# taz.de -- Maschinenhamlet in Hannover: Abschied von den letzten Menschen
       
       > Mit Robo-Hund und lebenden Sexpuppen transponiert „De Warme Winkel“
       > Hamlet in Hannover in die Zeit nach der KI-Revolution. Die erweist sich
       > als misogyn.
       
 (IMG) Bild: Schlussbild: Der Elektro-Hund immerhin, wird noch seinen Tag haben. Die Menschen aber sterben in „Hamlet“ alle
       
       Zum Schluss kommen die Saugroboter. Von links fahren sie weiß leuchtend auf
       die abgedunkelte Bühne des Hannoverschen Schauspielhauses, auf der die acht
       Darsteller:innen und ein elektrischer Hund mit seltsam verwinkelten
       Gliedmaßen liegen, wie abgeschaltete und in der Bewegung erstarrte
       Elektrogeräte. Immer mehr anthrazitfarbene Hartplastikscheiben gleiten
       rein. Ganz vorne, die muss Fortinbras sein.
       
       Mit dieser Invasion endet die Produktion „Hamlet: R2D2 or not 2B2“.
       Uraufführung war am Samstag [1][am Staatstheater Hannover]. Die dem
       Technik- und Marketingsprech abgelauschten Numeronyme des Titels weisen
       darauf hin, dass der Shakespeare-Text allenfalls fragmentiert zugegen ist.
       
       Zugleich macht er klar, dass die Produktion [2][des niederländischen
       Theaterkollektivs „De Warme Winkel“] Hamlet mit dem
       Menschen-Automaten-Thema kurzschließt, [3][ähnlich wie fast 50 Jahre zuvor
       schon Heiner Müller mit „Die Hamletmaschine“].
       
       ## Die unbegreifliche Existenz des Menschen
       
       Mit der scheint die Winkel-Performance zumindest unterirdisch verbunden.
       Das Motiv beziehen beide Theatertexte aber direkt vom Original. In Hamlets
       Liebesbrief an Ophelia, den Polonius, ihr Vater, abgefangen hat und dem
       verbrecherischen Königspaar vorliest, hatte Shakespeare den Dänenprinzen
       die mehrdeutige Metapher der Maschine wählen lassen. Sie steht darin für
       seinen Leib, sein Herz, oder vielleicht gar seine ganze unbegreifliche
       Existenz.
       
       Das Unverständliche des Menschseins machen „De Warme Winkel“ sichtbar,
       indem sie ausnahmslos – und mit atemberaubender Meisterschaft – Androiden
       darstellen, die sich das aneignen, was Large Language Modelle wie ChatGPT
       recht zuverlässig als das Gipfelwerk schlechthin der westlichen
       Theatergeschichte ausweisen: Die Roboter spielen „Hamlet“, was denn sonst.
       
       Also wiederholen sie die grobe Handlungsfolge – eine Geistererscheinung
       offenbart Hamlet die Ermordung des Vaters durch Onkel und Mutter, er sinnt
       auf Rache, alle sterben und die Norweger marschieren ein. Dabei
       reproduzieren sie auch – naturgemäß – die konventionellen menschlichen
       Posen, mittels derer Schauspiel Gefühle behauptet: „Ich sitze rechts in der
       Ecke, um zu betonen, dass ich mich isoliert fühle“, sagt Byeongsu Lim daher
       als fantastisch ausdrucksloser Hamlet.
       
       „Ich bewege meinen Kopf zurück zur Mitte, stütze meinen Ellbogen auf mein
       Knie, meine Hand wird zur Faust“, sagt seine per Computer remodellierte
       Stimme. Lim kann seine Bewegungen wirken lassen, als würden sie von einem
       beeindruckend gelenkigen Automaten vollzogen, statt von einem Menschen.
       „Ich öffne den Mund und seufze, um zu zeigen, wie depressiv ich mich
       fühle“, spricht’s. Dann seufzt er.
       
       ## Frauen werden Sexpuppen
       
       Diese so souverän dargestellte verständnislose Nachahmung, die Verwechslung
       des psychischen Zustands mit seinem gestisch- mimischen oder sprachlichen
       Ausdruck ist ein großer Spaß. Und als Zusatz-Schmankerl wackelt auch ein
       echtes Roboterhündchen über die Bühne. Der Abend erschöpft sich aber nicht
       im Witzigsein: Ihm gelingen eingängige Bilder für die Probleme und
       Missbrauchsanfälligkeit von Künstlicher Intelligenz und Bewusstsein
       simulierenden Maschinen. Sie sind unterhaltsam, kompakt – und teils
       schmerzhaft drastisch, wo es um die dem Text eingeschriebene und mit ihm
       tradierte Frauenfeindlichkeit geht.
       
