# taz.de -- „Wilder Wald“ in Hamburg: Frostiges Warten auf die Sägen
       
       > Aktivist*innen befürchten, dass der „Wilde Wald“ in Wilhelmsburg
       > gerodet wird. Bis zum Ende der Baumfällsaison halten sie täglich eine
       > Mahnwache ab.
       
 (IMG) Bild: Widerstand im Schnee: Aktivist*innen befestigen Protestbanner gegen die Rodung des „Wilden Waldes“ in Wilhelmsburg
       
       Es ist kalt an diesem Freitagmorgen, minus 5 Grad zeigt das Thermometer.
       Aber die frostigen Temperaturen halten die sieben Aktivist*innen vom
       Bündnis „WiWa bleibt!“ und der Bürger*inneninitiative
       „Waldretter*innen“ nicht davon ab, für den Erhalt des „Wilden Waldes“ im
       Hamburger Stadtteil Wilhelmsburg einzustehen. Das kleine Waldstück ist
       gefährdet, [1][weil dort das Wohnquartier Spreehafenviertel mit rund 1.100
       Wohnungen entstehen soll].
       
       Am frühen Morgen haben sie sich zu einer Mahnwache versammelt. Denn ab dem
       1. März gilt nach dem Bundesnaturschutzgesetz ein Baumfällverbot, bis dahin
       wollen die Aktivist*innen täglich dort sein. Falls Rodungsmaschinen
       anrollen, wollen sie bereit sein, sich ihnen in den Weg zu stellen. Immer
       wieder kommen Menschen dazu, andere müssen weiter zur Arbeit. Am Freitag
       der Vorwoche seien rund 20 Personen da gewesen, erzählt der Aktivist Tak,
       der auch heute wieder dabei ist.
       
       „Wilder Wald“, so nennen die Aktivist*innen ein etwa 8 bis 10 Hektar
       großes Waldstück zwischen einem Industriegebiet, einem Deich und einem
       Wohnquartier. Während der Sturmflut 1962 hatten dort Bewohner*innen
       einer Kleingartenanlage ihr Leben verloren. Nach der Katastrophe wurde das
       Gebiet sich selbst überlassen – so entstand ein sogenannter Pionierwald.
       
       [2][Dieser Wald ist tatsächlich etwas wilder als gewöhnlich]. Anders als
       bei klassischen Naherholungswäldern oder einem Wirtschaftswald gibt es nur
       einen einzigen von der Stadt unterhaltenen Weg. Der Rest besteht aus
       Trampelpfaden, einer Lichtung und einem Baumhaus, das Aktivist*innen
       errichtet haben.
       
       ## Wald soll Wohnungen weichen
       
       An diesem Tag sind im Schnee viele Fußspuren zu sehen, immer wieder ist das
       Klopfen eines Spechts zu hören. Offenbar wird der Wald genutzt, von Mensch
       und Tier.
       
       Im Flächennutzungsplan von 1968 ist das Areal noch als Industriegebiet
       ausgewiesen – ein Grund, warum das dort entstandene Grün nie als
       offizieller Park oder Schutzfläche gesichert wurde.
       
       Mit dem Konzept „Stromaufwärts an Elbe und Bille“ wurde das Gebiet 2014 für
       das Spreehafenviertel umgewidmet, das offiziell als eines der
       Schlüsselprojekte des „Sprungs über die Elbe“ identifiziert wurde. Dieser
       soll die Lücke zwischen dem Hafenrand und dem Wohngebiet Wilhelmsburg
       schließen. 1.100 Wohnungen sollen im Spreehafenviertel entstehen. Dafür
       muss ein Großteil der Bäume weg.
       
       Das wollen die Aktivist*innen nicht hinnehmen. „Es heißt immer, Hamburg
       sei relativ grün. Nur Wälder in der Stadt, die gibt es kaum“, sagt Luca.
       Chris springt ihr bei und verweist auf [3][die „Zeiten der Klimakrise und
       des Artensterbens“, in denen „der Wald erhalten bleiben muss“]. Die
       Bewohner*innen des dicht besiedelten Wilhelmsburg könnten doch nicht
       „ewig weit mit dem Auto oder Nahverkehr zum nächsten Wald fahren“, findet
       Tak.
       
       ## Genehmigung für Teilrodung erteilt
       
       Der Konflikt spitzt sich nun zu: Das Spreehafenviertel befindet sich zwar
       noch in der Planung, doch am 12. Februar hat das Bezirksamt Hamburg-Mitte
       die Genehmigung für eine erste Teilrodung erteilt.
       
       Dabei geht es um eine Fläche von 790 Quadratmetern, die die Stadt einem
       angrenzenden Bauunternehmen im Tausch gegen ein kleineres Stück ihres
       Firmengeländes angeboten hat – das entspricht einem Zehntel eines
       Fußballfeldes und rund 1 Prozent des Wilden Waldes. Doch den
       Aktivist*innen geht es ums Prinzip. Sie wollen die „Salamitaktik“ der
       Behörden und Teilrodungen mit „fadenscheinigen Begründungen“ nicht dulden.
       „Der Wilde Wald bleibt ganz!“, steht auf einem ihrer Transparente.
       
       Unterstützung erhalten sie vom Naturschutzbund Hamburg (Nabu). Der
       Umweltverband hat gegen die erteilte Genehmigung Widerspruch eingelegt.
       Aber: „Die dürfen so lange mit dem Abholzen beginnen, bis wir mit einer
       einstweiligen Verfügung kommen“, sagt Tak.
       
