# taz.de -- Wirtschaftspolitik in Argentinien: Mileis Arbeitsmarktreform nimmt erste Hürde
> Argentiniens Präsident Javier Milei plant eine Reform des Arbeitsrechts.
> Kündigungsschutz, Abfindungen und Streikrechte sind davon betroffen.
> Gewerkschaften kündigen Proteste an.
(IMG) Bild: Demonstration von Gewerkschaften und Oppositionsgruppen am Mittwoch in Buenos Aires gegen Mileis Arbeitsmarktreformgesetz
Der argentinische Senat hat dem Reformpaket zum Arbeitsrecht des libertären
Präsidenten Javier Milei zugestimmt. In der Nacht auf Donnerstag votierten
42 Senator*innen dafür, 30 stimmten dagegen. Damit hat eines von Mileis
wichtigsten Reformvorhaben die erste parlamentarische Hürde genommen. Die
Zustimmung des Abgeordnetenhauses steht noch aus.
Es besteht breiter Konsens darüber, dass eine Reform notwendig ist. Ein
Großteil der bestehenden Gesetzgebung stammt noch aus dem letzten
Jahrhundert. Der Streit dreht sich um den Inhalt. Die Regierung hatte bis
zur letzten Minute über Änderungen verhandelt, um sich die Zustimmung des
Senats zu sichern. Auch wenn [1][Milei als Sieger aus den letzten
Zwischenwahlen hervorgegangen] ist, verfügt er in keiner der beiden Kammern
über eigene eine Mehrheit.
Durch die Reform sollen Einstellungen und Entlassungen flexibilisiert
werden. Ein Zeitkonto für Überstunden und ein neuer Abfindungsmodus für
Entlassungen sollen eingeführt werden. Darüber hinaus soll das Streikrecht
bei „wesentlichen Dienstleistungen“ eingeschränkt und die automatische
Verlängerung von Tarifverträgen beseitigt werden. Zudem brauchen
Versammlungen am Arbeitsplatz künftig die Genehmigung des Arbeitgebers.
Künftig sollen Gehälter auch in US-Dollar ausgezahlt werden können.
Eingeschränkt wird zudem die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall oder bei
einem Unfall. Darüber hinaus soll der Status des Berufsjournalisten
abgeschafft werden, [2][der die Arbeitsrechte aller Presseschaffenden in
Printmedien und Nachrichtenagenturen definiert und schützt].
## Keine Einigung auf Generalstreik bei den Gewerkschaften
Der Gewerkschaftsdachverband CGT konnte sich nicht auf einen Generalstreik
einigen und kündigte stattdessen einen friedlichen Protestmarsch an. Gegen
Mittwochmittag waren die ersten Protestgruppen vor das Kongressgebäude
gezogen. Am frühen Nachmittag begannen etwa 100 Demonstrierende, Steine und
Molotowcocktails auf die Polizei hinter den Absperrgittern zu werfen. Die
antwortete mit Wasserwerfern und Tränengas, während sich der allergrößte
Teil der Demonstrierenden zurückzog. Die Gewaltbereiten wurden schließlich
von Motorradeinheiten durch Tränengas und mit Gummigeschossen
zurückgedrängt, bis sich der Platz vor dem Kongress geleert und der
Protestmarsch aufgelöst hatte.
Mit der Reform verspricht Milei die Schaffung neuer Arbeitsplätze. Die sind
dringend nötig. Laut Arbeitsministerium sind seit Mileis Amtsantritt im
Dezember 2023 rund 180.000 reguläre Arbeitsplätze im Privatsektor verloren
gegangen. Darüber hinaus wurden mehr als 60.000 Staatsangestellte
entlassen. Die anhaltende Entlassungswelle treibt die Erwerbsfähigen vor
allem in den informellen Sektor.
Die offizielle Arbeitslosenquote von knapp über 6 Prozent hat wenig
Aussagekraft in einer Ökonomie, deren informeller Bereich schon jetzt 45
Prozent ausmacht und in dem mit gut 9 Millionen Menschen die Hälfte der
arbeitsfähigen Bevölkerung ihr Auskommen sucht. Schon jetzt erleben dort
viele das zunehmende Gedränge auf den digitalen Plattformen wie Uber und
den Lieferdiensten.
Wie angespannt die Lage auf dem formellen Arbeitsmarkt ist, zeigte sich
letzten Freitag in Burzaco, einem Vorort von Buenos Aires. Ein
Logistikbetrieb hatte 30 Stellen ausgeschrieben und schon ab dem frühen
Morgen standen 3.000 Bewerber*innen vor dem Betriebstor. Schnell gingen
[3][Videos] von der einen Kilometer lange Schlange der Wartenden viral.
## Große Arbeitsplatzverluste
So wie Burzaco sind vor allem die urbanen Großräume von
Betriebsschließungen und Entlassungen betroffen. Laut
Wirtschaftsministerium der Provinz Buenos Aires haben seit Dezember 2023
bis September 2025 allein in dieser Provinz über 5.300 Unternehmen den
Betrieb dauerhaft eingestellt.
Für 2025 verkündete die Regierung ein Wachstum von 4,5 Prozent. Für das
laufende Jahr rechnet sie mit über 7 Prozent. Diese Zahlen gehen jedoch am
Arbeitsmarkt vorbei. Die positiven Treiber sind die wenig arbeitsintensiven
Branchen Finanzdienstleitungen, Energie und Bergbau. Dagegen gehören die
beschäftigungsintensiven Branchen Industrie, Bau und Handel zu den
Verlierern. 2025 sank die Industrieproduktion um mehr als 8 Prozent,
nachdem sie bereits im Vorjahr um knapp 10 Prozent eingebrochen war.
Ähnliches gilt für Bauwirtschaft und Handel.
Mileis Erfolgsgeschichte bekommt zunehmend Risse. Mit einer Inflationsrate
von 2,9 Prozent war der Januar der achte Monat in Folge mit einem Anstieg
der Teuerungsrate. Sie liegt deutlich über der von Milei vollmundig für
August versprochenen Rate von weniger als 1 Prozent.
## Streit über Inflationsberechnung
Das Vertrauen in Mileis Kampf gegen die Inflation schwindet auch, weil zu
Monatsbeginn der langjährige Leiter der unabhängigen Statistikbehörde
zurücktrat. Milei hatte ihm verboten, die Inflationsrate nach einer neuen
Grundlage zu berechnen, die ab 2026 gelten sollte. Dabei werden
insbesondere die Tarife für Wasser, Gas und Strom sowie die Ausgaben für
öffentliche Verkehrsmittel stärker bewertet, weil gerade sie durch Mileis
Streichung der Subventionen stark steigen. Sehr wahrscheinlich hätte mit
der neuen Gewichtung die Januarinflationsrate mit einer 3 vor dem Komma
begonnen.
Mileis Eingriff erinnert viele an den Mai 2008, als die damalige Regierung
von Cristina Kirchner die Statistikbehörde unter ihre Kontrolle brachte und
die Inflationsrate über einen langen Zeitraum nach unten manipulierte. Die
Ersten, die damals wie heute darunter leiden, sind die Rentner*innen, deren
monatliche Rentenanpassung an die Inflationsrate gekoppelt ist.
12 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Jürgen Vogt
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