# taz.de -- Rumänischer Film „De capul nostru“: Wenn Kinder sich selbst großziehen
> Der Spielfilm „De capul nostru“ (On Our Own) von Tudor Cristian Jurgiu
> folgt Jugendlichen in Rumänien. Ihr Leben organisieren sie ohne ihre
> Eltern.
(IMG) Bild: Luca (Vlad Furtună) in „De capul nostru“
„Könntest du mich bitte würgen? … Just for fun.“ Die Teenager Flavia und
Luca sitzen nah zusammen in einem Zimmer. Es ist Nachmittag und in der
Wohnung scheint weiter niemand zu sein. Der Junge versteht den Spaß nicht
so ganz, trotzdem erfüllt er – sehr vorsichtig – das Verlangen des Mädchens
und presst seine Hände auf ihren Hals. Die Stimmung, die am Anfang zwischen
den beiden eher spielerisch war, verändert sich im Handumdrehen.
Luca findet es nicht lustig, er springt auf und will erst mal nichts von
Flavia wissen. Die 14-Jährige ruft ihm hinterher, dass sie jetzt eh nichts
Ernsthaftes mit ihm anfangen möchte.
Mit „De capul nostru“, was Rumänisch für „auf eigene Faust“ steht, hat
Regisseur Tudor Cristian Jurgiu eine fließende und persönliche Bildsprache
gefunden, um auf das Thema der „elternlosen“ Jugendlichen in seinem Land
aufmerksam zu machen. Ungefähr 150.000 Kinder leben in Rumänien auf sich
selbst gestellt[1][, da ihre Eltern monate-, manchmal auch jahrelang ins
Ausland faktisch auswandern], um dort hauptsächlich als Pflegekräfte bei
fremden Familien oder auf dem Bau zu arbeiten.
Dies ist auch der Fall bei Flavia und Luca (natürlich und überzeugend
gespielt von Denisa Vraja und Vlad Furtună), deren Eltern in Italien leben,
um dort Geld zu verdienen. Ihre Rückkehr nach Hause ist unklar und wird
immer wieder verschoben. Flavia reagiert auf die Situation sarkastisch und
frech. Ein Höhepunkt ist ein dringendes „Familienmeeting“ mit ihren Eltern
– per Videocall. Die Bildschirme stehen zwischen den Gefühlen, jederzeit
könnte man den anderen wegklicken und davongehen.
## Unvorhersehbarkeit der Ereignisse
Die Jugendlichen leben in einer Art Parallelwelt, in der sie versuchen,
ihre Version der Familie auszuleben und von der älteren Generation in Ruhe
gelassen zu werden, was ihnen meistens gelingt. Die Filmszenen folgen
unvermittelt aufeinander, scheinbar ohne Plan, abrupt wie mitunter auch im
Leben. Das erleichtert es dem Zuschauer nicht sofort, aber wenn man sich
darauf einlässt, wird die Unvorhersehbarkeit der Ereignisse fesselnd.
Luca hört, anders als Flavia, von seinen Eltern kaum etwas. Wenn seine
kleine Schwester Tina (souverän und lebhaft: Mara Diaconu Ducica) in der
Schule zu wild wird und andere Kinder verprügelt, übernimmt der Bruder
[2][bei der Elternversammlung die väterliche Rolle].
Es ist nicht klar, ob er sich der Ernsthaftigkeit der Situation bewusst
ist, oder ob er die Erwachsenen auf den Arm nimmt, wenn er mit gefühlloser
Miene behauptet, mit der rebellierenden Schwester schon alles versucht zu
haben, auch Gewalt – selbstverständlich. Die Erwachsenen reagieren darauf
mit Sprachlosigkeit, interessieren sich dafür aber nicht weiter, was Lucas'
Ziel zu sein scheint.
Die Teenagergruppe bewegt sich nach ihrem Tempo und baut sich ihre eigene
Welt. Das tut der Film auch. Man spürt gleichzeitig ein Gefühl von Freiheit
und Gefahr. Zwei jüngere Kinder – die Geschwister Lia und Dudu – tauchen
plötzlich bei Luca und der kleinen Tina auf. Sie sind von zu Hause
weggelaufen und wissen noch nicht genau, wohin. Für eine kurze Zeit gelingt
es, eine „Kinderfamilie“ ins Leben zu rufen, in der Luca und Flavia ganz
schnell erwachsen werden müssen.
Das Experiment wird bald ausbrennen, genauso wie der Inhalt des Pakets der
Eltern mit Geschenken und Leckereien aus Italien, das die Kinder in einem
beiläufigen Feuerritual vernichten.
19 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Osteuropa-zwischen-EU-und-Russland/!6132569
(DIR) [2] /Roman-von-Katerina-Poladjan/!6111033
## AUTOREN
(DIR) Sara Piazza
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Berlinale
(DIR) Arbeitsmigration
(DIR) Jugend
(DIR) Coming-of-Age-Film
(DIR) Schwerpunkt Wahlen in Rumänien
(DIR) Film
(DIR) Kinder
## ARTIKEL ZUM THEMA