# taz.de -- Aufmerksamkeitspolitik: „Immer mehr Menschen merken, dass etwas nicht stimmt“
> Meta & Co stehlen unsere Aufmerksamkeit, sagt die Filmemacherin Alyssa
> Loh. Einzeln kämen wir dagegen nicht an, deshalb brauche es eine
> Bewegung.
(IMG) Bild: Loh wünscht sich eine politische Bewegung, die Aufmerksamkeit befreit
taz: Alyssa Loh, wie viel Zeit haben Sie heute schon an Ihrem Smartphone
verbracht?
Alyssa Loh: Viel mehr als ich eigentlich wollte. Das passiert mir ständig
und vielen anderen auch.
taz: Warum können wir uns so schlecht von unseren Bildschirmen lösen?
Loh: Weil es eine Multibillionen-Dollar-Industrie gibt, deren zentrales
Ziel es ist, uns an unsere Geräte zu fesseln. Die bestbezahlten und
-ausgebildeten Ingenieur*innen der Welt entwickeln dafür ausgeklügelte
Technologien.
taz: Technologien wie das Infinite Scroll, also das unendliche Nachladen
von Bildern und Videos bei Tiktok und Co?
Loh: Genau. Infinite Scroll zählt zu den Dark Patterns, also jenen
Designmerkmalen von Software und Geräten, die darauf ausgelegt sind, uns
süchtig zu machen. Besonders Smartphones sind voll davon. Sie sind nicht so
konzipiert, dass wir damit tun können, was wir wirklich wollen.
taz: Sondern?
Loh: Smartphones sind darauf ausgelegt, die Ziele der Techkonzerne
voranzutreiben. Während du am Handy scrollst, messen Meta, Google und Co,
wie lange du in die eine oder andere Ecke deines Bildschirms schaust. Sie
verfolgen, was dich interessiert. Und je länger du an deinem Gerät bist,
desto mehr Daten können sie von dir sammeln – um sie an den Meistbietenden
zu verkaufen.
taz: In Ihrem neuen Buch [1][„Attensity! A Manifesto of the Attention
Liberation Movement“] beschreiben Sie diese Praktiken als „[2][Fracking] an
Menschen“. Ist das nicht etwas übertrieben?
Loh: Nein. So wie das Fracking zur Gewinnung von Erdgas unsere äußere
Umwelt zerstört, schadet das Fracking der Techbranche unserer inneren
Umwelt. Es verschmutzt unseren Geist und unsere Sinne, kann zu
Depressionen, Angstzuständen und Gefühlen der Isolation führen – besonders,
aber längst nicht nur, bei jüngeren Generationen.
taz: Sie schreiben, bedroht sei dabei etwas ganz Grundsätzliches: unsere
Aufmerksamkeit.
Loh: Richtig. Die Techindustrie stiehlt sie uns, um Geld daraus zu machen.
Je mehr wir von unseren Bildschirmen sitzen, desto weniger Aufmerksamkeit
widmen wir anderen Dingen, die uns möglicherweise mehr Freude bereiten und
viel besser tun würden.
taz: Zum Beispiel?
Loh: Das kann alles Mögliche sein: lesen, klettern, backen, mit einer
Freund*in sprechen oder mit dem Hund spazieren gehen.
taz: Viele Menschen versuchen, weniger am Handy zu sein. [3][Sie schrieben
kürzlich in der New York] [4][Times], dadurch würden wir zu „ängstlichen
Buchhaltern unserer eigenen Aufmerksamkeit“. Was meinen Sie damit?
Loh: Viele verstehen Aufmerksamkeit heute vor allem numerisch. „Oh mein
Gott“, denken sie ständig, „ich habe schon wieder 17 Minuten auf Instagram
verbracht.“ In Ihrer ersten Frage haben Sie mich auch direkt nach meiner
Screentime gefragt.
taz: Warum soll das ein Problem sein?
Loh: Aufmerksamkeit ist viel mehr als eine Zeitspanne. Es ist eine Art, in
der Welt präsent zu sein, mit dem Geist und den Sinnen. Sie beeinflusst,
wie wir unser Leben erfahren, wie es sich anfühlt, mit unseren Kindern,
Eltern, Freunden zu sein. Für vieles Gute im Leben ist die Aufmerksamkeit
zentral. Auch für die Demokratie.
taz: Inwiefern?
Loh: Für einen produktiven politischen Diskurs müssen Menschen sich
einander zuwenden, zuhören – sich also Aufmerksamkeit schenken, gerade wenn
sie unterschiedlicher Meinung sind. Das klappt am besten, wenn sie sich im
echten Leben begegnen. Die digitalen Räume, in denen heute viele politische
Debatten ausgetragen werden, sind zunehmend monetarisiert und so gestaltet,
dass sie produktive Gespräche verunmöglichen.
taz: Weil soziale Medien polarisierende Beiträge an mehr Menschen
ausspielen?
