# taz.de -- Lanzmann im Jüdischen Museum Berlin: Ein bisher ungehobener Schatz
> Eine Ausstellung im Jüdischen Museum Berlin macht Tonbandaufnahmen von
> Claude Lanzmann hörbar. Sie stammen aus dem Audioarchiv seines
> Dokumentarfilms „Shoah“.
(IMG) Bild: Aus der Ausstellung „Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen“
„Ich glaube, hätte uns ein Stein gesehen, er hätte geweint.“ Sara Gol singt
Rikle Glezers Lied über [1][die Erschießung der litauischen Jüdinnen und
Juden in Ponar]. Claude Lanzmann sitzt in Gols Wohnzimmer im amerikanischen
Jacksonville und hört zu. „Do you understand?“, fragt sie ihn. Er
antwortet: „Yes, yes. Go on.“ In Lanzmanns Stimme vermischen sich Trauer
und Wärme.
So singt sich Sara Gol knapp dreißig Jahre nach Kriegsende Zeile für Zeile
durch das jiddische Lied mit dem Refrain: „Der Feind hat sein großes Ziel
erreicht.“ Lanzmann hat sein Aufnahmegerät eingeschaltet. Es ist eine frühe
Aufnahme für den geplanten Film „Shoah“. Mangels Drehgenehmigung an den
Originalschauplätzen in der UdSSR wird der Holocaust in Litauen in „Shoah“
nicht thematisiert.
Die Sammlung Lanzmann im Jüdischen Museum Berlin umfasst über 220 Stunden
Tonbandaufnahmen. Es sind meist sondierende Erstgespräche, die Lanzmann und
seine Mitarbeiterinnen, Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy, in den
1970er Jahren mit Überlebenden, Tätern und Dritten führten.
## Durchwanderbar mit einem Kopfhörer
Zum 100. Geburtstag von [2][Claude Lanzmann] und zum 40. Jahrestag der
Filmpremiere in Paris öffnet das Jüdische Museum Berlin ein großes Fenster
zu diesem bisher ungehobenen Schatz. Mit einem Kopfhörer durchwandert man
die Ausstellung „Claude Lanzmann. Die Aufzeichnungen“. War man gerade noch
im akustischen Einzugsbereich von Sara Gol, bohrt sich zwei Schritte weiter
die Stimme von Lothar Fendler ins Ohr.
Fendler war 1941, in den ersten Monaten nach dem Überfall der Wehrmacht auf
die UdSSR, in verantwortungsvoller Stellung beim Sonderkommando 4b der
Einsatzgruppe C. Nachweisbar ist ihr unter anderem die Ermordung von Juden
und Jüdinnen im ukrainischen Shitomir. Fendler wurde 1948 zu zehn Jahren
Haft verurteilt, 1951 vorzeitig entlassen und sagt 25 Jahre später zu Irena
Steinfeldt-Levy: „In diesem Apparat war ich ein ganz kleiner Mann.“
Eduard Veesemayer, 1944 federführend beteiligt an der Deportation der
ungarischen Juden und Jüdinnen, 1949 zu zwanzig Jahren Haft verurteilt und
ebenfalls 1951 vorzeitig entlassen, sagt zu Steinfeldt-Levy: „Man will
einmal Ruhe haben.“ „Die meisten Täter haben uns eh die Tür vor der Nase
zugeschlagen“, erzählt sie im Interview, das den Auftakt der Ausstellung
bildet.
Drei Schritte weiter verlässt man den Täter-Radius und taucht ein in Claude
Lanzmanns erste Recherchereise nach Polen 1978. Er fragt den Überlebenden
Berek Rojzman: „Wie viele Schtetl gibt es noch in Polen, die so aussehen
wie früher, nur ohne Juden?“ Rojzman: „Hunderte.“ Lanzmanns Atem gibt
zuverlässig Auskunft über seine Gefühlslage. Hier setzt er aus. Bei seinem
ersten Auschwitzbesuch liest er sich durch die Adressen auf den Koffern. Er
steht vor einem Berg von Schuhcremedosen, flüstert „Johnson“ und seufzt
tief in sich hinein.
## Lanzmanns unorthodoxe Arbeitsbedingungen
Corinna Coulmas und Irena Steinfeldt-Levy waren Anfang der 1970er Jahre
blutjunge Frauen, die als Lanzmanns Mitarbeiterinnen ein ganzes
Lebensjahrzehnt dem Film „Shoah“ widmeten. Im Rahmen der
ausstellungsbegleitenden Konferenz „Der Klang der Geschichte. Claude
Lanzmanns Vorbereitung auf Shoah“ beschreiben sie mit viel Humor die
unorthodoxen Arbeitsbedingungen.
Dariusz Stola analysiert Lanzmanns Interview mit Henryk Wolinski, der
Mitglied [3][der polnischen Untergrundorganisation „Heimatarmee“] [4][]war
und deren Verbindungsmann zum jüdischen Widerstand im besetzen Polen.
Wolinski und seine jüdische Ehefrau versteckten damals sieben Menschen. 35
Jahre später lassen sich Lanzmann und Wolinski von ihr bedienen, ohne die
Holocaust-Überlebende in das Gespräch einzubeziehen. Und so wird während
der Konferenz das Prinzip Lanzmann, der Dreiklang Wissen-Begreifen-das
Unbegreifbare, intensiv beleuchtet, aber auch Lanzmanns blinde Flecken.
12 Mar 2026
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## AUTOREN
(DIR) Katja Kollmann
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