# taz.de -- Tod von Drogenboss El Mencho: Kampf um Deutungshoheit entbrannt
> Nach dem Tod von Drogenboss El Mencho bricht eine Gewaltwelle los und
> soziale Medien werden von Fake News geflutet. Wem nützt das Chaos?
(IMG) Bild: Guadalajara am 22. Februar: In mehreren mexikanischen Bundesstaaten wurden Straßen mit brennenden Autos und Bussen gesperrt
Dutzende Pick-ups mit schwerbewaffneten, vermummten Nationalgardisten
geleiteten den weißen Transporter der Gerichtsmedizin durch die Innenstadt
von Mexiko-Stadt. Es war kurz vor 18 Uhr Ortszeit am Sonntagabend, als der
Konvoi vor dem Gebäude der Staatsanwaltschaft für Organisierte Kriminalität
am zentralen Boulevard Paseo de la Reforma eintraf. Er brachte, wie kurz
darauf bestätigt wurde, die Leiche von Nemesio Oseguera Cervantes, 59
Jahre, Gründer und Anführer des paramilitärischen Cártel de Jalisco Nueva
Generación (CJNG), des mächtigsten Drogenkartells Mexikos.
Am Morgen hatte das mexikanische Militär Cervantes auf einer Ranch nahe
Tapalpa, gut 600 Kilometer westlich der Hauptstadt, festgenommen. Das
Verteidigungsministerium veröffentlichte Videoaufnahmen von der Stürmung
der Ranch. Bei dieser wurden offiziellen Angaben zufolge vier
Kartell-Miglieder vor Ort getötet, drei weitere schwer verletzt. Die drei
Verletzten seien an Bord eines Militärflugzeugs auf dem Weg nach
Mexiko-Stadt gestorben. Unter ihnen sei auch der „El Mencho“ genannte
Cervantes gewesen, der das CJNG vom westmexikanischen Bundestaat Jalisco
aus ab 2009 aufgebaut hatte.
Insgesamt wurden am Sonntag im Zusammenhang mit der Festnahme 17
Armeeangehörige und 8 Kartellmitglieder getötet. Das Militär habe bei der
Aktion unter anderem gepanzerte Fahrzeuge und Raketenwerfer sichergestellt.
„[1][Das Imperium von Jalisco] ist am Ende“, schrieb das Militär auf „X“.
„Nach dem Sturz von El Mencho macht sich die mexikanische Armee nun an die
anderen Mörder.“
[2][Das CJNG ist für seine extreme Brutalität bekannt.] Nach Angaben des
schwedischen Uppsala Conflict Data Program gehen rund 75.000 Morde auf das
Konto des Jalisco-Kartells. Die mexikanische Regierung schätzt, dass das
CJNG ein Vermögen von 50 Milliarden Dollar angehäuft hat.
## Gewaltwelle in Touristenort Puerto Vallarta
[3][Das Kartell reagierte auf die Festnahme mit schwerer Gewalt.] Bis zum
Abend zählten mexikanische Medien 252 Straßenblockaden in 20 der insgesamt
32 mexikanischen Bundesstaaten, vor allem im Nordwesten des Landes.
In der besonders bei US-Amerikanern als Urlaubsziel beliebten Stadt Puerto
Vallarta an der Pazifikküste von Jalisco legten mutmaßliche Angehörige des
CJNG nach Angaben der Stadtverwaltung an verschiedenen Stellen Brände,
unter anderem in Einkaufszentren. Videoaufnahmen zeigen Urlauber am Strand,
umringt von hohen Rauchsäulen, Armeehubschrauber in der Luft.
Am späten Vormittag kursierten Videos vom Flughafen in Guadalajara, der
Hauptstadt von Jalisco. Sie zeigten panische Menschen, die aus dem
Flughafengebäude fliehen, nachdem Gerüchten zufolge bewaffnete Männer in
das Gebäude eingedrungen seien. Tatsächlich war das Behördenangaben zufolge
nicht der Fall. Gleichwohl wurden an den Flughäfen Puerto Vallarta,
Guadalajara, Manzanillo und Tepic bis zum Abend insgesamt 237 Flüge
gestrichen, vor allem, weil Airline-Mitarbeiter:innen wegen der
Straßenblockaden nicht durchkamen.
Die US-Botschaft rief US-Bürger:innen in weiten Teilen des Landes dazu auf,
in Wohnräumen oder ihren Hotels Schutz zu suchen und diese nicht zu
verlassen. Die Präsidentin Claudia Sheinbaum rief zur Ruhe auf: „In den
meisten Teilen des Landes laufen die Aktivitäten ganz normal weiter.“
## Kampf um Deutungshoheit
Washington hatte ein Kopfgeld von 15 Millionen Dollar auf Cervantes
ausgesetzt. Die USA hätten der mexikanischen Regierung
„nachrichtendienstliche Unterstützung“ bei der Operation in Tapalpa zur
Verfügung gestellt, sagte US-Regierungssprecherin Karolin Leavitt am
Sonntag. „‚El Mencho‘ war als einer der größten Fentanyl-Schmuggler in
unser Land ein Hauptziel der mexikanischen und der US-amerikanischen
Regierung“, so Leavitt. 2025 hatten die USA das Jalisco-Kartell als
„ausländische terroristische Organisation“ eingestuft.
