# taz.de -- IS-Lager al-Hol in Syrien: Tickende Zeitbombe
       
       > Das Lager al-Hol wurde jetzt von der syrischen Regierung geräumt. Dort
       > verschwammen die Grenzen von Opfern und Tätern.
       
 (IMG) Bild: Angehörige mutmaßlicher Dschihadisten des Islamischen Staates, stehen am 21.1. 2026 hinter dem Tor des Lagers Al-Hol in Syrien
       
       Das Lager al-Hol im Nordosten Syriens, in dem viele Jahre meist Familien
       und Angehörige von IS-Kämpfern auf unbestimmte Zeit gefangen gehalten
       worden waren, war schon immer eine Zeitbombe. [1][Jetzt wurde das Lager von
       den syrischen Behörden geschlossen], nachdem einer unbekannten Anzahl von
       Insassen zuvor die Flucht gelungen war. Der Rest wurde in den letzten Tagen
       in anderen Lagern in Syrien untergebracht. Andere wurden freigelassen.
       
       Zuletzt lebten in al-Hol 24.000 Menschen, meist Syrer und Iraker, aber auch
       6.000 Ausländer aus 40 Nationen, meist Verwandte jener, die sich einst dem
       IS angeschlossen hatten. Während der chaotischen Tage der militärischen
       Auseinandersetzung zwischen den Regierungstruppen und den [2][kurdisch
       dominierten SDF-Milizen] und auch danach, nutzten viele die Gunst der
       Stunde, sich aus dem Lager abzusetzen. Die Regierung in Damaskus und die
       SDF-Milizen schoben sich den Schwarzen Peter dafür gegenseitig zu. Die
       Regierung des syrischen [3][Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa]
       beklagte, dass ihnen die Lager nicht ordnungsgemäß übergeben wurden. Die
       kurdischen SDF-Milizen konterten mit Hinweis auf den islamistischen
       Rebellen-Ursprung der Regierung al-Scharaa und warfen ihr vor, zahlreiche
       Menschen aus al-Hol freigelassen zu haben.
       
       Doch die Angelegenheit ist alles andres als schwarz-weiß. Dass es keine
       ordentlichen Gerichtsverfahren und Verurteilungen gab, macht es heute
       schwer, zu sagen, wer zu Recht und zu Unrecht in al-Hol weggesperrt war. Es
       verschwammen dort die Grenzen von Opfern und Tätern. Viele der Familien
       wären in Resozialisierungsprogrammen in ihren Heimatorten ohnehin immer
       besser aufgehoben gewesen als in diesem Wüstenlager, in der sie von einer
       Minderheit von Hardcore-IS-Unterstützern unter Druck gesetzt und
       indoktriniert wurden.
       
       Die US-dominierte Anti-IS-Allianz hatte einst viele Milliarden Dollar
       ausgegeben, um den IS militärisch zu bekämpfen und von ihm gehaltenes
       Territorium im Irak und in Syrien bis 2019 zurückzuerobern, wodurch die
       Anzahl der Insassen von al-Hol auf ein Vielfaches anschwoll. Aber nachdem
       das erledigt war, kümmerte sich international kaum jemand mehr um die
       IS-Restposten: Tausende gefangen genommener IS-Kämpfer und deren Familien.
       Selbst die eigenen inhaftierten Staatsbürger aus Europa wollte man zum
       großen Teil nicht zurückholen. Kurzum, im weiteren Kampf gegen den IS mit
       anderen als militärischen Mitteln waren die Syrer und Iraker auf sich
       allein gestellt. Der Mantel des Schweigens wurde über die Lager in
       Nordost-Syrien gelegt, wo die Menschen de facto vor sich hin rotteten und
       oft noch mehr radikalisiert wurden.
       
       Genau diese internationale Untätigkeit rächt sich jetzt. Die Lager waren
       immer eine Zeitbombe. Dass sie nun geschlossen werden, hat diese Gefahr
       zwar nun ihrer physischen GPS-Daten beraubt – entschärft ist diese
       Zeitbombe deswegen aber noch lange nicht.
       
       24 Feb 2026
       
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