# taz.de -- Eingriff in die Pressefreiheit: Vermummte Polizisten suchen Fotojournalisten heim
       
       > Die Polizei durchsucht die Wohnung des Fotojournalisten Leon Enrique
       > Montero, weil er Nazis angegriffen haben soll. Die Begründung ist
       > fragwürdig.
       
 (IMG) Bild: Beim Fotografieren dieser Demo soll Montero nebenbei Nazis verprügelt haben, wenn man der Staatsanwaltschaft glaubt
       
       Um 6.30 Uhr am Morgen hämmern Polizisten an seine Tür in Hannover. So
       erzählt es Leon Enrique Montero der taz. „Noch fünf Sekunden, dann rammen
       wir die Tür ein“, sagt einer der Beamten, als Montero nach dem
       Durchsuchungsbeschluss fragt.
       
       Er macht auf, in Unterhose. Ihm gegenüber: zwölf vermummte Polizisten. Auch
       seine Mitbewohnerin hat nur einen Bademantel an. Erst nach zwanzig Minuten
       dürfen sie sich etwas anziehen, so Montero. Ungefähr drei Stunden lang
       durchsuchen die Beamten sein Zimmer und die Gemeinschaftsräume der WG: „Die
       haben selbst in die Gewürze reingeguckt“, sagt er. Die Polizei
       beschlagnahmt seine Computer, Telefone und Speicherkarten. Anschließend
       muss er mit auf die Wache und wird erkennungsdienstlich behandelt. Montero
       ist freier Fotojournalist, unter anderem tätig für das Redaktionsnetzwerk
       Deutschland, T-online und die taz.
       
       Grund für die Hausdurchsuchung am 11. Februar war laut
       Durchsuchungsbeschluss ein Vorfall während der Demo „Gerechtigkeit für
       Lorenz“ zwei Monate vorher, am 8. November in Oldenburg. Mindestens vier
       Personen sollen gemeinschaftlich die „Zuschauenden“ Claudia H. und Oliver
       B., welche die Gruppe dem „rechten politischen Spektrum“ zugeordnet habe,
       zunächst gegen ihren Willen in die Versammlung gezogen und anschließend auf
       sie eingeschlagen und -getreten haben. Oliver B. erlitt einen schweren
       Schienbeinbruch und musste mehrere Tage im Krankenhaus behandelt werden.
       Claudia H. trug Prellungen davon.
       
       Die Staatsanwaltschaft Oldenburg wirft Montero und einer weiteren
       identifizierten Person vor, Teil der Aktion gewesen zu sein. Montero
       widerspricht den Vorwürfen entschieden. Die Hausdurchsuchung bei ihm sei
       laut Durchsuchungsbeschluss erforderlich gewesen, „um die weiteren
       unbekannten Mittäterinnen zu ermitteln“.
       
       Video des Vorfalls 
       
       Claudia H. hat noch am Tag der Auseinandersetzung ein Video des Vorfalls
       auf Instagram veröffentlicht. Dort ist aus ihrer Perspektive zu sehen, wie
       sie sich dem Demozug, offenbar gemeinsam mit Oliver B., nähert und die
       Konfrontation sucht. Beide beschweren sich lautstark in Richtung der
       Teilnehmenden. „Die sind doch nicht ganz dicht“, sagt Claudia H. Als eine
       Demonstrantin gegen einen Bus haut, ruft sie: „Ey, hört auf damit!“
       Daraufhin hält eine Frau ihre Hand vor die Handy-Kamera. Sie ruft mehrmals
       aufgebracht „Ihr sollt nicht filmen!“, „Verlasst bitte die Demo!“ – und
       bezeichnet die beiden als Nazis.
       
       Im selben Moment läuft Montero vorbei. Er macht als Journalist [1][im
       Auftrag der taz Fotos der Demonstration]. Montero beobachtet kurz das
       Wortgefecht und fordert dann H. und B. in ruhigem Tonfall auf, die
       Demonstrierenden in Ruhe zu lassen. „Ich habe gesehen, dass die Parteien
       auf Konflikt aus sind, und wollte die Situation beruhigen“, erklärt Montero
       der taz.
       
