# taz.de -- Gewalt in Mexiko: Präsidentin gegen Drogenboss
       
       > Nach der Tötung des Kartell-Anführers „El Mencho“ eskaliert die Gewalt
       > der Narcos. Gelingt Claudia Sheinbaum, woran vor ihr alle scheiterten?
       
 (IMG) Bild: Nach dem Krawall: Ausgebrannter Bus in Puerto Vallarta
       
       Armeekompanien sind aufmarschiert, Kapellen und Ehrengäste haben ihre
       Plätze eingenommen. Der 24. Februar, das ist der „Tag der Nationalfahne“ in
       Mexiko, und an diesem Morgen wird sie langsam an einem riesigen Mast im Hof
       des Nationalpalastes im Zentrum von Mexiko-Stadt in die Höhe gezogen. In
       der Sonne blasen Militärorchester die Nationalhymne. Ein Schulkind tritt
       ans Mikrofon und gelobt, sein Leben dem Ziel zu widmen, die Nation „frei
       und gerecht“ zu machen, während die Zeremoniengäste ihre ausgestreckten
       Hände ehrfurchtsvoll vor die Brust halten.
       
       Dieselbe Armee, die an diesem Morgen zum Fahnenappell antritt, hat wenige
       Tage zuvor etwa 500 Kilometer weiter westlich Nemesio Oseguera Cervantes,
       genannt „El Mencho“ [1][festgenommen und getötet], den Gründer und Anführer
       des paramilitärischen Cártel de Jalisco Nueva Generación (CJNG). Der
       mexikanische Forscher und Menschenrechtsaktivist Sergio Aguayo nennt das
       Kartell die „mächtigste kriminelle Organisation in der Geschichte der
       Menschheit“.
       
       Ist Mexiko durch diese Tat etwas freier, etwas gerechter geworden? Oder hat
       sie zur Folge, dass Unrecht und Abhängigkeit womöglich größer werden?
       
       In den Stunden nach der Festnahme blockieren Bewaffnete an rund 250 Stellen
       im Land Straßen, legen Brände. Rund 70 Menschen, darunter Sicherheitskräfte
       und mutmaßliche Kartellmitglieder, werden getötet, fast 270 Flüge im Westen
       des Landes abgesagt. Bis zum Dienstag beruhigt sich die Lage weitgehend.
       Internationale Medien – und deutsche Fußballfunktionäre vom DFB – zeichnen
       gleichwohl das Bild eines Landes im anhaltenden Kriegszustand und sorgen
       sich um die im Juni anstehende Fußball-WM. Vor allem in den sozialen Medien
       ist von der Befürchtung zu lesen, die Regierung werde die blutige Rache der
       Narcos nicht in den Griff bekommen.
       
       Das CJNG ist für seine extreme Brutalität bekannt. Nach Angaben des
       schwedischen Uppsala Conflict Data Program gehen rund 75.000 Morde auf das
       Konto des Jalisco-Kartells. Die mexikanische Regierung schätzt, dass das
       CJNG ein Vermögen von 50 Milliarden Dollar angehäuft hat.
       
       Im Mai vergangenen Jahres bietet US-Präsident Donald Trump Mexiko an,
       Truppen in das Land zu schicken, um die Narcos zu bekämpfen. Als die seit
       Oktober 2024 [2][amtierende linke Präsidentin Claudia Sheinbaum] das
       ablehnt, ätzt Trump, Sheinbaum habe „so viel Angst vor den Kartellen, dass
       sie nicht einmal gerade denken“ könne.
       
       Expert:innen in Mexiko sagen, dass „El Mencho“ durchaus schon früher
       hätte festgenommen werden können, die Regierung sich aber wegen der
       unkalkulierbaren Folgen dagegen entschieden habe. Und manche glauben, die
       Entscheidung für den Zugriff sei jetzt gefallen, weil die USA womöglich
       sonst selbst zur Tat geschritten wären.
       
       Die Armeeführung gab sich wohl auch deshalb am Sonntag größte Mühe zu
       betonen, dass keine US-Soldaten direkt an der Festnahme beteiligt waren.
       Medien berichteten indes, dass US-Spezialeinheiten nach Mexiko gekommen
       waren, um Eliteeinheiten für die Aktion gegen „El Mencho“ zu trainieren.
       CIA und FBI hätten den genauen Aufenthaltsort geliefert.
       
