# taz.de -- Friedensnobelpreisträger Denis Mukwege: „Seit 30 Jahren bestimmen Menschen mit Waffen mein Leben“
       
       > Denis Mukwege aus der DR Kongo ist weltweit berühmt für seine Arbeit mit
       > Vergewaltigungsopfern. Ein Interview über Auswege aus dem aktuellen
       > Krieg.
       
 (IMG) Bild: Denis Mukwege im Februar in Berlin
       
       taz: Dr. Mukwege, Sie waren auf der Münchner Sicherheitskonferenz. Die war
       vom Streit zwischen Amerika und Europa dominiert, anscheinend hat man sehr
       wenig über den Rest der Welt gesprochen. Wie haben Sie das erlebt?
       
       Denis Mukwege: Es ist eine Enttäuschung. Wenn man zu so einer Konferenz
       kommt aus einem Land, das seit drei Jahrzehnten an einem Krieg leidet, der
       mehr Opfer gefordert hat als alle anderen Kriege zusammen – dann hat man
       ein Gefühl von Doppelstandard, in dem manche Krisen und manche Gebiete
       wichtiger sind als andere. Aber es gibt keine Hierarchie des Leids.
       
       taz: US-Präsident Donald Trump brüstet sich, den Krieg bei Ihnen beendet zu
       haben, also den Krieg zwischen Kongo und Ruanda, und er findet, dass er den
       Friedensnobelpreis verdient. Was sagen Sie dazu? 
       
       Mukwege: Es beunruhigt, solche Aussagen hochrangiger Politiker zu hören. Es
       ist, als ob Worte ihren Sinn verlieren; man kann sagen, was man will, und
       es für wahr halten. Am Tag nach der [1][Unterzeichnung des Abkommens
       zwischen Kongo und Ruanda] am 4. Dezember wurde die Stadt [2][Uvira
       angegriffen], Drohnen flogen auf fliehende Zivilisten, es gab Hunderte
       Tote. Das Töten geht weiter, der Konflikt geht weiter.
       
       taz: Jetzt soll wieder ein Waffenstillstand in Kraft treten … 
       
       Mukwege: Wir wissen leider nicht, ob das ein richtiger Waffenstillstand
       wird oder bloß eine weitere Feuerpause. Wir wollen, dass diese Krise endet.
       30 Jahre Leid, 30 Jahre Kriegsverbrechen, Verbrechen gegen die
       Menschlichkeit, sexualisierte Verbrechen, das ist zu viel. Wir brauchen
       keine Reden mehr, wir brauchen konkretes Handeln, um den Krieg zu beenden.
       
       taz: Was heißt „konkretes Handeln“? 
       
       Mukwege: Am 21. Februar 2025 verabschiedete der UN-Sicherheitsrat
       einstimmig die [3][Resolution 2773]. Die verlangt einen Waffenstillstand,
       einen bedingungslosen Abzug Ruandas und der M23 und eine Auflösung der
       [4][M23-Parallelverwaltung]. Konkret handeln heißt, das internationale
       Recht geltend zu machen, und zwar für alle gleichermaßen.
       
       Aber diejenigen, die für das Töten verantwortlich sind, werden in Europa
       als Entwicklungsmodell gefeiert. Es ist traurig, Leuten den roten Teppich
       auszurollen, die Verbrechen gegen die Menschlichkeit begehen. Deutschland
       und die EU geben Geld in den Haushalt eines Landes, das als
       Verantwortlicher für Kriegsverbrechen gilt, für Aggression. Dieses Land zu
       finanzieren, heißt, Aggression zu finanzieren.
       
       taz: Sie meinen damit [5][Ruanda] – Deutschland hat Neuzusagen für Ruanda
       ausgesetzt und mit Kongos Regierung [6][höhere Entwicklungszusammenarbeit
       vereinbart]. 
       
       Mukwege: Egal ob Kigali oder Kinshasa: Wenn man Geld gibt, das in privaten
       Taschen landet oder das Milizen fördert, die vergewaltigen und zerstören,
       trägt man Verantwortung. Man hat die Verantwortung, zu verifizieren, was
       das Geld anrichtet.
       
       taz: Seit der UN-Resolution sind Verhandlungsprozesse in Gang gekommen –
       zwischen Kongo und Ruanda in den USA, [7][zwischen Kongos Regierung und den
       M23-Rebellen] in Katars Hauptstadt Doha. Bringt das was? 
       