       Als kurz darauf eine zweite Demonstrierende „Fass mich nicht an!“ ruft,
       eskaliert die Situation. Die [2][Initiative „Gerechtigkeit für Lorenz“]
       schreibt später, H. und B. hätten Teilnehmende „körperlich und sexuell
       bedrängt, unter anderem von hinten angegriffen“. Es folgen gegenseitige
       Beleidigungen. Mehr ist auf den verwackelten Bildern nicht zu erkennen.
       
       Widersprüchliche Angaben 
       
       Claudia H. schreibt in ihrem Instagram-Post zunächst lediglich, dass sie
       von zwei „ausländischen Frauen“ und einer Ordnerin angegriffen worden sei.
       Montero beschreibt sie erst in einer zweiten Schilderung als „Täter“.
       Später gibt sie zusätzlich an, nicht alles erkannt zu haben. Den Schwarzen
       Deutschen Montero bezeichnet sie als „ausl[ä]ndischen Mitbürger“ und Teil
       der „Migrantifa“.
       
       H. und ihr Partner B. zeigen sich auf Youtube und Instagram offen als
       Mitglieder der Neonazi-Gruppe „Der Störtrupp“. Sie teilen Videos ihrer
       regelmäßigen Demobesuche und diverse Inhalte aus der rechtsextremen Szene.
       H. redet unter anderem von „Biodeutschen“ und sieht in dem von der Polizei
       getöteten Deutschen Lorenz A. wegen seiner Hautfarbe einen „Afrikaner“.
       
       Kommentare, die ihn rassistisch beleidigen und Linke als „genetischen
       Abfall“ und „Dreck“ bezeichnen, markiert Claudia H. mit „gefällt mir“. Bei
       Konfrontationen auf Demos mit Linken habe sie nicht so viel Geduld, erklärt
       H. in einem Youtube-Video: „Ich würde ab ’nem gewissen Punkt mich wehren,
       und das wird knallen.“ Eine Anfrage der taz zu ihren widersprüchlichen
       Angaben zu Montero beantwortete H. nicht.
       
       Der Verdacht der Staatsanwaltschaft gegen Montero scheint sich maßgeblich
       auf die Aussage von H. zu stützen. „Ich mache mir keine Sorgen, tatsächlich
       angeklagt zu werden“, sagt Montero. Er hat inzwischen einen Anwalt und
       Akteneinsicht. Besonders, dass die Staatsanwaltschaft seine Fotos zur
       Identifizierung von Tatverdächtigen haben will, hält er für
       widersprüchlich: „Soll ich fotografiert oder die verprügelt haben? Beides
       gleichzeitig geht schwer.“
       
       Hätte die Staatsanwaltschaft ihn lediglich als Zeugen behandelt, wäre es
       für sie allerdings sehr viel schwerer gewesen, an seine Fotos zu gelangen,
       gibt Montero zu bedenken. Er sieht den Vorgang daher als Eingriff in die
       Pressefreiheit.
       
       Die Chefredakteurin der taz Ulrike Winkelmann sagt dazu: „Wir verlangen,
       dass unser freier Fotograf sein Arbeitsmaterial sofort zurückbekommt. Es
       kann nicht sein, dass die Polizei ihn an seiner Berufsausübung hindert, das
       verstößt ja gleich gegen mehrere Grundrechte.“
       
       Denn mit der Beschlagnahmung seiner Arbeitsmittel ist seine berufliche
       Existenz vorerst lahmgelegt. Letzte Woche hat Montero sich arbeitslos
       gemeldet. Seit der Hausdurchsuchung habe er Panikattacken und
       Angstzustände, sagt er: „Ich sehe nicht, in naher Zukunft in dieses
       Arbeitsfeld zurückzukehren.“
       
       26 Feb 2026
       
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