# taz.de -- Die Wahrheit: Dackels wahres Gesicht
       
       > Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
       > (Teil 8). Heute: Die Masken fallen.
       
 (IMG) Bild: Der Lauf der Dinge findet langsam ein Ende
       
       Was bisher geschah: Heinz-Hermann beschäftigt sich mit seltsamen Dingen und
       mit Kraken und Spinnen. Und er geht Anrufen seines Vaters aus dem Weg, der
       ein Meisterspion war. Nur Dackel, Deckname Rupert Schulte, Heinz-Hermanns
       geheimnisvoller Auftraggeber, dringt immer durch. So auch in der
       verschlickten Hamburger Elbphilharmonie, wo Heinz-Hermann samt Käpt’n
       Tietsch gestrandet ist, um der sensationell geheimen Aufführung des
       sechsten Satzes des Schubert’schen Forellenquintetts beizuwohnen. Doch dann
       kommt ein Anruf von Dackel, der ihn nach Berlin beordert … 
       
       Sieben Stunden später stand Heinz-Hermann vor der „Großen Freiheit Nummer
       7“, der Segelschule am Berliner Bundesplatz. Allerdings war er nicht, wie
       Dackel gefordert hatte, aufgetakelt. Mit einem Rest Würde hatte er der
       Anweisung widerstanden. Er betrat den Shop der Segelschule, eine
       Schiffsglocke ertönte siebenmal, als er die Tür öffnete. Unter der Decke
       des vollgestopften Ladens hingen obskure Gegenstände: gebrauchte Holzbeine,
       verfilzte Stoffpapageien, verwitterte Ruder, verbogene Augenklappen,
       rostige Anker, verblichene Seekarten, entleerte Rumfässer …
       
       „Hallo, hallo? Dackel? Rupert? Rupert Schulte?“, rief Heinz-Hermann, und
       wie aus dem Nichts kam eine undefinierbare Gestalt auf ihn zu, deren Augen
       von einer überdimensionalen Kappe verdeckt wurden. Auf ihr stand in
       goldenen Großbuchstaben: „D.A.C.K.E.L.“. Das musste Rupert sein, dachte
       sich Heinz-Hermann und fragte laut: „Dackel? Was bedeutet eigentlich das
       ‚D.A.C.K.E.L.‘ auf der Kappe?“ Sein Gegenüber schwieg einen langen Moment,
       dann kam ihm krächzend eine Erklärung über die schmalen Lippen: „Deputy
       Attorney Commander King Elite Label.“ Heinz-Hermann stutzte: „Aber das
       ergibt doch gar keinen Sinn!“
       
       Statt einer Antwort griff sich der Unbekannte an sein Kinn und riss sich
       eine Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam ein eleganter älterer
       Schwarzer mit klugen braunen Augen. „Wer sind Sie?“, fragte Heinz-Hermann,
       und der Fremde antwortete mit gutturaler Stimme: „Herbie Hancock.“ Wie zum
       Beweis erklangen nun die ersten Takte seinen Welthits „Rockit“, zu dem
       einst Roboter in Anzughosen getanzt hatten. „Herbie Hancock? Aber das kann
       doch gar nicht sein“, wehrte sich Heinz-Hermann.
       
       ## Ulkige Ostdeutsche
       
       Statt einer Antwort griff sich Hancock an sein Kinn und riss sich eine
       Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam eine ulkig aussehende
       ostdeutsche Frau mittleren Alters. „Wer sind Sie?“, fragte Heinz-Hermann,
       und die Fremde antwortete mit kieksender Stimme: „Helga Hahnemann.“ Wie zum
       Beweis erklangen nun die ersten Takte ihres größten Hits „Berlin, du bist
       die Größte“, bei dem sie einst im Trenchcoat durch die Hauptstadt der DDR
       gewandelt war. „Helga Hahnemann? Aber das kann doch gar nicht sein“, wehrte
       sich Heinz-Hermann.
       
       Statt einer Antwort griff sich Hahnemann an ihr Kinn und riss sich eine
       Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam ein Mann mit halblangen
       blonden Haaren und einem kantigen nordischen Gesicht. „Wer sind Sie?“,
       fragte Heinz-Hermann, und der Fremde antwortete mit knarziger Stimme: „Hans
       Hartz.“ Wie zum Beweis erklangen nun die ersten Takte seines größten Hits
       „Die weißen Tauben sind müde“, bei dem er einst sehnsüchtig in die Ferne
       geschaut hatte. „Hans Hartz? Aber das kann doch gar nicht sein“, wehrte
       sich Heinz-Hermann.
       
