# taz.de -- Tourismus im Jahr 2026: Endloses Wachstum ohne Vision
> Die Internationale Tourismusbörse feiert 60. Geburtstag. Sie schreibt
> sich Nachhaltigkeit auf die Fahne, dabei steht sie für entgrenzte
> Konsumkultur.
(IMG) Bild: Die ITB wird 60. Ein Grund zu feiern? Naja..
Die [1][Internationale Tourismusmesse in Berlin (ITB)] hat ihr 60-jähriges
Jubiläum. Sie steht für eine Erfolgsgeschichte. Tourismus trägt mit 10
Prozent zum globalen Bruttoinlandsprodukt bei und die Prognosen sind
bestens: Bis 2035 wird eine jährliche Wachstumsrate von 3,5 Prozent
erwartet. Und, so darf man vermuten, ohne Einschränkungen durch Klimakrise,
der Kritik am touristischen Flugverkehr, den Problemen eines Übertourismus.
Und auch die Verbraucher machen nicht wirklich mit bei der ökologischen
Wende: Zwar möchte ein Großteil der Bevölkerung gerne nachhaltige
Urlaubsreisen unternehmen, aber die Buchungszahlen für nachhaltig
zertifizierte Reiseangebote bleiben gering, ebenso wie die [2][Nutzung von
CO₂-Kompensationsmöglichkeiten]. Besonders die Zunahme an Flugreisen zeigt,
dass klimafreundlichere Alternativen für die meisten aktuell keine Option
sind.
Initiativen für einen nachhaltigen und sozialverantwortlichen Tourismus,
die sich alle Jahre wieder auf der ITB treffen, melden sich zwar weiterhin
zu Wort, aber ihre Stimmen verblassen. Ihre Forderungen sind hochaktuell,
aber die Umsetzung eines ökologischen und sozialverträglichen Reisens ist
im „Big Business“ nur eine Randnotiz – auch wenn Nachhaltigkeit in jedem
Geschäftsbericht prominent aufgeführt wird.
Stattdessen arbeitet die Messe mit einem neuen „Premiumpartner“ zusammen:
„Um das Potenzial des Naturtourismus in den Fokus zu rücken und
aufzuzeigen, warum die gezielte Steuerung von Tourismusströmen entscheidend
für die Zukunft des nachhaltigen Reisens ist, wird Airbnb-'Chief Strategy
Officer' Nathan Blecharczyk auf der ITB über das Engagement von Airbnb für
ländliche Regionen sprechen“. Ein Wolf im Schafspelz, der eine neue
Marktnische wittert?
## Wie gelingt Naturschutz bei touristischer Erschließung?
Das Interesse an Reisen in die Natur ist traditionell hoch. In einer
digitalisierten Welt könnte Natur noch begehrter werden, möglicherweise als
letzte Oase sinnlicher Erfahrung. „Das Ziel der Zusammenarbeit der Messe
und Airbnb sei es ländliche Regionen als touristische Chancenräume zu
entwickeln“, sagt Deborah Rothe, die Direktorin der ITB. Dies könne zur
Entlastung klassischer Hotspots beitragen und eröffne in strukturschwachen
Regionen touristisches Potenzial.
Ein ernstzunehmendes Argument, aber der Schutz der Natur bei gleichzeitig
sanfter touristischer Erschließung, den bislang vor allem die ökologische
Bewegung im Tourismus forderte, könnte mit Airbnb auf die gewinnträchtige
Inwertsetzung noch der letzten Almhütte reduziert werden. Bei Airbnb
versteht man sich vor allem auf den Verkauf eines alternativen
Lebensgefühls. Airbnb ist der Star der Sharing-Economy. Ein Modell, an dem
viele teilhaben, aber vor allem mitverdienen können. Airbnb steht für
Marktlogik. Und deren Nebenwirkungen: Eine Durchökonomisierung privater
Wünsche und Interessen und nicht zuletzt des ökologischen Denkens selbst –
was Idealisten weiter ins gesellschaftliche Aus drängt, sie zu
realitätsfernen Visionären abstempelt.
