# taz.de -- Nachruf auf Komponistin Éliane Radigue: Das Brummen wehen lassen
> Die Komponistin Éliane Radigue war eine Drone-Pionierin, die sich gegen
> dogmatische Männer durchsetzen musste. Sie wurde 94 Jahre alt.
(IMG) Bild: Konzert mit Eliane Radigue beim Festival „Presence electronics“ am 27. März 2011 in Paris
Da passiert ja gar nichts! Menschen mit kurzer Aufmerksamkeitsspanne
brauchen womöglich einen Warnhinweis, bevor sie sich zum ersten Mal der
Musik der französischen Komponistin Éliane Radigue aussetzen. All die
Dinge, die man mit Tonkunst gern in Verbindung bringt, etwa große Gefühle,
Ergriffenheit, Überwältigung, sucht man bei ihr vergebens. Und obwohl sie
mit elektronischen Drones bekannt wurde, Liegetönen, die sich sehr, sehr
langsam verändern, ist ihre Musik, anders als [1][das Gros an Drone-Output
dieser Tage], sogar auffällig leise.
[2][Éliane Radigue, die 1932 in Paris geboren wurde], machte ihre ersten
Erfahrungen mit elektronischer Musik in den fünfziger Jahren am Studio
d’Essai bei den Musique-concrète-Begründern Pierre Schaeffer und Pierre
Henry. Zunächst studierte sie dort, lernte das Arbeiten mit
Umweltaufnahmen, die durch beherzte Schnippelarbeit mit Tonbändern aus
ihrem Zusammenhang gerissen und zu etwas Abstraktem umgestaltet werden.
Später wurde sie Assistentin Schaeffers. Bis sie begann, in ihrer eigenen
Musik mit Loops zu arbeiten. Wiederholung passte jedoch nicht ins
ästhetische Konzept von Schaeffer und Henry.
[3][Radigue wählte danach einen Weg, der sie in eine ganz andere Richtung
führte und selbst zur Pionierin machte]. Sie begann in den Siebzigern mit
Synthesizern zu arbeiten, konzentrierte sich auf einzelne Töne, deren
Obertonstruktur sie ganz allmählich variierte. Statt eines massiven
Brummens entstand so ein wehendes Schwingen völlig frei von Ballast. Die
bekennende Buddhistin bot damit in Werken wie „Adnos“ (1974) eine Form der
Versenkung ohne Zwang, schuf zugleich mit sparsamsten Mitteln Räume von
transparenter Tiefe.
Ihrem Vorbild sind inzwischen zahllose Künstler gefolgt. Die Vertreibung
aus dem künstlichen Paradies der Musique concrète erwies sich mithin als
Gewinn. Éliane Radigue ist am 23. Februar in Paris im Alter von 94 Jahren
gestorben.
25 Feb 2026
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(DIR) Tim Caspar Boehme
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