“ – und keine Seite
       ist besser als die andere.
       
       25 Feb 2026
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Lilly Schröder
       
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