# taz.de -- Wiederherstellende Moderne: Wie verhindern wir eine progressive Mehrheit?
       
       > Nicht die AfD ist das Problem, das gelöst werden muss, sondern die
       > Bedürfnisse der Zeit sind es. Es braucht ordentliche konservative
       > Politik.
       
 (IMG) Bild: Winfried Kretschmann (r, Bündnis 90/Die Grünen) könnte genauso wenig „bei der CDU“ sein wie sein potenzieller Nachfolger Cem Özdemir
       
       Dass faules und unsauberes Denken das größte Problem dieser Zeit ist, will
       ich nicht behaupten. Aber vielleicht ist das ja doch so. Gerade auch von
       unsereins. Womöglich sogar von mir. Man kann keine Probleme lösen, wenn man
       die Ursachen nicht verstanden hat. Und man kann keine „Zukunft gestalten“,
       wenn man nicht weiß oder wissen will, in welcher Gegenwart man lebt.
       
       Das geht mir speziell dann durch den Kopf, wenn grüne Politikerinnen oder
       auch normale Menschen sich routiniert als „progressiv“ bezeichnen oder gar
       von „progressiven Mehrheiten“ reden. Die einen denken, dass ihre Leute das
       hören wollen, und die wiederum denken, dass man das halt bei ihrem Stamm
       sagen müsse, gerade in dieser schlimmen Zeit. Eigentlich denkt also
       niemand. Ah, doch – die große Mehrheit denkt: Bleibt mir bloß weg mit eurem
       Verständnis von „progressiv“. [1][Zukunft hat eh geschlossen].
       
       Ich würde aber argumentieren, dass es unsere Aufgabe ist, progressive
       Mehrheiten zu verhindern. Denn die einzige progressive Partei ist die
       rechtspopulistische bis rechtsextreme AfD. Sie will, wie ich sie verstehe,
       das Bestehende hinwegfegen, die liberale Demokratie, die pluralistische und
       vielfältige Gesellschaft, das diese Liberalität schützende Rechtssystem,
       seriös arbeitende Wissenschaft und Medien. Ich dagegen will, dass wir diese
       Dinge, dass wir unsere offene Gesellschaft behalten. Das ist eindeutig ein
       konservatives Bedürfnis.
       
       Um das Wort mal upzudaten: Konservativ ist nicht Heino, Jens Spahn und
       [2][fetischhaftes Wurstgefresse]. Konservativ ist eine zeitgemäße Kultur,
       die das Bewahren unserer gesellschaftlichen und planetarischen Grundlagen
       verbindet mit der Bereitschaft, sich innerhalb seines Systems für die dafür
       notwendigen Reparaturen zu engagieren – von der Bahn über die Parteien bis
       zu uns Medien.
       
       ## Konservatismus auf der Höhe der Zeit
       
       Es wird keine linksprogressive Moderne geben können, weil es dafür keine
       Welt gibt. Aber eine wiederherstellende Moderne ist möglich. Dafür kann man
       eine Mehrheit gewinnen, aber nur, wenn man eine neue Deutungshoheit über
       das Wort „konservativ“ erringt.
       
       Noch eine These: Wir haben hier keinen „Rechtsruck“. Die meisten Leute
       haben kein Bedürfnis nach Hass und „Menschenfeindlichkeit“, sondern nach
       Halt, Sicherheit, Heimat, danach, dass ihr Alltag funktioniert und sie sich
       als Teil von etwas Gutem oder zumindest Ordentlichem spüren können. Armin
       Nassehi würde sagen, sie haben „[3][konservative Bezugsprobleme]“. Die muss
       man lösen. Das gilt für nahezu jede individuelle Identitätsvorstellung.
       
       Deshalb kann eine liberaldemokratische Mehrheit nur durch ordentliche
       konservative Politik bewahrt werden. Das kann man übrigens alles aus dem
       Klassiker des neuen Konservatismus herauslesen, Winfried Kretschmanns
       „Worauf wir uns verlassen wollen“. Und nein, liebe Kurzdenker: Der grüne
       Ministerpräsident von Baden-Württemberg könnte genauso wenig „bei der CDU“
       sein wie sein potenzieller Nachfolger Cem Özdemir. Eben genau nicht, weil
       die CDU den Konservatismus nicht auf die Höhe der Zeit und ihrer
       planetarischen Notlage bringen will oder kann.
       
       To wrap it up: Nicht die AfD ist das Problem, das gelöst werden muss,
       sondern die Bedürfnisse der Zeit sind es. Ich würde deshalb vorschlagen,
       das Progressiv-Gequatsche mal schön zu lassen, den Konservatismus zu
       übernehmen und so upzudaten, dass die Bedürfnisse der Zeit erfüllt werden
       können. Das heißt nicht, dass wir progressive Bedürfnisse aufgeben müssten.
       Wir müssen sie lediglich zu konservativen Bedürfnissen machen. Das klingt
       lapidar, aber das ist seit 1968 der einzige Weg, der funktioniert.
       
       25 Jan 2026
       
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