# taz.de -- Demografie und Wohlstand: Gehet hin und mehret euch
       
       > Mit vielen Kindern die alternde Gesellschaft vor Armut zu retten, ist ein
       > Mythos. Nicht die Zahl der Kinder ist entscheidend, sondern ihre Bildung.
       
       Die alternde Gesellschaft ist das bequemste Schreckgespenst der Neuzeit.
       Mit ihr lässt sich alles erklären und nichts verantworten. Steigen die
       Beiträge, fehlt Personal oder schließt die Dorfkneipe, ist die Demografie
       schuld. Sie ist anonym, gesichtslos, schicksalhaft. Doch die [1][Angst vor
       Alter und Niedergang] ist vor allem eine Erzählung, die regelmäßig
       politisch aufgeladen wird, eine Leinwand für Verteilungskonflikte,
       Abstiegsängste und der Sehnsucht nach einfachen Antworten.
       
       Schon der Ökonom Julius Wolf schrieb vor fast 100 Jahren, dass die
       Bevölkerungsfrage von heute in ihrem tiefsten Grund „eine Frage der Ordnung
       der Welt ist“. Das gilt bis heute. Demografischer Wandel ist nicht neu. Er
       begleitet die Moderne seit Beginn der Industrialisierung, und stets sagten
       Stimmen, dass mit dem Volk etwas nicht stimmen würde. Mal waren es zu viele
       Menschen, mal zu wenige, mal bekamen Reiche zu wenige Kinder, mal Arme und
       Fremde zu viele.
       
       Den Anfang der modernen Katastrophenlyrik machte [2][Thomas Malthus]. 1798
       erklärte der Pfarrer und Ökonom in seinem „Bevölkerungsgesetz“, es gebe zu
       viele Menschen. Er sah sie in einem ungleichen Wettlauf, denn die
       Nahrungsmittel würden langsamer wachsen, als die Zahl der Menschen. Ein
       Naturgesetz, glaubte er. Unabänderlich. Mehr Wohlstand, mehr Hilfe für die
       Armen führe nur zu mehr Kindern. Ein Kreislauf des Elends.
       
       Nur: Das Naturgesetz gab es nicht. Als Malthus seinen Essay schrieb, lebten
       auf der Erde etwa 1 Milliarde Menschen, heute gut 8 Milliarden. Damals
       litten 85 Prozent an extremer Armut, heute etwa 9 Prozent. Damals bekam
       eine Frau im globalen Durchschnitt 6 Kinder, heute – dank besserer Bildung
       und mehr Frauenrechten – etwa 2,2. Mehr Wohlstand erzeugt nicht mehr
       Kinder, sondern weniger. Er stabilisiert Gesellschaften.
       
       Aber Malthus war nützlich. Er entlastete die Herrschenden. Gilt Armut als
       Naturgesetz, fragt keiner, wem das Land gehört, warum die Löhne niedrig
       sind oder wer an der Macht ist. Als in den 1840er Jahren in Irland wegen
       einer schlechten Kartoffelernte über eine Million Iren starben, lobte ein
       britisches Regierungsmitglied die Katastrophe als ein „effektives
       Instrument gegen die Überbevölkerung“.
       
       ## Mit Zahlen Angst schüren
       
       Armut wurde dank Malthus privatisiert. Ein Gedanke, der auch heute in der
       Debatte um den Sozialstaat mitschwingt. Soziale Probleme werden zu
       Bevölkerungsfragen umgeschrieben und sind so augenscheinlich keine Folgen
       von Verteilungspolitik und Machtverhältnissen. Malthus war einer der
       Ersten, der Angst schürte und dafür Zahlen nutzte. Das war neu, im 18.
       Jahrhundert rechnete kaum jemand. Erst im 19. Jahrhundert begannen
       Wissenschaftler zu ermitteln. Menschen, Tote, Geburtenraten.
       
       Zahlen machten Soziales sichtbar, aber sie machten auch Angst.
       Apokalyptiker mögen Zahlen, denn nichts ist besser als eine Angst, die sich
       auf die Kommastelle berechnen lässt. Später im 19. Jahrhundert, als
       Rassismus und Nationalismus aufstiegen, wurden Zahlen zum politischen
       Instrument. Es wurde klassifiziert und sortiert, nach guten und schlechten
       Genen. Wer zum Volk gehört, wer nicht, war entscheidend geworden. Das
       erinnert an die Gegenwart und den Kulturkampf, den Rechtspopulisten
       inszenieren.
       