Loh: Zum Beispiel, ja. Die Techkonzerne verdienen viel Geld an unserer Wut
und daran, uns zu spalten. Isoliert vor unseren Geräten geraten wir zudem
leichter in ideologische Silos. Es ist schwer vorstellbar, dass die
Polarisierung in den USA den heutigen Krisenpunkt ohne die zunehmende
Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit erreicht hätte.
taz: Mit Ihrem neuen Buch wollen Sie eine politische Bewegung anstoßen. Sie
soll die Aufmerksamkeit befreien. Wie stellen Sie sich das vor?
Loh: Wir kämpfen für einen kulturellen Wandel. Wir wollen verändern, wie
Leute über ihre Aufmerksamkeit nachdenken und mit ihren Mitmenschen darüber
sprechen. Wenn wir die Kommerzialisierung der Aufmerksamkeit aufhalten
wollen, müssen wir ein Verständnis von Aufmerksamkeit schaffen, das nicht
numerisch, also nicht wirtschaftlich verwertbar ist.
taz: Könnte die Techbranche nicht einfach besser reguliert werden?
Loh: Meine Co-Autor*innen und ich sind Kulturmenschen. Sicherlich gibt es
viele mögliche Gesetzesänderungen, die der Befreiung der Aufmerksamkeit
förderlich wären. Aber uns geht es darum, den wirklichen Wert der
Aufmerksamkeit als öffentliche Idee zu etablieren.
taz: Und wie genau wollen Sie verändern, wie Menschen über ihre
Aufmerksamkeit nachdenken?
Loh: Wir fangen nicht bei null an. Die meisten Menschen praktizieren
bereits hin und wieder Aufmerksamkeitsaktivismus. Nur sehen sie das nicht
so. Wir wollen sie also zunächst dazu einladen, darüber nachzudenken, wann
und in welchen Momenten ihres Lebens sie sich aufmerksam fühlen.
taz: Wie merkt man denn, ob man aufmerksam ist?
Loh: Wenn die Welt und andere Menschen uns echt und nah erscheinen, wir den
Kontakt zu ihnen mit unserem Geist und unseren Sinnen spüren. Statt leer
und fremd fühlen wir uns dann im besten Fall energetisiert und erneuert.
Mir geht das beispielsweise so, wenn ich jemanden Neues treffe und die
Person plötzlich ganz anders ist, als ich es mir im Kopf vorgestellt habe.
Für andere Menschen kann das ganz Verschiedenes sein: eine Dinnerparty,
sich um ein Kind kümmern, mit fünf Freunden Skaten gehen oder Bridge
spielen, zum Beispiel.
taz: Wie wird daraus eine Bewegung?
Loh: Indem immer mehr Leute merken, wann und wo sie wirklich aufmerksam
sind und diese Räume dann ausbauen und mit anderen teilen. Museen,
Bibliotheken, Leseklubs, Basketballplätze, Yogastudios – sämtliche Orte, in
denen wir unsere Smartphones in die Tasche stecken, können Orte des
Aufmerksamkeitswiderstands sein.
taz: Könnten sich nicht alle einfach so vornehmen, weniger am Handy zu
sein?
Loh: Das wird nicht genügen. Zwischen uns Menschen und der Techbranche gibt
es eine immense Asymmetrie. Viele beginnen erst jetzt, über die Rolle der
Aufmerksamkeit in unserem Leben nachzudenken. Die wirtschaftliche
Ausbeutung der Aufmerksamkeit wurzelt hingegen in über einem Jahrhundert
militärischer und laborbasierter Forschung. Mit der Erfindung des iPhones
hat sie sich noch einmal intensiviert. Um dieser Asymmetrie zu begegnen,
braucht es kollektives Handeln, also eine Bewegung. Die zentrale Idee, um
die sie sich organisieren kann, ist: Aufmerksamkeit. Sie ermöglicht soziale
Identität für Menschen ganz verschiedener Hintergründe, weil alle vom
Aufmerksamkeitsdiebstahl betroffen sind.
taz: Was macht Ihnen Hoffnung, dass eine solche Bewegung gegen die Macht
der Techkonzerne ankommen kann?
Loh: Es ist immer schwer, sich etwas anderes als die Gegenwart
vorzustellen. Aber ein Blick in die Geschichtsbücher genügt, um zu sehen:
Alle möglichen sozialen Rechte, die wir heute kennen, schienen zunächst
unerreichbar. Und doch wurden sie von breiten Bewegungen erkämpft. Die Welt
wird sich wieder ändern.
16 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.penguinrandomhouse.com/books/782387/attensity-by-the-friends-of-attention/
(DIR) [2] /Fracking/!t5009129
(DIR) [3] https://www.nytimes.com/2026/01/10/opinion/attention-world-war-2-technology-nazis.html
(DIR) [4] https://www.nytimes.com/2026/01/10/opinion/attention-world-war-2-technology-nazis.html
## AUTOREN
(DIR) Tobias Bachmann
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