       Für Areli Castilla Macedo, Sprecherin der linken Regierungspartei Morena im
       Hauptstadtdistrikt, ist das ein Beispiel für den Erfolg der Linie, die
       Sheinbaum gegenüber den USA verfolge: „Kooperation statt Unterwerfung“,
       sagt sie. „Dass Mexiko nur Forderungen der USA nachkommt, ist ein Narrativ
       der Rechten.“
       
       Als die aufgezehrte alte Linkspartei PRD zerfiel, trat Morena ab 2014 als
       Basisbewegung auf – mit Haustürwahlkampf und blumig betitelten „Kommitees
       der Protagonisten wahren Wandels“ als Parteibasis. Seit 2018 ist Morena
       Regierungspartei, seit 2023 mit über 2,3 Millionen Mitgliedern die größte
       Partei des Landes.
       
       Als die Fahnenzeremonie vorbei ist, steht Macedo mit ein paar jungen
       Männern aus der Parteibasis vor einem Seitenflügel des Regierungsgebäudes.
       Sie sind gekommen, weil gleich ein neuer Abgeordneter vereidigt wird. Er
       rückt nach für den Telenovela-Star Sergio Meyer, der ausscheidet, weil er
       in der nächsten Staffel der mexikanischen „Big Brother“-Show mitspielen
       will.
       
       Seinen Sitz übernehmen darf nun Luis Morales, ein älterer indigener Mann
       vom Volk der Otomi, der einst als papierloser Migrant in den USA lebte und
       zuletzt als Markthändler in Mexiko-Stadt arbeitete. Zur Vereidigung kommt
       er mit Strohhut und Lederweste, indigene Würdenträger aus seinem Heimatdorf
       segnen ihn mit Weihrauch und Blumenkränzen. „So jemandem eine Stimme zu
       geben, dafür steht unsere Bewegung“, sagt Macedo. „Affirmative Action“
       nennt Morena diese Politik aktiver Gleichstellung. Der Begriff stammt aus
       den USA, wo der Ansatz von der Trump-Administration als angebliche
       umgekehrte Diskriminierung heute offensiv bekämpft wird.
       
       Nicht nur hier zeigt sich, wie sehr sich die Politik der beiden
       Nachbarstaaten heute unterscheidet. Die einstige Umweltingenieurin
       Sheinbaum steht für Klimaschutz, Sozialprogramme und linke
       Wirtschaftspolitik. Jüngsten Umfragen zufolge brachte ihr das
       Zustimmungswerte von bis zu 78 Prozent – ein in Lateinamerika extrem hoher
       Wert.
       
       Die Vereidigung verzögert sich, Macedo setzt sich auf einen Barhocker vor
       dem Parlamentscafé. „Hol mir mal ein Sandwich, sonst gibt es wieder den
       ganzen Tag nichts zu essen, letztes Mal ist mir ganz schwindlig geworden“,
       sagt sie zu ihrer Assistentin.
       
       Natürlich sei das [3][Verhältnis des heute links regierten Mexikos zur
       US-Regierung] „komplizierter als zu anderen Ländern“, sagt Macedo.
       Souveränität sei den lateinamerikanischen Staaten wichtig, weshalb
       Sheinbaum sich auch deutlich zum US-Vorgehen gegen Venezuela und Kuba
       positioniert habe und stärkere Kooperation innerhalb Lateinamerikas
       anstrebe.
       
       Doch auch angesichts steter Zolldrohungen und der engen Bande der
       mexikanischen und der heute von den USA geförderten internationalen Rechten
       will Macedo nicht von einer „Gefahr“ für das linke Morena-Projekt in Mexiko
       durch die USA sprechen. „Permanenter Dialog mit den USA genau wie mit
       anderen“ – so versuche Sheinbaum, die erste Frau an der Staatsspitze
       Mexikos, mit der Lage umzugehen. Die Kooperation der USA und Mexikos bei
       der Festnahme „El Menchos“ sei „ein Produkt davon“, sagt Macedo. „Sheinbaum
       kommt mit der schwierigen Lage gut zurecht – entgegen der dauernden
       misogynen Behauptungen, sie sei ihrem Amt nicht gewachsen.“
       
       ## Rechte Kampagnen und KI-Fakes
       
       Genau diesen Vorwurf hatten rechte Influencer nach der Festnahme des
       Kartellbosses weiter zu schüren versucht. Schon ab dem frühen
       Sonntagnachmittag kursierten offensichtlich KI-generierte Videos oder aus
       dem Zusammenhang gerissene Fotos, die massenhaft verbreitet wurden. Von
       Angriffen auf Zivilisten am Flughafen von Guadalajara war die Rede, von
       angezündeten Flugzeugen, Geiselnahmen von US-Touristen, Sheinbaum, die sich
       aus Angst vor der Rache der Narcos auf ein Marineschiff fliegen ließ. Es
       waren Fakes, die beweisen sollten, dass die „Kommunistin“ Sheinbaum unfähig
       sei, Mexiko zu regieren. Der Schlag gegen das Kartell sei entsprechend ein
       Erfolg Trumps.
       