       Die Armen waren erneut schuld, diesmal, weil ihre angeblich schlechten Gene
       die Nation dahinsiechen lassen würden. Und der entstehende Sozialstaat,
       weil er die natürliche Auslese verhindern würde. Nicht viel anders als
       heute, wo nicht wenige den Staat für marode halten, weil sich zu viele in
       die „soziale Hängematte“ legen würden. Der Sozialstaat als teurer Ballast.
       
       ## Nicht die Menge macht´s, sondern der Konsum
       
       Nach dem Zweiten Weltkrieg verlagerte sich die Angst. Die reichen
       Nordländer fürchteten den erstarkenden Süden. Der Planet könne nicht alle
       Menschen aushalten, hieß es, und schuld waren erneut die Armen, und zwar
       jene, die im Süden lebten und mit ihren vielen Kindern das Überleben des
       Homo sapiens gefährdeten. Dieser Gedanke taucht heute in der
       [3][Klimadebatte] auf, wie vor einiger Zeit die frühere
       Entwicklungsministerin Svenja Schulze bewies, meinte sie doch „damit eine
       nachhaltige Entwicklung möglich wird, muss das Wachstum der Bevölkerung
       abgeschwächt werden“.
       
       Doch die Welt hat kein Bevölkerungsproblem, die Welt hat ein
       Lifestyle-Problem. Nicht die vielen Afrikanerinnen lassen den Planeten
       schwitzen, sondern der Lebensstil reicher Nationen. Deutschland kommt auf 8
       Tonnen Kohlendioxid pro Kopf und Jahr, Burundi, wo jede Frau im
       Durchschnitt fünf Zöglinge zur Welt bringt, im gleichen Zeitraum auf 0,07
       Tonnen Kohlendioxid. Nicht zu viele Kinder schaden der Zukunft, sondern
       [4][zu viel Konsum].
       
       Die Demografie war in diesen Debatten nie eine neutrale Dienstleisterin.
       Sie saß meist an der Seite der Macht. Mit Zahlen lässt sich leicht
       regieren, sie waren und sind, wie der Historiker Jürgen Osterhammel sagt,
       „eine Redeweise politischer Rhetorik“. Statistiken werden zu
       Machtinstrumenten, sind äußert praktisch, weil sie objektiv wirken.
       
       Besonders Frauen bekamen das zu spüren. Wenn sie für ihre Rechte kämpften,
       tauchten stets Männer auf, die für den Staat Kinder forderten und
       [5][Geburtenkontrolle untersagten]. Wer Anfang des 20. Jahrhunderts in den
       Niederlanden oder Italien Verhütungsmittel verkaufen wollte, wurde
       bestraft. „Demografische Debatten waren immer schon verdeckte Debatten über
       die Rolle der Frau“, sagte einmal [6][Alice Schwarzer].
       
       ## Der Frauenkörper als Staatsangelegenheit
       
       Daran hat sich erstaunlich wenig geändert. Wenn ein FAZ-Autor vor einiger
       Zeit die Nachwuchsfrage als Kernproblem der Gesellschaft bezeichnete, weil
       davon der „zukünftige Aufstieg oder Niedergang dieses Landes abhängen“
       würde, klingt das wie ein Echo aus der Kaiserzeit. 1912 sah der Mediziner
       Carl Tönniges den Geburtenrückgang als „eine Krankheit des deutschen
       Staatsorganismus“. Damals sollten Frauen das Vaterland retten. Heute
       mindestens das Renten-, Pflege- und Gesundheitssystem sanieren, plus den
       Fachkräftemangel beheben und für Wachstum sorgen. Der Frauenkörper wird zur
       Staatsangelegenheit.
       
       Doch nicht die Zahl der Kinder entscheidet über die Zukunft, sondern ihre
       Bildung. Wären Geburtenraten der Schlüssel zum Glück, müsste in Staaten wie
       Afghanistan, Nigeria oder Mali das Paradies herrschen. Frauen bekommen dort
       im Durchschnitt vier, fünf oder mehr Zöglinge. Aber mir ist kein Experte
       begegnet, der je von der afghanischen Rente geschwärmt hätte.
       
       Überhaupt die Rente. Ihr Untergang gehört seit bald 100 Jahren zum festen
       Spielplan der Republik. Begonnen hat der Politiker Gustav Hartz, der
       bereits 1932 vor der „immer größer werdenden Zahl von Alten„ warnte,
       seitdem beschwört ein Heer von Schwarzsehern regelmäßig ihr Ende, aber die
       Rentenversicherung lebt weiter. Und sie lebt nicht schlecht. Wie
       unverschämt. Die Arbeitnehmer ächzen nämlich nicht unter mehr, sondern
       weniger Rentenlasten.
       