## Nachhaltige Mobilitätslösungen und Zertifizierungen
Dabei gibt es längst viele Akteure der Branche, die ihren wirtschaftlichen
Erfolg nicht nur an monetären oder quantitativen Zielen, sondern auch an
ihrem Beitrag zum Gemeinwohl messen. Sie bemühen sich um ein
wertschätzendes Personal- und Arbeitszeitmanagement, um Fachkräfte zu
gewinnen und zu sichern. Einige unterstützen nachhaltige
Mobilitätslösungen, folgen zirkulär wirtschaftlichen Prinzipien oder gehen
den Weg einer Nachhaltigkeitszertifizierung.
Wissenschaftler des [3][Zentrums für nachhaltigen Tourismus] fordern
außerdem, dass eine nationale Tourismusstrategie Nachhaltigkeit vor allem
durch verbesserte innereuropäische Abstimmung und ausgeweitete
Bahnverbindungen fördern kann. Dazu gehöre auch der dauerhafte Erhalt eines
preisstabilen Deutschlandtickets.
Wenn der Soziologe Ingolfur Blühdorn eine Krise des öko-emanzipatorischen
Projekts konstatiert, dann auch wegen des politischen Bedeutungsverlustes,
den das Nachhaltigkeitsthema erfährt. Lange hätten die sozialen Bewegungen
propagiert, dass weniger Konsum, weniger Tempo und eine stärkere
Konzentration auf das Kleine und Lokale mehr Erfüllung bringen würden.
„Small is beautiful!“, klingt wie ein Ruf aus ferner Zeit. Denn
Ökoorientierung bedeutet auch Begrenzung. Und Begrenzung ist das Letzte,
was heutzutage der Tourismus auf dem Programm hat.
Die digitale Gesellschaft mit ihrer Medialität und Schnelligkeit und ihren
Chancen auf Teilhabe im sozialen Raum stößt neue Begehrensdynamiken an.
Influencer setzen neue Maßstäbe für die Kultur des Reisens, Hotspots werden
von heute auf morgen kreiert. Reisen und dafür zu posieren ist mehr denn je
zum Geschäftsmodell geworden. Anbieter und Destinationen bewerben so ihre
Angebote.
## Das Hippieflair ist Historie
Tourismus ist eingebettet [4][in eine entgrenzte Konsumkultur], für die es
Diversifizierungen und Differenzen der Produktpalette, aber keine
Alternativen mehr gibt. Und wo Alternativen existierten, sind sie
eingemeindet. Selbst Pilgerwege sind Teil des standardisierten Angebots.
Flug inklusive, Vorbuchen sowieso, perfekte Planung. Auf dem legendären
Camino nach Santiago in Spanien bewegen sich heute zunehmend Urlaubspilger
aus aller Welt mit einem engen Zeitbudget. Das Hippieflair ist Historie.
Nicht alle Welt kann reisen. Selbst im reichen Deutschland konnten sich
20,8 Prozent der Bevölkerung keine einwöchige Urlaubsreise leisten. EU-weit
waren das in 2024 sogar 25,8 Prozent. Aber weltweit sind immer mehr
Menschen auf Urlaubsreisen unterwegs, und zwar weit entfernt von einem
Nord-Süd-Gefälle. Federführend sind die wohlhabenden globalen
Mittelschichten.
Dabei steigen die Ressourcen– und Umweltbelastungen. Durch Flüge, die
Internetnutzung und den absoluten Willen zur Party. Dachte man bei
Kreuzfahrten bislang vor allem an Seniorenreisen, so rückt jetzt die Jugend
nach. 25 Prozent der Gen Z waren bereits auf Kreuzfahrt, doch 59 Prozent
haben Interesse daran, ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage. Sie
schätzen dabei das standardisierte Angebot und die Möglichkeit, mehrere
Reiseziele in kurzer Zeit zu erkunden sowie ein abwechslungsreiches
Freizeitangebot an Bord. Alles, was einmal als spießig galt.
2 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Tourismusmesse-in-Berlin/!5993539
(DIR) [2] /Tourismus-im-Globalen-Sueden/!6071967
(DIR) [3] https://www.zenat-tourismus.de/index.php?lang=de
(DIR) [4] /Nach-Streit-um-Bestpreisklauseln/!6104590
## AUTOREN
(DIR) Christel Burghoff
(DIR) Edith Kresta
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