# taz.de -- Die Wahrheit: Dackels wahre Bestimmung
> Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
> (Teil 9 und Schluss). Heute: Alles klärt sich auf.
(IMG) Bild: Wer ist schneller? Agent oder Zug?
Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und
mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der
ein Meisterspion war. Nur Dackel, Deckname Rupert Schulte, Heinz-Hermanns
geheimnisvoller Auftraggeber, dringt immer durch. So auch in der
verschlickten Hamburger Elbphilharmonie, wo Heinz-Hermann nach Berlin
beordert wird. Dort lässt Dackel in einer Segelschule sämtliche Masken
fallen: Er ist, tatsächlich – Heinz-Hermanns eigener Vater! Und der will
auch noch, dass ihm Heinz-Hermann den größten Ohrwurm aller Zeiten
erschafft. Da hilft nur Kaugummi …
Noch während Heinz-Hermann auf dem Kaugummi herumkaute, fragte er sich, wie
um alles in der Welt eine Kaugummi-Packung in die Tasche seines
purpurgestreiften Krakenzüchterjacketts gekommen sein konnte, wo er doch
Kaugummi sein Leben lang verabscheut hatte. Da hätte er ja ebenso gut auf
rohen Calamares-Ringen herumkauen können.
Gleichzeitig spürte er, wie seine Sinne schwanden und ihm ganz schwummrig
zumute wurde. Irgendwas musste mit dem Kaugummi nicht stimmen. Doch er fiel
nicht in Ohnmacht, dort bei der Großen Freiheit Nummer 7 am Berliner
Bundesplatz. Die Szenerie verschwamm indes vor seinen Augen zu
wellenartigen Wellen, während ein verzaubernder sirenenartiger Gesang seine
verzückten Ohren durchdrang.
Sein ganzes Leben schien wie in einem Film an ihm vorbeizuziehen. Er dachte
an seine Kinderzeit zurück, als er noch von seinen Geschwistern
Skylla-Jacqueline und Jonas-Charybdis gezwungen wurde, lebendige Spinnen zu
essen. Er dachte an Vater, den geheimen Superspion, den er nie zu Gesicht
bekommen hatte. Er dachte an den schauderhaften Signore Krell, der ihm
einst die Spinnenzucht eingeflüstert hatte, er dachte an Dackel alias
Rupert Schulte, den Kotzbrocken, der ihm Mathilde-Regine ausgespannt hatte.
Gerade wollte er an seinen psychopathischen Hausarzt Dr. Quentin-Hinrich
Salber und dessen fürchterliches Blutbild denken, als eine herrische Stimme
ihm Einhalt gebot.
## Gebeutelt
Heinz-Hermann schlug die Augen auf und konnte ihnen sogleich kaum trauen!
Mariengleich und mit einem goldenen Glorienschein umrandet stand sie dort
vor ihm: Mathilde-Regine, seine alte Rechenlehrerin. Sie schien abermals
gealtert, ihr graues Haar war zu einem straffen Dutt gebunden, die
Zornesfalte auf ihrer Nasenwurzel hatte eine beeindruckende Tiefe erlangt,
der seltsame Duft, der sie seit eh und je umschmeichelte, hatte sich
verstärkt. Und baumelte da unter ihrer Gouvernanten-Uniform nicht sogar ein
Urinbeutel?
Abermals fühlte Heinz-Hermann ein seltsames Verlangen in sich aufsteigen.
Er sprach wie in Trance: „Weit über vierzig Jahre ist es nun her, da wollt
zum Weib ich dich nehmen. Doch wie du gesagt hast ‚Nimmermehr‘, da war in
mir ein großes Weh!“ Und Mathilde-Regine antwortete streng: „Deine
Sehnsucht nach mir, die kenn ich gut, und ich kenn wohl auch dein Leiden.
Aber misch ich mich mit Heinz-Hermann-Blut, kann ich nimmer Mathilde-Regine
bleiben.“ Heinz-Hermann war wie verwirrt, was war mit diesem Rätselwort
gemeint?
Doch ihm blieb nicht viel Zeit zum Nachdenken, denn der Kleinkrake K zuckte
nervös und warnend in seinem Jackenärmel. Und nun verstand Heinz-Hermann
auch, warum: Mathilde-Regine verwandelte sich vor seinen Augen in den irren
Käpt’n Tietsch. Dann in Signore Krell. „Signore Krell, Sie – Sie – Sie
leben?“ stotterte Heinz-Hermann. „Ich dachte, Sie wären im Musikantenstadl
unter grauenvollen Umständen ums Leben gekommen?“ Doch noch ehe Signore
Krell antworten konnte, verwandelte er sich in Dackel alias Rupert Schulte
und dann wieder in Mathilde-Regine, Heinz-Hermanns alte Rechenlehrerin. Und
diese hob an zu sprechen: „Heinz-Hermann, ich bin dein Vater.“
Und nun wurde Heinz-Hermann alles klar, nun ergab ja alles einen Sinn.
Mathilde-Regine war jeder, der ihm je begegnet war. Sogar die weinende Frau
von damals, die keine beinlosen Kraken ertragen konnte. „Aber – aber
warum?“, hauchte er den Tränen nahe. „Weil du dich deiner Bestimmung
widersetzt hast“, antwortete Mathilde-Regine. „Spinnen solltest du züchten,
Spinnen! Doch du wolltest dich über dein Schicksal erheben und statt der
Spinnen unbedingt Kraken züchten. Du warst noch nie gut im Rechnen, jetzt
streng dich mal an. Wie viele Beine haben Spinnen?“ – „Siebzig oder acht.
Oder siebzig plus acht“, antwortete Heinz-Hermann. „Richtig. Und Kraken?“
## Der Kreis der 13 Kraken
Noch während Heinz-Hermann angestrengt nachdachte, bildete sich ein Kreis
von 13 Kraken um ihn und Mathilde-Regine. Kleinkrake K. wandt sich in
seinem Ärmel, und ihm schienen borstige Haare zu wachsen. Plötzlich lag der
aufdringliche Geruch von Spinnen-Stinkefüßen in der Luft. „Du hast dein
Leben lang nur Spinnen gezüchtet, ich habe dich nur glauben lassen, es
wären Kraken. Doch nun nehme ich den Bann von dir“, sagte Mathilde-Regine
jetzt, und ein Hauch von Triumph lag in ihrer Stimme.
Ihre Kleidung platzte auf – was Heinz-Hermann unter anderen Umständen
begrüßt hätte – und zum Vorschein kam ein gewaltiger, schwarzer, haariger,
achtbeiniger Spinnenleib, auf dem Kopf mit den acht Augen und den
bedrohlich knarzenden Kieferklauen thronte eine glänzende, goldene Krone.
Statt der 13 Kraken, die den magischen Kreis gebildet hatten, lauerten dort
nun 13 große Spinnen, die Heinz-Hermann aus 104 glänzenden Augen
erwartungsvoll ansahen. Und abermals regte es sich im Ärmel seines
purpurgestreiften Kraken- beziehungsweise Spinnenzüchterjacketts.
Er spürte ein Krabbeln, ein Drängen, es ächzte und stöhnte, und endlich
zwang er sich hervor: Prächtig sah er aus, der Kleinspinnerich K! Seine
achtundsiebzig Beinchen strampelten wohlig in der Luft, und er sah
Heinz-Hermann zufrieden an. Der wiegte das Tierchen liebevoll in seine
Armen und eine Welle von Zärtlichkeit durchflutete ihn. „Er hat die acht
Augen seines Großvaters“, flüsterte er glücklich …
20 Mar 2026
## AUTOREN
(DIR) Corinna Stegemann
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