       Statt einer Antwort griff sich Hartz an sein Kinn und riss sich eine
       Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam eine ältere Dame mit
       kurzem grauen Haar, die ihn aufmerksam fixierte. „Wer sind Sie?“, fragte
       Heinz-Hermann, und die Fremde antwortete munter: „Frau Ettwig, deine alte
       Musiklehrerin aus dem Gymnasium. Du warst schon früher in der Schule so!“
       Heinz-Hermann hätte gern gefragt, wie, aber traute sich nicht recht.
       
       Frau Ettwig hatte ihm einmal als Hausaufgabe für den Unterricht eine
       Strukturanalyse des Rockklassikers „In-A-Gadda-Da-Vida“ von Iron Butterfly
       gegeben. Daraufhin hatte er eine Tapetenrolle besorgt und das 17-minütige
       Stück tagelang immer wieder angehört und mit verschiedenen Farbstiften die
       einzelnen Instrumente, ihre Höhen und Tiefen sowie die Dauer ihres
       Einsatzes minutiös auf der Papierrolle vermerkt. Heraus kam ein zwölf Meter
       langes buntes wirres Strichwerk, das noch Jahre an der Wand des Musiksaals
       seiner Schule hing. Wie zum Beweis erklangen nun die ersten Takte von
       „In-A-Gadda-Da-Vida“, und Heinz-Hermann schüttelte sich vor Abscheu.
       Seither liebte er Kraken und Spinnen. „Frau Ettwig? Aber das kann doch gar
       nicht sein“, wehrte sich Heinz-Hermann.
       
       ## Düstere Gestalt
       
       Statt einer Antwort griff sich Frau Ettwig an ihr Kinn und riss sich eine
       Latexmaske hoch über den Kopf. Zum Vorschein kam eine düstere Gestalt, die
       Heinz-Hermann längst erkannt hatte. Reflexhaft aber fragte er: „Wer sind
       Sie?“, und der Fremde antwortete: „Ich … bin … dein … Vater!“ Das konnte
       sehr gut sein!
       
       „Und was willst du?“, wollte Heinz-Hermann wissen. „Ich bin kein
       Meisterspion mehr, sondern Musikagent. Und du, mit deinem Wissen vom
       ‚Forellenquintett‘ bis zu den ‚Weißen Tauben‘, wirst mir den Hit des
       Jahrhunderts erschaffen, den größten Ohrwurm aller Zeiten. Erst wird er die
       Menschen erfreuen, dann werden sie sich die Ohren zuhalten, schließlich
       werden ihre Gehirne zersetzt. Der Ohrwurm wird die tödlichste Waffe, die es
       je gegeben hat, und du wirst ihr Schöpfer …“
       
       Heinz-Hermann war entsetzt: „Aber den größten Ohrwurm gibt es doch schon.
       Das ist ‚Last Christmas‘!“ Sein Vater wischte den Einwand mit einer
       verächtlichen Geste weg. „Nein, der Ohrwurm wird ‚Mathilda-Regine‘ heißen“,
       befahl er. Heinz-Hermann aber griff instinktiv in seine Manteltasche, aus
       der er zu Abwehr eine abgegrabbelte Packung hervorzog, die er sich
       angeschafft hatte, nachdem er eine wissenschaftliche Studie gelesen hatte
       über das einzige Gegenmittel gegen Ohrwürmer. Hastig pulte er ein Kaugummi
       heraus und begann darauf herumzukauen …
       
       Fortsetzung demnächst
       
       11 Mar 2026
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Michael Ringel
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Agenten
 (DIR) Spion
 (DIR) Serie
 (DIR) Serie
 (DIR) Agenten
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Die Wahrheit: Dackel auf großer Fahrt
       
       Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
       (Teil 7). Heute: Putzi lebt und musiziert.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Dackel über Bord
       
       Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
       (Teil 6). Heute: Klabautermann am Steuer.
       
 (DIR) Die Wahrheit: Dackel im Tesla
       
       Der versponnene Krakenzüchter. Die etwas andere Fortsetzungsgeschichte
       (Teil 5). Heute: Verwundet auf der Flucht.