# taz.de -- Giftmüllverdacht in Oldenburg: Zweifelhafte Entwarnung für den Fliegerhorst
> Auf dem Areal, auf dem Wohnungen entstehen sollen, sei kein Giftmüll
> gefunden worden, sagt die Stadt. Aber Messwerte und Zeugen belasten die
> Verwaltung.
(IMG) Bild: Wurde hier illegaler Sondermüll verbuddelt? Baustelle auf dem ehemaligen Fliegerhorst in Oldenburg
Wer in Oldenburg einen To-go-Pappbecher achtlos wegwirft, muss 50 Euro
berappen. Eine entsprechende Bußgeldandrohung für diese alltägliche Sauerei
klebt auf dem Heck eines Stadtbusses der Linie 322, der vom Zentralen
Omnibusbahnhof (ZOB) zum ehemaligen Fliegerhorst fährt.
Auf dem früheren Militärgelände, das zu einem neuen Stadtteil für mehr als
3.000 Menschen werden soll, [1][verbirgt sich möglicherweise ein ungleich
größeres Umweltdelikt].
Auf dem einstigen Schießstand sollen mindestens 20.000 Tonnen Bauschutt und
verseuchtes Erdreich illegal vergraben worden sein, die mit Asbest,
polychlorierten Kohlenwasserstoffen und Teer belastet sind. Ein
Baggerfahrer hatte sich selbst bezichtigt, dort Fuhre um Fuhre verklappt zu
haben, statt das belastete Material ordnungsgemäß zu entsorgen.
Die Staatsanwaltschaft Osnabrück ermittelt in diesem Fall seit anderthalb
Jahren. Im Februar 2025 wurden dort mit richterlichem
Durchsuchungsbeschluss aufwändig Proben genommen. In einer anschließenden
Erklärung hieß es, dass von einem „flächendeckenden Eintrag von Abfällen im
Bereich der ehemaligen Schießbahn auszugehen“ sei.
## Stadt nennt Halde jetzt Sicherungsbauwerk
Umso erstaunlicher ist es, dass [2][Oberbürgermeister Jürgen Krogmann
(SPD)] nun in einer Pressemitteilung von „guten Nachrichten“ spricht – „für
alle Bürgerinnen und Bürger, die in diesem Stadtteil ihr neues Zuhause
gefunden und sich gesorgt haben, und natürlich für die Umwelt“.
Das niedersächsische Umweltministerium habe die Auffassung der Stadt
bestätigt, „dass es sich bei dem vermeintlichen unerlaubten Abfall
tatsächlich um Bodenablagerungen im Rahmen der geplanten Sicherungsmaßnahme
für dieses Areal handelt“.
Die Oldenburger Stadtverwaltung behauptet zudem, die mittlerweile begrünte
Halde sei ein sogenanntes Sicherungsbauwerk. Rechtlich gesehen ist ein
solches Sicherungsbauwerk keine illegale Deponie, sondern ein genehmigtes
technisches Bauwerk, das Schadstoffe durch Versiegelung sicher einschließt.
Dafür gelten allerdings strenge Vorschriften. So müssten entsprechende
Planungen etwa schriftlich fixiert und die Arbeiten dokumentiert werden,
sagt der Oldenburger Umweltrechtler Ulrich Meyerholt. Da im Fall des
Fliegerhorsts jedoch weder Genehmigungen noch Baupläne vorliegen und
Schadstoffe im Grundwasser gemessen wurden, steht der Vorwurf im Raum, dass
hier eine illegale Deponie lediglich nachträglich zum Bauwerk umetikettiert
werden soll.
## Grenzwerte sechsfach überschritten
Die Stadtverwaltung bestreitet auch stets eine Gefahr für Mensch und
Umwelt. Zunächst hieß es, es seien nur Baumstümpfe, Wurzeln und gesiebtes
Erdreich in die ehemalige Schießbahn gefahren worden. Später hieß es dann,
dass nach Berechnungen der eingebrachten Mengen gar nichts anderes möglich
sei.
Die Zahlen stammten allerdings vom beteiligten Abbruchunternehmen. Gegen
einen der Geschäftsführer wird wegen Betrugsverdachts und Bestechung bei
den Arbeiten auf dem Fliegerhorst ermittelt.
Im vergangenen August beschloss der Stadtrat, dass die Verwaltung ermitteln
solle, wer für die illegale Ablagerung verantwortlich ist, damit das
Material wieder vom Schießstand entfernt wird. Dies ist bislang jedoch
nicht erfolgt. Stattdessen wurden lediglich vier Grundwassermessbrunnen
gebohrt, die laut Oberbürgermeister Krogmann keine Auffälligkeiten zeigen.
Auch das ist nicht richtig. An der Messstelle „GWM MD 2“ wurde im April
2025 der sogenannte Prüfwert für Vinylchlorid um das Sechsfache
überschritten. Dies geht aus dem Protokoll hervor. Die Stadt wäre
verpflichtet gewesen, die Ursache der Belastung zu ermitteln. Stattdessen
wartet man ab. Im August war der Wert auf 1,9 Mikrogramm pro Liter
zurückgegangen und lag im November bei 0,7 Mikrogramm pro Liter – also
immer noch über dem Schwellenwert von 0,5 Mikrogramm pro Liter.
Vinylchlorid ist ein Grundstoff für die Plastikproduktion und gilt als
krebserregend. Ein Zusammenhang mit dem mutmaßlich abgelagerten Material
ist zumindest nicht ausgeschlossen, obwohl dies in einer aktuellen Sitzung
des Umweltausschusses vehement von der Verwaltung bestritten wurde. Auch
andere Anomalien bei den gemessenen Grundwasserwerten alarmieren Fachleute,
die dringend zu einer umfassenden Untersuchung raten.
## Gift in allen Baggerschürfen
Unbestritten ist, dass die Staatsanwaltschaft bei ihrer Durchsuchungsaktion
auf der Schießbahn vor einem Jahr [3][in allen sechs Baggerschürfen
krebserregende und giftige Stoffe fand.]
Die parteilose Ratsfrau Vally Finke ist entsetzt. Das
Landesumweltministerium in Hannover habe sich ausschließlich auf Zahlen und
Angaben der Stadtverwaltung gestützt. Offensichtlich hätten der
Sachbearbeiterin in der Behörde wichtige Informationen gefehlt.
Im grünen Umweltministerium scheint man sich in der Bewertung inzwischen
nicht mehr ganz so sicher zu sein. Ein Sprecher erklärte auf Anfrage, sich
wegen der laufenden Ermittlungen dazu nicht weiter äußern zu wollen.
22 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Christina Gerlach
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