       Mukwege: Wir sehen lauter Prozesse, die aufeinanderfolgen und sich ähneln,
       weil keiner das bringt, worauf die Bevölkerung hofft. Die Bevölkerung
       wünscht sich Frieden, keine Unterschriften auf Papieren, nach denen es
       weitergeht wie vorher. Wir hatten Luanda, Nairobi, Washington, Doha, jetzt
       Rufe nach einem kongolesischen Dialog. Es reicht!
       
       Wir schlagen eine internationale Friedenskonferenz für die Region vor, im
       Kontext des [8][Rahmenabkommens von Addis Abeba von 2013] über Frieden und
       Sicherheit in der DR Kongo und in der Region der afrikanischen Großen Seen.
       Dieses Abkommen wurde nie umgesetzt. Wir schlagen vor, es zu neuem Leben zu
       erwecken und zu erweitern: alle Unterzeichnerstaaten und dazu die
       Zivilgesellschaft, die großen Bergbaufirmen mit Interessen im Kongo, die
       kongolesischen Unternehmen. Sie alle müssen sich an einen Tisch setzen und
       miteinander reden, denn dies ist ein Wirtschaftskrieg.
       
       Es geht um die Kontrolle strategischer Mineralien. Bilaterale Abkommen mit
       Ruanda und der M23 berücksichtigen nicht die Lage in Ituri, wo Ugandas
       Armee steht, oder in Süd-Kivu, wo Burundis Armee steht. Wir haben Hunderte
       bewaffnete Gruppen in der Region. Also löst man das Problem nicht
       bilateral.
       
       taz: Trauen Sie der Regierung von Kongos Präsident Tshisekedi in Kinshasa
       das zu? 
       
       Mukwege: Das ist das größte Problem. Die Regierung kann das nicht. Wir
       müssen die Zivilgesellschaft fördern, die das Elend der Bevölkerung sieht.
       Im Kongo leben 27 Millionen Menschen in Ernährungsunsicherheit, es gibt
       sechs bis sieben Millionen Binnenflüchtlinge. Alle 4 Minuten wird eine Frau
       vergewaltigt, alle 30 Minuten ein Kind. Es ist ein Drama, wie wir es nie
       gesehen haben! Wie kann die Welt da gleichgültig bleiben?
       
       Wenn Kinshasa das nicht kann – der Konflikt in der DR Kongo ist ein
       globales Thema. Es werden internationale Verbrechen begangen, also muss die
       Antwort international sein, die internationale Gemeinschaft muss die
       Akteure an einen Tisch bringen. Die Krise geht uns alle an. [9][Kongo ist
       der weltgrößte Kobaltproduzent], in jeder Autobatterie steckt ein Stück
       Kongo. [10][Kongo ist ein Land mit viel Tantal], das findet sich in unseren
       Elektrogeräten. Wir alle sind betroffen.
       
       taz: Ihre Kritik an der Regierung in Kinshasa ähnelt teilweise dem, was die
       M23-Rebellen sagen. Kann man sagen, dass es in Ostkongos Kivu-Provinzen
       gemeinsame Interessen gegenüber schlechter Regierungsführung in Kinshasa
       gibt, über die Kriegsfronten hinweg? 
       
       Mukwege: Also ich habe kein gemeinsames Interesse mit Leuten, die Waffen
       auf das eigene Volk richten. Sie agieren auf Ruandas Befehl, sie kämpfen
       nicht für meine Interessen oder die Interessen der Bevölkerung von Kivu.
       Wer seine Waffen gegen das Volk richtet, kämpft nicht für das Volk. Man
       kann gute Regierungsführung auf andere Weise einfordern. Wenn Kongo eine
       gute Regierungsführung hätte, hätten wir eine gute Armee, die unsere
       Grenzen und unsere Bürger schützt. Das haben wir nicht.
       
       Alle Welt kann nach Kongo kommen. Kongo ist wie ein Schmuckgeschäft mit
       weit geöffneten Türen und Fenstern – die ganze Welt kommt zum Töten,
       Vergewaltigen, Plündern. Das muss sich ändern. Aber es ist nicht Aufgabe
       Ruandas oder der M23 oder irgendeiner anderen bewaffneten Gruppe, das zu
       ändern! Es ist die Aufgabe des kongolesischen Volkes, sich gemeinsam an
       einen Tisch zu setzen und das zu tun. Wenn jeder denkt, er kann mit Gewalt
       an die Macht kommen, werden wir nie Frieden aufbauen. Seit 1996 kommen
       immer Leute mit Waffen, um uns zu „befreien“, sie nennen das immer
       „Befreiung“, aber sie machen dasselbe wie ihre Vorgänger.
       
       taz: 2023 sind Sie [11][zu Kongos Präsidentschaftswahlen angetreten] und
       sind gescheitert, mit 0,2 Prozent der Stimmen. Sind die Institutionen immer
       gleich schlecht, egal wer regiert?
       