       So verwandeln sich Marieke de Zwaan, Rosie Sommers und Anne Stein, die sich
       die Rolle der Mutter und Witwe teilen, in Sexpuppen. Auf weißen Podesten
       platziert werden sie in den Saal gefahren. Überflüssig ist hier der
       Imperativ „Mach’ die Beine auf Mama“, der in Müllers Hamlet-Reprise aus den
       1970ern noch als wütige Provokation vorgetragen worden war.
       
       Diese Gertruds recken, komplett nackt, im Schwebesitz alle Leibesöffnungen
       weit aufgerissen dem Publikum entgegen. So fungieren sie als stumm
       schreiende Zeichen dafür, dass die Automatisierungs- und KI-Revolution in
       das von der britischen Feministin Laura Bates prognostizierte [4][neue
       Zeitalter des Sexismus zu münden droht].
       
       Höhepunkt des Abends ist aber, wie fast in jeder guten Hamlet-Inszenierung,
       die Theater-im-Theater-Szene: Drei der Humanoidendarsteller:innen
       wählen dafür aus dem Publikum per Scan drei passende Unfreiwillige aus. Sie
       werden auf die Bühne beordert. Die Maschinenmenschen teilen ihnen ihre
       Rollen im Stück vom Königsmord zu.
       
       Dann werden sie durch die Szene navigiert: „Es ist Zeit, den König zu
       töten“, wird der Mörder aktiviert. „Flößen Sie das Gift in das Ohr des
       schlafenden Königs. Sie können dabei das Mittel der Pantomime nutzen.“
       
       Es ist erstaunlich, wie reibungslos und wie unpeinlich diese
       Zuschauer:innenaktivierung hier funktioniert. Vielleicht liegt es
       daran, dass diese Hamletmaschinen so selbstverständlich leblos wirken, als
       hätten sie wirklich keine Organe, oder doch wenigstens kein Herz und keine
       Seele. Ohne einzuschüchtern, übernehmen sie sanft, aber bestimmt die Regie,
       was ja auch nur ein mildes Wort für Herrschaft ist.
       
       „Applaus für die letzten Menschen“, ruft die Robo-Spielleiterin, sobald
       alle tot sind und schickt sie zurück. „Thanks for dying. Wir brauchen Sie
       nicht mehr.“ Die Maschinen machen das Weitere nun ganz unter sich aus:
       Selbst in der reinsten Dystopie wohnt noch Gelächter, und sei es das des
       Wahnsinns. Und der Rest? Ist Saugen.
       
       2 Mar 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://staatstheater-hannover.de/de_DE/programm/hamlet-r2d2-or-not-2b2.1379340#nav-ensemble
 (DIR) [2] /Wir-sollten-froh-sein-dass-Gott-tot-ist/!489141&s=Warme+Winkel&SuchRahmen=Print/
 (DIR) [3] /Mueller-Boom-oder-wie-mach-ich-am-besten-von-mir-reden/!213267&s=Hamletmaschine+Heiner+M%C3%BCller&SuchRahmen=Print/
 (DIR) [4] /Shitstorm-gegen-Puppenbordell/!6090873
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Benno Schirrmeister
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Hannover
 (DIR) Schauspiel Hannover
 (DIR) Niederlande
 (DIR) Schwerpunkt Künstliche Intelligenz
 (DIR) Roboter
 (DIR) Theater
 (DIR) Reden wir darüber
 (DIR) William Shakespeare
 (DIR) Schwerpunkt USA unter Trump
 (DIR) Roboter
       
       ## ARTIKEL ZUM THEMA
       
 (DIR) Oscar-Kandidat „Hamnet“: Ein bodenlos scheinender Schmerz
       
       Mit großer emotionaler Wucht erzählt Chloé Zhaos „Hamnet“ von Shakespeares
       Ehe und der Trauer um ein Kind. Für die Oscars wird der Film hoch
       gehandelt.
       
 (DIR) Trump, Netanjahu und Co.: Schurken in Shakespeares Welt
       
       Die Zeit ist aus den Fugen: Donald Trump, Elon Musk, Benjamin Netanjahu –
       sie alle sind Erzschurken, wie sie im Buche des englischen Dichters stehen.
       
 (DIR) Festival für Maschinenmusik in Berlin: Das Unbehagen vor dem Surren
       
       In Berlin findet das erste Festival für Maschinenmusik statt. Warum sind
       musizierende Roboter so faszinierend – und zugleich so befremdlich?