# taz.de -- Neuer Ludwigshafen- „Tatort“: Leichen pflastern die Radwege
       
       > Wenn Zweirad-Ultras nicht nur Hass auf SUVs, sondern auch auf die Polizei
       > haben, dann ist was los in Ludwigshafen. Schuldgefühle setzen eins drauf.
       
 (IMG) Bild: Unter Fahrradkurieren in Ludwigshafen: „Tatort – Avanti“ im Dreh
       
       Einen spannenden [1][Krimi-Anfang schreiben ist kinderleicht], viel
       leichter, als einen langweiligen. Denn man braucht nur drei Zutaten.
       Erstens eine Person, die dringend irgendwo hinwill, zweitens einen guten
       Grund, warum, und drittens ein Hindernis, warum’s nicht klappt.
       
       Und so starten wir temporeich in diesen Ludwigshafen-„Tatort“. Ein
       panischer Fahrradkurier will dringend – zur Polizei. Der gute Grund: Er
       wird verfolgt. Und das Hindernis, warum’s nicht klappt, gibt’s auch,
       nämlich Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter). Die fühlt sich nicht
       zuständig, es ist obendrein Feierabend, und im Büro gibt’s gerade Sekt.
       
       Keine fünf Minuten später ist der Radler, den Stern mit ihrer Ungeduld
       verprellt hat, tot. Überrollt von einem Transporter, gleich vorm Präsidium.
       Getrieben von Schuldgefühlen stürzt sich Stern in die Ermittlungen. Die
       führen sie zu dem [2][Fahrradkurierdienst,] wo das Opfer gearbeitet hat.
       Die „Velopunks“ sind aber keine normale Firma, sondern eine eingeschworene
       Clique von Zweirad-Ultras. Sie haben nicht nur Hass auf SUVs – sondern auch
       auf die Polizei.
       
       Kommissarin Stern beschließt, bei den Velopunks verdeckt zu ermitteln, und
       heuert als Kurierin an. Das tut sie aus einer Laune heraus, eigenmächtig
       und ohne den dafür vorgesehenen Dienstweg zu beschreiten, was Kollegin Lena
       Odenthal (Ulrike Folkerts) erst mal auf die Palme bringt. Aber Stern
       findet: Das letzte Mal, als sie den Dienstweg eingehalten hat, ist jemand
       gestorben – also warum nicht stattdessen den Radweg nehmen?
       
       ## Krimis müssen kein Abbild der Verhältnisse sein
       
       Wenn das jetzt konstruiert klingt: ist es. Aber das macht nichts, denn wie
       Sie sich erinnern, war der Auftrag ja, einen spannenden Krimi zu schreiben
       und kein glaubhaftes Abbild der Verhältnisse. Solange es spannend bleibt,
       können wir die fragwürdigen Umstände von Sterns heimlichem Sondereinsatz
       ebenso ignorieren wie das holzschnittartige
       Fahrrad-[3][Linksautonomenmilieu], in dem sie da gelandet ist.
       
       Und spannend bleibt es. Genug Elemente im Film sind ständig in Bewegung.
       Erstens die Gefahr, dass Stern bei den misstrauischen „Velopunks“
       auffliegt; zweitens der Polizeidirektor, der Odenthal im Nacken sitzt und
       der von der Aktion auf keinen Fall was mitkriegen darf; drittens die
       mysteriöse Kurier-App, die seltsamerweise sogar Polizeiinsiderwissen hat;
       und viertens ein schmieriger Sushikönig (Robert Stadlober), der im
       Hintergrund die Fäden zieht.
       
       Zeitweilig macht das richtig Spaß, auch bildlich, mit rasanten
       Fahrradfahrten durch Ludwigshafen. Die hätten zwar gerne noch rasanter
       gedreht sein können – aber gut, wir sind hier ja beim „Tatort“ und nicht
       bei „[4][Cobra 11]“.
       
       Wo das Ganze dann aber doch knirschend zum Stehen kommt, ist bei dem
       Melodram, was sie dazwischengestopft haben wie nasse Lappen in die
       Speichen.
       
       Die Velopunks hatten mal Ideale, und die mussten sie verraten, und jetzt
       haben sie „große Schuld auf sich geladen“. Ach ja, und ein verunfalltes
       Kind haben sie auch, das braucht dringend Geld für eine Privat-OP.
       
       Das ist wie klebriges Altöl im Getriebe von einem Film, der fast als
       Actionfilm durchgegangen wäre – ein Genre, das aber leider nicht viel
       Ambivalenz verträgt.
       
       Trotzdem macht es Spaß zu sehen, was passiert, wenn man die eingespielten
       „Tatort“-Teams aus ihrer Komfortzone holt. Vielleicht nächstes Mal dann
       Odenthal und ein Mord im TGV?
       
       1 Mar 2026
       
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