Die Beteiligung der USA an Cervantes’ Festnahme befeuerte in den sozialen
Medien einen von Fake News und Verschwörungsideologie durchzogenen Kampf um
die Deutungshoheit über die Ereignisse. Schon ab dem frühen Nachmittag
kursierten offensichtlich KI-generierte Videos, die schwerste Zerstörungen
in mexikanischen Städten zeigen sollten und massenhaft verbreitet wurden.
Influencer, die offenkundig dem rechten MAGA-Lager zuzurechnen waren,
streuten unter anderem die Behauptung, dass die Kartellmitglieder von der
Ukraine trainiert worden oder von US-Präsident Joe Biden faktisch
aufgerüstet worden seien, weil dieser zugelassen habe, dass das Kartell
sich Kriegswaffen beschafft habe. Die nun ausbrechende Gewalt sei Beweis,
dass die „Kommunistin“ Claudia Sheinbaum unfähig sei, Mexiko zu regieren.
Der Schlag gegen das Kartell sei entsprechend ein Erfolg Trumps.Umgekehrt
war auf mexikanischen Social-Media-Accounts zu lesen, die Festnahme
Cervantes sei ein Schachzug Trumps, um Sheinbaum zu stürzen, indem diese an
der Bewältigung des nun erwartbar ausbrechenden Chaos scheitere. Die Aktion
des mexikanischen Militärs wurde so gleichsam zu einem Angriff auf die
mexikanische Souveränität umgedeutet, der dazu dienen solle – ähnlich wie
in Venezuela – Sheinbaum durch eine Pro-Trump-Regierung zu ersetzen.
Indes stellten sich am Sonntag die Gouverneure aller 31 Bundesstaaten und
des Distrikts Mexiko-Stadt in einer Erklärung hinter Sheinbaum. „Wir
würdigen die koordinierte Arbeit der Streitkräfte und des
Sicherheitskabinetts“, heißt es in einer Erklärung. Man bekräftige „unsere
uneingeschränkte Bereitschaft“, Sheinbaums Strategie „weiter zu stärken“.
23 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Jalisco-Kartell-in-Mexiko/!5788419
(DIR) [2] /Drogenhandel-in-Mexiko-Fliehen-vor-der-Kartellgewalt/!6131092
(DIR) [3] /Ausschreitungen-in-Mexiko/!6156746
## AUTOREN
(DIR) Christian Jakob
## TAGS
(DIR) Mexiko
(DIR) Drogenkartell
(DIR) Claudia Sheinbaum
(DIR) Ausschreitungen
(DIR) Social-Auswahl
(DIR) Reden wir darüber
(DIR) Mexiko
(DIR) Drogenkartell
(DIR) Mexiko
(DIR) Mexiko
(DIR) Podcast „Bundestalk“
(DIR) Mafia
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Deutsche nach dem Tod von „El Mencho“: Hauptsache, die WM findet statt
75 Tote in Mexiko nach der Tötung des Drogenbosses „El Mencho“ und hier
sorgt man sich vor allem um das Sommermärchen. Eine seltsame
Prioritätensetzung.
(DIR) Kämpfe nach Tod von Drogenboss: 25 Nationalgardisten in Mexiko getötet
Nach dem Tod von Drogenboss El Mencho eskaliert die Gewalt. Das ist die
aktuelle Lage in Mexiko.
(DIR) Mexikos Kampf gegen Drogenkartelle: Schüsse statt Umarmungen
Dass Mexikos Präsidentin militärisch gegen die Kartelle durchgreift, ist
richtig. Sie sollte auch gegen die Politiker vorgehen, die davon
profitieren.
(DIR) Ausschreitungen in Mexiko: Gewaltwelle nach Tötung von Drogenboss El Mencho
Nach dem Tod des Anführers des Drogenkartells Jalisco brennen Häuser und
Barrikaden. Präsidentin Claudia Sheinbaum ruft dazu auf, Ruhe zu bewahren.
(DIR) Rechtsruck in Südamerika: Kehrt die Politik der 70er Jahre nach Südamerika zurück?
Chile rückt nach rechts, die USA drohen Venezuela. Der Bundestalk ordnet
ein, wie sehr Südamerika politisch unter Druck gerät.
(DIR) Jalisco-Kartell in Mexiko: Mafia bedroht Medien
In Mexiko droht ein Drogenkartell einer Nachrichtensprecherin mit dem Tod.
Der mexikanische Präsident sagte ihr Schutz zu.