       Der Rentenbeitrag fiel von 20,3 Prozent des Bruttolohns im Jahr 1999 auf
       18,6 Prozent im Jahr 2025, und das, obwohl wir seit der Jahrtausendwende
       drei Millionen mehr Ruheständler haben, die fast fünf Jahre länger leben.
       Es zahlen auch nicht weniger Menschen in die Rentenkasse ein, sondern mehr.
       Zuletzt lag die Zahl der sozialversicherungspflichtig Beschäftigten bei 35
       Millionen Menschen. Das ist Rekord. Das Verhältnis zwischen Beitragszahlern
       und Rentnern liegt bei zwei zu eins, weitgehend stabil seit bald 30 Jahren.
       
       ## Die Mythen entzaubern
       
       Und der Staat? Zahlt auch nicht mehr. Relativ gesehen. Der
       Bundesfinanzminister überwies um die Jahrtausendwende ähnlich wie heute
       etwa ein Viertel seines Etats an die Rentenkasse. Mehr Rentner, die länger
       leben und ein niedrigerer Beitrag. Deutschland kann altern, ohne dass das
       Land kollabiert. Wir sind produktiver geworden, haben mehr Migranten, die
       arbeiten. Die Zuwanderung stabilisiert den Sozialstaat. Eine
       Erfolgsgeschichte. Eigentlich. Aber sie will keiner hören. Sie passt nicht
       zur Untergangs-Saga.
       
       Warum die Mythen der Demografie so hartnäckig sind? Weil sie so oft erzählt
       worden sind, dass sie als gefühlte Wahrheiten gelten. Weil sie
       disziplinieren und sich vermarkten lassen. Wer will nicht vorsorgen, wenn
       ihm ständig eingeredet wird, dass er im Alter unter Brücken schläft? Die
       Erfolgsbilanz von Banken und Versicherern ist allerdings überschaubar.
       Überschaubar schlecht. Seit der Jahrtausendwende hatten wir drei Reformen:
       Riester-Rente, Rürup-Rente, Pflege-Bahr.
       
       Alle drei waren Flops, die einzige Gewinnerin hieß Finanzindustrie. Oder
       man denke an die [7][Berliner Zahnärzte], deren Pensionskasse vermutlich
       eine Milliarde Euro für die Alterssicherung verzockte. Darüber wird leiser
       geredet, dafür mehr über [8][die bösen Boomer], und dass wir alle länger
       arbeiten sollen. Doch die Rente mit 67 hat der Rentenkasse wenig gebracht,
       genau genommen 3,2 Milliarden Euro – acht Jahre nach der Einführung. Da die
       Rentenkasse etwa 1 Milliarde Euro pro Tag ausgibt, reicht das Geld für eine
       halbe Woche. Reine Symbolpolitik. Keine Stütze für die Zukunft.
       
       Nein, die alternde Gesellschaft meistern wir nur, wenn die Mythen der
       Demografie entzaubern. Die Rente ist nicht so schlecht wie sie
       Ökonomie-Professorinnen reden, und die Nöte von Kranken- und
       Pflegeversicherung liegen vor allem am politischen Management, nicht daran,
       dass die Alten die Kliniken und Wartezimmer stürmen. Die Prognosen waren
       von jeher schlecht. Seit 100 Jahren soll Deutschland schrumpfen und ist
       gewachsen, trotz Millionen Toter im Zweiten Weltkrieg.
       
       Der Rentenbeitrag sollte heute bei 27, 28 Prozent liegen, waren sich die
       „Experten“ um die Jahrtausendwende sicher. Er liegt bei 18,6 Prozent. Den
       demografischen Wandel schaffen wir nicht mit mehr Zumutungen und weniger
       Staat. Sondern nur mit einem besseren Staat. Einem Staat, der sich um
       Arbeitsmarkt und Bildung kümmert, und so das Fundament unseres Sozialwesens
       sichert. Einem Staat, der Hürden abbaut, damit mehr Migranten, Frauen und
       Ältere arbeiten.
       
       Einem Staat, der die Schulen reformiert, damit weniger Bildungsverlierer
       zurückbleiben. Und mit Gelassenheit gegenüber der apokalyptischen
       Zahlenmystik. Die alternde Gesellschaft ist kein Schicksal. Sie ist eine
       Ausrede. Und Ausreden haben immer einen Zweck.
       
       15 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
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