       Schon vor langer Zeit habe die rechte Opposition „einen Krieg in der Sphäre
       der sozialen Medien gestartet“, sagt Macedo. Schon der „Amlo“ genannte
       Sheinbaum-Vorgänger Andrés Manuel López Obrador sei mittels Bot-Farmen in
       den sozialen Medien als „Gefahr für Mexiko“ attackiert worden. „Das wird
       nun mit künstlicher Intelligenz alles weitergetrieben und perfektioniert.“
       
       Tatsächlich wuchs die Mittelschicht unter Amlo und Sheinbaum seit 2018 um
       12 Prozentpunkte, erstmals in Mexikos Geschichte gibt es mit knapp 40
       Prozent nun mehr Angehörige der Mittelschicht als Arme – deren Anteil fiel
       von 42 auf 30 Prozent. In Sheinbaums Amtszeit fiel die Mordrate auf den
       niedrigsten Wert seit 2007: 11,1 Menschen je 100.000 Einwohner:innen
       kamen in Mexiko 2025 gewaltsam zu Tode. Es ist ein großer Fortschritt, auch
       wenn es noch immer anteilig über zehnmal so viele Morde wie etwa in
       Deutschland sind.
       
       ## War Festnahme „El Menchos“ richtig?
       
       Unter Expert:innen gehen die Meinungen über die Festnahme „El Menchos“
       indes auseinander. Eine der führenden Forscher:innen ist Catalina Pérez
       Correa, eine Harvardjuristin, die unter anderem das mexikanische
       Verfassungsgericht berät. „Alle sagen, das war ein Erfolg. Ich nicht“, sagt
       sie. Die Forschung der vergangenen Jahrzehnte habe gezeigt, dass die bloße
       Verhaftung der Kartellanführer nur noch mehr Gewalt nach sich ziehe.
       
       „Die Banden bewaffnen sich stärker, es gibt interne Kämpfe um die
       Nachfolge, Spaltungsprozesse und Revierkämpfe mit anderen Kartellen. Die
       Folge: Mehr Tote“, sagt Correa. Entscheidend sei, die „beeindruckend
       diversifizierte“ ökonomische Basis der Kartelle, die „wie transnationale
       Konzerne operieren“, zu zerstören: illegaler Bergbau, Holzraub, Geldwäsche,
       Schmuggel, Menschen-, Drogen-, Waffenhandel. „Aber da bleibt alles beim
       Alten, da gibt es keine langfristige Strategie“, sagt Correa.
       
       Der an der Universidad de las Américas lehrende Sicherheitsforscher Gerardo
       Sánchez Lara nennt die Festnahme indes ein Zeichen „taktischer
       Überlegenheit“ des Staates, das gerade vor der WM wichtig gewesen sei. Die
       vergangenen Tage hätten gezeigt, dass die Regierung in der Lage gewesen
       sei, die Gewalt einzudämmen. „Die Kartelle sind nicht so stark, wie sie
       sich selbst gern zeigen.“ Lara rechnet nicht damit, dass die Gewalt wieder
       in frühere Höhen ansteigt. Die derzeitige und die Vorgängerregierung hätten
       43.000 Gewalttäter inhaftiert, Banden entwaffnet und ihre Kontrolle
       zurückgedrängt. „Da sehen wir nun die Ergebnisse und ich denke, die Tendenz
       wird so bleiben.“
       
       In einem Punkt aber stimmt Lara Correa zu: Die ökonomische Basis der
       Kartelle reiche von Südamerika bis nach Asien, und vor allem bei der
       Beschlagnahmung von Vermögen und dem Kampf gegen die Geldwäsche „haben wir
       noch sehr wenig gesehen, das ist das schwächste Glied“.
       
       27 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
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       ## AUTOREN
       
 (DIR) Christian Jakob
       
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       Dass Mexikos Präsidentin militärisch gegen die Kartelle durchgreift, ist
       richtig. Sie sollte auch gegen die Politiker vorgehen, die davon
       profitieren.