       Mukwege: Das Rahmenabkommen von Addis Abeba, das ich vorhin erwähnte,
       verpflichtet Kongos Regierung, die Armee und die Institutionen zu
       reformieren. Das heißt für mich eine funktionierende Justiz, um die ewige
       Wiederholung der Konflikte in der DR Kongo zu beenden. Ich bin zur
       Präsidentschaftswahl angetreten, weil derjenige, der früher das Amt
       bekleidet hatte (Joseph Kabila, Präsident 2001-19; Anm. d. Red.), nie
       versucht hat, die Armee oder die Institutionen zu reformieren oder das
       Justizproblem anzugehen.
       
       Als der jetzige Präsident (Félix Tshisekedi, Präsident seit 2019; Anm. d.
       Red.) an die Macht kam, hatten wir Hoffnung, dass er sich darum kümmert. Er
       hat es nicht getan. Wir brauchen Strafverfolgung, Wahrheitsfindung,
       Reparationen und Versöhnung. Es ist schade, dass es weitergeht mit
       undemokratischen Institutionen.
       
       taz: Ist es da nicht logisch, dass Leute zu den Waffen greifen? 
       
       Mukwege: Wenn Sie zur Waffe greifen und Ihre Mitbürger töten, sind Sie kein
       guter Staatsbürger mehr. Gewalt bringt nur neue Gewalt. Seit 30 Jahren
       bestimmen Menschen mit Waffen mein Leben. Das ist keine Lösung. Man muss
       die Dinge anders verändern.
       
       taz: Nach 30 Jahren Krieg gibt es im Osten der DR Kongo auch viele lokale
       Konflikte: um Land, um das Recht, wer wo leben darf; es gibt ethnische
       Stigmatisierung und Verteufelung. Wie löst man das? Das ist keine Frage der
       internationalen Diplomatie. 
       
       Mukwege: Diese Fragen werden von Politikern ausgenutzt, die das menschliche
       Zusammenleben nicht begreifen. Sie denken, sie können die Bevölkerung
       manipulieren, um sich eine Basis zu schaffen. Aber wenn man die Menschen
       gegeneinander aufbringt, um beliebt zu werden, ist das Populismus. Ich
       freue mich, dass die Bevölkerung der Kivu-Provinzen beginnt, das zu
       durchschauen. Lange Zeit wurden Ethnien manipuliert. Ruanda hat bestimmte
       Ethnien benutzt, um zu sagen, es muss sie schützen, aber jetzt sagen diese
       Ethnien: Wir haben euch nicht darum gebeten. So sollten alle denken.
       
       taz: Ist wirklich nur Manipulation das Problem? Ihre Stadt Bukavu ist in
       den Kriegsjahrzehnten explodiert, sie hat jetzt weit über eine Million
       Einwohner, Menschen im Elend drängeln sich an den Berghängen ohne
       Perspektiven. Um Goma ist es dasselbe. Es ist leicht, solche Leute zu
       manipulieren – aber wie macht man das Gegenteil? 
       
       Mukwege: Es ist sehr einfach für Populisten, eine Bevölkerung im Elend zu
       manipulieren, indem sie sagen: Ich bin einer von euch, ich werde etwas für
       euch tun. Aber inzwischen fragen sich in Süd-Kivu die Menschen: Wo sind
       denn die Abgeordneten, die wir gewählt haben? Die haben ihre Schäfchen ins
       Trockene gebracht, sie sind gut versorgt und sie haben die Bevölkerung in
       der Armut zurückgelassen. Das extreme Elend macht die Menschen anfällig für
       Manipulation.
       
       Nennen wir die Dinge beim Namen. [12][Gold im Wert von Milliarden wird
       außer Landes gebracht] – aus den Kivu-Provinzen exportieren Chinesen enorme
       Mengen an Gold, und die Kongolesen bleiben arm zurück. Firmen bekommen
       Abbaurechte und investieren nichts, sie waschen einfach das Gold aus den
       Flussbetten heraus, was auch Kongolesen selber tun könnten. Wer heute in
       Kongos Bergbaugebieten bleibt, muss eine Waffe tragen. Deswegen sind Städte
       wie Bukavu und Goma überfüllt. Die Leute suchen Sicherheit, sie verlassen
       die Bergbaugebiete, wo sie eigentlich ein Auskommen hätten, wo aber
       Bewaffnete herrschen.
       