       Der Nabu bestätigt, dass sein Widerspruch keine aufschiebende Wirkung hat.
       Deshalb stehen der Umweltverband und die Aktivist*innen in direktem
       Kontakt, um schnellstmöglich einen Stopp der Rodung erzwingen zu können.
       
       [4][Bitter stößt den Aktivist*innen die Rolle der Politik auf]. Denn im
       vergangenen Jahr sah alles nach einem kleinen Erfolg für die
       Unterstützer*innen des Wilden Waldes aus. Im Bürgerschaftswahlkampf
       hieß es im Programm der Hamburger Grünen noch: „Wir unterstützen die
       Forderung nach einem vollständigen Erhalt des Pionierwaldes.“
       
       ## Die Hälfte der Bäume soll stehen bleiben
       
       Doch im Koalitionsvertrag mit der SPD, der ein halbes Jahr später
       beschlossen wurde, ist dieses Bekenntnis verschwunden. Stattdessen wird das
       Spreehafenviertel dort als eines der Wohnungsbauprojekte aufgeführt, für
       die Bebauungspläne „zügig vorangetrieben“ werden sollen.
       
       Leon Alam, Co-Landesvorsitzender der Grünen in Hamburg, begründet diesen
       Widerspruch gegenüber der taz mit der „Kompromissfindung“, die bei den
       Koalitionsverhandlungen nötig gewesen sei. „Wir hätten den Wilden Wald gern
       vollständig gerettet“, sagt er. Es sei aber ein vertretbarer Kompromiss
       gefunden worden. Bezahlbares Wohnen sei schließlich „die große soziale
       Frage unserer Stadt“.
       
       Der Kompromiss besteht darin, dass als Ausgleich an anderer Stelle –
       „direkt in Wilhelmsburg“ – aufgeforstet werden soll. Außerdem soll „fast
       die Hälfte – 45 Prozent – des Baumbestandes des Wilden Waldes erhalten“
       bleiben, die „besonders erhaltenswerten Bäume“ seien dabei bereits
       identifiziert worden.
       
       ## Aktivist*innen kritisieren „Demokratietheater“
       
       Für Luca ist das eine „spannende Bewertung von Natur“. So ein Wald sei doch
       „viel komplexer“. Einzelne Bäume zu betrachten ergebe keinen Sinn, „aber
       das kommt bei denen gar nicht an“. Auch Tak ist unzufrieden: „Was soll ich
       denn machen, wenn ich in 40 Jahren hier noch einen Wald haben möchte? Da
       gibt es keinen Kompromiss.“
       
       Die Beteiligungsverfahren, die zu großen Teilen von der städtischen
       Stadtentwicklungsgesellschaft IBA Hamburg organisiert werden, empfinden die
       Aktivist*innen als „Demokratietheater“ und „Akzeptanzmanagement“. Es
       werde zwar „immer wohlwollender“ kommuniziert. Es gehe aber nicht mehr
       darum, ob das Spreehafenviertel komme, sondern nur noch darum, „wie und
       wann“ es komme.
       
       Das soll auch beim Neujahrsempfang der SPD deutlich geworden sein, erzählen
       die Aktivist*innen. Als sie dort von Aktivist*innen konfrontiert worden
       sei, habe Stadtentwicklungssenatorin Karen Pein (SPD) eine Evokation ins
       Spiel gebracht.
       
       Bauvorhaben fallen in Hamburg grundsätzlich in die Zuständigkeit der
       Bezirke; dort entscheidet die Bezirksversammlung über die Planung und das
       Bezirksamt über die Genehmigung. Mittels einer Evokation könnte der
       Hamburger Senat die Entscheidungsgewalt an sich ziehen und den Bezirk
       faktisch entmachten, wenn ein Bauprojekt von „gesamtstädtischer Bedeutung“
       ist.
       
       Für Aktivist Tak ist das reines „Politiktheater“. Seit 2017 leiste man
       Widerstand, doch die Drohung mit der Evokation zeige, dass der Bürgerwille
       im Zweifel übergangen werde. „Bei mir sorgt das für Politikverdrossenheit“,
       sagt er.
       
       ## Kaum Widerstand im Bezirk
       
       Ob der Senat das Projekt tatsächlich an sich ziehen muss, ist jedoch
       fraglich. Denn Widerstand gibt es im Bezirk kaum. Theresa Rothberg von der
       Grünen-Bezirksfraktion Mitte stellt auf taz-Nachfrage klar: Man orientiere
       sich an der Koalitionsvereinbarung auf Landesebene.
       
       Zwar gebe es im Bezirk und insbesondere in Wilhelmsburg eine „starke
       Sensibilität“ für den Wert der Fläche. Doch Rothberg verweist auf das
       „Spannungsfeld zwischen ökologischer Verantwortung und sozialer
       Verantwortung für bezahlbaren Wohnraum. Genau diesen Zielkonflikt versuchen
       wir transparent, verantwortungsvoll und unter Einbeziehung der
       Öffentlichkeit zu bearbeiten.“
       
       Für Chris wirkt das, als fielen die Grünen „dem Naturschutz immer wieder in
       den Rücken“. Sigrun Clausen von den Waldretter*innen betont dennoch die
       Gesprächsbereitschaft der Aktivist*innen. Sie rede gern weiter mit den
       Entscheider*innen, das nächste Mal „aber bitte im Wald“.
       
       Bis dahin harrt die kleine Gruppe weiter in der Kälte aus. Ob die
       Rodungsarbeiten tatsächlich noch im Februar beginnen, wird sich in den
       nächsten Tagen zeigen.
       
       23 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
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