# taz.de -- Die Wahrheit: Dackel über Bord
       
       > Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
       > (Teil 6). Heute: Klabautermann am Steuer.
       
 (IMG) Bild: Spione geben gern so manchen Laufpass aus Foto: ap
       
       Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und
       mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der
       ein Meisterspion war. Doch dann erscheinen Herbert Hermann und die Stimme
       von Freddy Quinn, die Heinz-Hermann auf die Große Freiheit nach Hamburg
       locken, wo ihn die Erinnerung an die Bordsteinschwalbe Gulia überkommt, er
       aber seinem mörderischen Hausarzt in die Falle geht. Der irre Quacksalber
       will ein „großes Blutbild“ von ihm machen – auf Leinwand und aus seinem
       eigenen Blut, als ihn die beliebte Volksschauspielerin Jutta Speidel oder
       Susanne Uhlen rettet und in einen schweren Perserteppich einwickelt … 
       
       „Nächster Halt: Elbphilharmonie“, knarzte es aus den Lautsprechern der
       meuternden Nahverkehrsbarkasse, die sich längst nicht mehr an Fahrpläne
       oder internationales Seerecht gebunden fühlte. Das Schiff folgte einem
       fahnenflüchtigen Algorithmus oder stand unter dem Einfluss eines schwer
       depressiven Klabautermanns, das war im ewigen Nieselregen der Hansestadt
       nicht auszumachen.
       
       „Wir sind jedenfalls verloren!“, keckerte der abgesetzte Käpt’n Tietsch
       seinem einzigen Passagier ins Ohr. In seinen Augen glomm der Wahnsinn, in
       seinem Bart glommen Zündschnüre, wie sie auch der Pirat Edward Teach bei
       der Arbeit getragen hatte. Dem eiferte der brave Tietsch seit seiner Jugend
       nach, doch weigerte sich die britische Marine bislang, ihn wegen Piraterie
       zu enthaupten. Sie beantwortete diesbezüglich noch nicht einmal seine
       Flaschenpost.
       
       „Wenigstens kein Musical“, seufzte Heinz-Hermann, als die Hafenfähre am
       verfluchten Operettenpalast vorbeiglitt, der wie ein gleisnerisches
       Trugbild im verdieselten Dunst leuchtete. Das Schiff habe ihn einmal
       gezwungen, einer zwölfstündigen Musical-Version der Barschel-Affäre
       beizuwohnen, ein anderes Mal sei das Crooks-Fluktuationstheorem von
       singenden Katzen erläutert worden, gickelte der irre Käpt’n Tietsch,
       während das Schiff im kabbeligen Fluss gegen die Mole der Elbphilharmonie
       titschte.
       
       Heinz-Hermann zögerte. In dieser Kathedrale der Hochkultur hatte er seinen
       geliebten neunarmigen Oktopus Putzi verloren und sich geschworen, keinen
       Schritt mehr in das preisgekrönt klotzige Konzertgebäude zu setzen. Doch
       als der Krakenzüchter den Landgang verweigerte, drohte die Fähre, die Docks
       von Blohm+Voss anzusteuern, in denen das Musical „Der Untergang der
       Gabriel“ gegeben wurde. Aus Kostengründen waren die Biografien der
       ungleichen Brüder Sigmar und Gunter zu einem einzigen Singspiel für zwei
       havarierte Dickschiffe verarbeitet worden, und dieses Event wollte
       Heinz-Hermann unbedingt verpassen.
       
       Schweren Herzens sprang der Krakenzüchter an Land. Käpt’n Tietsch folgte
       ihm, doch war der Seebär festem Boden so entwöhnt, dass er sich zunächst
       kriechend fortbewegen musste.
       
       „Im kleinen Saal spielt das NDR-Gamelanorchester das Beste aus den
       Neunzigern und von heute“, trug er aus dem reichhaltigen Programm vor.
       „Während im großen Konzertsaal das geheime Zusatzprotokoll zu Schuberts
       Forellenquintett uraufgeführt wird. Es singt der Unterwasserchor der
       britischen Marine unter Leitung von Admiral Nelson.“
       
       ## Geheimes Zusatzprotokoll
       
       Heinz-Hermann erstarrte. Das konnte kein Zufall sein. Schuberts geheimes
       Zusatzprotokoll! Der sechste Satz! Technisch war er so anspruchsvoll, dass
       ihn der Komponist seinen Forellen nicht zugetraut und heimlich für einen
       „muntern Kraken“ geschrieben hatte. In der molluskenfeindlichen Wiener
       Musikwelt des 19. Jahrhunderts eine Unerhörtheit! Aber sogar die
       achtarmigen Wunderweichtiere waren an den höllischen Arpeggien gescheitert.
       Deswegen hatte Heinz-Hermann eigens einen neunarmigen Oktopus gezüchtet,
       der das Werk zur Einweihung des Musentempels hatte spielen sollen, doch war
       Putzi schon bei der Generalprobe vor Anstrengung implodiert. Heinz-Hermann
       hatte sich das nie verzeihen.
       
       Auch Käpt’n Tietsch erstarrte, wenn auch aus anderen Gründen. Näher war er
       der britischen Marine nie gekommen – und jetzt konnte er sich womöglich von
       Admiral Nelson persönlich enthaupten lassen.
       
       „Har, Har, Har!“, rief er nach Piratenart und zückte seinen Säbel, um das
       Kassenhäuschen zu entern. Doch Heinz-Hermann zeigte den QR-Code vor, den
       Dr. Quentin-Hinrich Salber in seine Hand geritzt hatte, und beide erhielten
       Einlass und ein Softgetränk ihrer Wahl.
       
       Durch Kavernen stiegen die Besucher in den Konzertsaal hinab, den die
       Pfeffersäcke in den Elbschlick hatten graben lassen. An den Wänden wuchsen
       Entenmuscheln, knöcheltief stand das Brackwasser im Parkett. Doch für
       architektonische Details hatte der Krakenzüchter keine Augen. An der
       hydraulischen Wasserorgel auf der Empore thronte ein riesenhafter Oktopus,
       der nicht acht, sondern neun Arme über die Manuale gleiten ließ, um dem
       Instrument Musik von elysischer Schönheit zu entlocken.
       
       „Putzi“, hauchte Heinz-Herrmann. Er begann zu schluchzen, und der verrückte
       Kapitän kollerte wie ein Truthahn, um seiner Ergriffenheit Herr zu werden.
       
       „Heinz-Hermann und Captain Tietsch, nehme ich an“, riss eine
       befehlsgewohnte Stimme die beiden Männer aus ihrer Andacht. „Admiral
       Nelson“, gluckste Käpt’n Tietsch, doch Heinz-Hermann ließ sich nicht
       täuschen. Zwar hatte sich „Signore Krell“ einen britischen Akzent zugelegt,
       um seine sächsische Herkunft zu verschleiern, und sogar einen Arm und ein
       Bein abnehmen lassen, um dem Seehelden zu ähneln, doch vor ihm stand
       eindeutig sein alter Erzfeind Krell, die Nemesis von Neschwitz.
       
       Fortsetzung demnächst
       
       25 Feb 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Bartel
       
       ## TAGS
       
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