       Wenn Kongos Regierende an die Bevölkerung denken würden und nicht nur an
       sich selbst, wären Kongos Reichtümer ausreichend, um die Bevölkerung zu
       ernähren und ihr ein stabiles Leben zu garantieren und damit die
       Manipulationen zu vermeiden, die auf Armut blühen.
       
       taz: Wie geht es Ihrem [13][Panzi-Krankenhaus] unter diesen Umständen? 
       
       Mukwege: Wir arbeiten unter sehr schwierigen Bedingungen. Die Bevölkerung
       kommt nicht an ihr Geld, die Banken sind geschlossen, viele
       Staatsangestellte haben Schwierigkeiten, ihre Gehälter zu erhalten. Viele
       Menschen können sich nicht einmal die Grundversorgung leisten. Auch die
       internationale humanitäre Hilfe fehlt, weil die allgemeine Aufrüstung dazu
       führt, dass Hilfsbudgets gekürzt werden. Das erzeugt Probleme in der
       Versorgung mit Medikamenten und Gesundheitsmaterial. Die Bevölkerung im
       Elend auf den Hügeln zahlt dafür den Preis, auch wenn das Krankenhaus offen
       ist.
       
       taz: Wurde das Krankenhaus direkt angegriffen? 
       
       Mukwege: Ich glaube nicht. Wir erkennen an, dass das humanitäre Völkerrecht
       geachtet wird, was das Panzi-Krankenhaus angeht. Die Arbeit geht weiter.
       Die Teams sind dort und ich gratuliere ihnen für ihre tolle Arbeit unter
       schweren Umständen. Ich hoffe, bald wieder zurück zu ihnen zu kommen.
       
       taz: Wann haben Sie Bukavu verlassen? 
       
       Mukwege: Als Goma und dann Bukavu fielen, im Januar und Februar 2025, war
       ich auf Konferenzreise in Skandinavien. Seitdem konnte ich nicht mehr
       zurück. Die beiden Flughäfen sind bis heute geschlossen, einen anderen
       Einreiseweg habe ich nicht.
       
       taz: Wie hat der aktuelle Krieg die Arbeit mit Überlebenden sexualisierter
       Kriegsgewalt verändert? Gibt es mehr Opfer als vorher?
       
       Mukwege: In diesem Teil Kongos gibt es geteilte Gebiete: die Regierung
       hier, die Rebellen dort. Es ist also sehr schwer für die Bevölkerung, sich
       zu bewegen. Aber die mir vorliegenden Berichte sind sehr alarmierend. Alle
       Organisationen vermelden einen exponentiellen Anstieg der Zahl der Opfer
       sexualisierter Gewalt. Kinder werden gezielt vergewaltigt, das zeigt sich
       an einem Anstieg von Schwangerschaften bei Minderjährigen.
       
       taz: Wer sind die Täter? 
       
       Mukwege: Alle bewaffneten Gruppen begehen Vergewaltigungen. Wir halten in
       unseren Berichten fest, was die Opfer uns über ihre Peiniger erzählen. Nach
       unseren Informationen gibt es Opfer auf allen Seiten des Konflikts.
       
       taz: Als Sie 2018 für Ihre Arbeit mit Überlebenden sexueller Kriegsgewalt
       [14][den Friedensnobelpreis erhielten], konnte man hoffen, dass dies das
       globale Bewusstsein für das Thema schärft. Aber danach sind diese
       Massenverbrechen regelrecht explodiert – [15][in Tigray] in Äthiopien,
       [16][in Darfur] in Sudan. Ist die Bewusstseinswerdung gescheitert? 
       
       Mukwege: Nein, überhaupt nicht. Die Bühne, die ich bekam, hat zum
       Verständnis des Problems beigetragen. Aber wir müssen viel weiter gehen.
       Und es stimmt, es wird nicht weniger, es wird mehr. Es wird mehr, parallel
       zu Rückschritten bei Frauenrechten allgemein. Es gibt Bewegungen, die gegen
       Frauenrechte kämpfen, und der Kampf gegen sexualisierte Gewalt stellt sich
       gegen deren Ideologie. Aber: Nein, er ist nicht gescheitert. Niemand kann
       jetzt mehr sagen, er habe es nicht gewusst.
       
       18 Feb 2026
       
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