# taz.de -- Proteste in Argentinien: Generalstreik gegen Arbeitsrechtsreform
> Aus Protest gegen ein Gesetz, das keinerlei Verbesserungen für
> Arbeitnehmer bringt, protestierten die Argentinier. Das Parlament stimmte
> trotzdem dafür.
(IMG) Bild: Wasserwerfer gegen Streikende am Donnerstag vor dem Kongressgebäude in Buenos Aires
In Argentinien ist die vom libertären Präsidenten Javier Milei
vorgeschlagene Arbeitsrechtsreform jetzt Gesetz. In der Nacht auf Freitag
stimmte das Abgeordnetenhaus mit 135 Ja-Stimmen für den Gesetzentwurf. 115
Abgeordnete votierten dagegen. Der Senat hatte den Gesetzentwurf bereits
gebilligt, [1][muss ihn jedoch aufgrund einer Änderung durch die Regierung
ein zweites Mal verabschieden, was aber als reine Formsache gilt].
Aus Protest gegen die Reform hatte der Gewerkschaftsdachverband CGT für
Donnerstag zu einem 24-stündigen Generalstreik aufgerufen. Auf
Protestmärsche hatte die CGT ausdrücklich verzichtet. Busse und Bahnen
blieben nahezu komplett in den Depots, sowie alle Flugzeuge am Boden.
Schulen und Bildungseinrichtungen waren wegen der Sommerferien ohnehin
nicht betroffen. Banken blieben geschlossen, zahlreiche
Einzelhandelsgeschäfte und große Supermärkte waren jedoch geöffnet.
Das Gesetz macht die Einstellung und Entlassung von Beschäftigten
flexibler. Es wird ein Zeitkonto für Überstunden eingeführt, wodurch
Überstunden nicht mehr mit einer zusätzlichen Vergütung entlohnt werden
müssen, sondern von den Unternehmen durch Freistunden ausgeglichen werden
können. Das Streikrecht ist nur für „wesentliche Dienstleistungen“
eingeschränkt, was unter anderen Lehrkräfte und Pflegepersonal betrifft. Im
Falle eines Streiks müssen mindestens 75 Prozent der Dienste gewährleistet
sein. [2][Der Status des Berufsjournalisten], der die Arbeitsrechte aller
Beschäftigten in Printmedien und Nachrichtenagenturen definiert und
schützt, ist abgeschafft.
## „Rückfall ins vergangene Jahrhundert“
Das neue System zur Zahlung von tariflich vereinbarten Abfindungen bei
Entlassungen von Beschäftigten ist nun gebilligt. Während Unternehmen zuvor
die Abfindungen selbst zahlen mussten, werden diese jetzt aus einem Fonds
bezahlt, der teilweise durch Beiträge zur staatlichen Sozialversicherung
Anses finanziert wird. Dies entlastet die Unternehmen und belastet das
Rentenversicherungssystem, sodass letztlich die beitragspflichtigen
Beschäftigten selbst für die Abfindungen aufkommen.
Die Frage, welche Verbesserungen das Gesetz für die Beschäftigten mit sich
bringen würde, beantwortete der Abgeordnete Miguel Pichetto von der
konservativen Opposition. „Ich habe die gesamte Reform durchgelesen und
keine einzige Verbesserung für die Beschäftigten gefunden“, erklärte er im
Parlament. Die Abgeordneten der linken Front nannten die Reform einen
Rückfall ins vergangene Jahrhundert.
## Streikbeteiligung von 90 Prozent
Nach Angaben des Dachverbands lag die Beteiligung an dem Streik bei über 90
Prozent. Präsident Milei konterte: „Die Gewerkschaften mussten den
öffentlichen Nahverkehr lahmlegen, um das Scheitern ihres Streikaufrufs zu
vertuschen.“ Die Erfahrung zeigt, dass viele Beschäftigte zur Arbeit
kommen, wenn Busse oder Bahnen trotz eines Generalstreiks fahren. Das macht
es fast unmöglich, die Streikbeteiligung zuverlässig zu schätzen. Kleine
linke Parteien sowie alternative Gewerkschaften hatten mobilisiert.
Am frühen Donnerstagmorgen blockierten Protestierende einige der
wichtigsten Zufahrtsstraßen zur Hauptstadt Buenos Aires. Es kam zu
vereinzelten Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und
Polizeikräften. Im Laufe des Tages marschierten mehrere Tausend Menschen
friedlich zum Kongressgebäude, das von der Polizei vollständig abgesperrt
worden war. [3][Der große Aufmarsch wie am Mittwoch vergangener Woche blieb
jedoch aus].
Am Nachmittag kam es zu Auseinandersetzungen zwischen einer Gruppe von
Protestierenden und den Polizeikräften. Letztere setzten Wasserwerfer,
Tränengas und Gummigeschosse ein, die mit Stein- und Flaschenwürfen
beantwortet wurden. Gegen Abend verschärften sich die Auseinandersetzungen
kurzzeitig. Greiftrupps der Polizei nahmen mindestens elf Personen
vorübergehend fest.
## Betriebsschließungen und Entlassungen
Die Schließung eines traditionellen Autoreifenherstellers tags zuvor hatte
die Stimmung aufgeheizt. Über Nacht waren die 920 Beschäftigten des
Unternehmens Fate entlassen worden. Am frühen Mittwochmorgen war ihnen die
sofortige Schließung des Werks mitgeteilt worden. Als zentrale Begründung
wurden billigere Importe aus China genannt, womit die liberale
Importpolitik der Regierung als grundlegende Ursache genannt wurde.
Das Versprechen des Präsidenten, mit der Arbeitsmarktreform neue
Arbeitsplätze zu schaffen, wird von nahezu allen Ökonomen in Frage
gestellt. [4][Vor allem der Industrie macht die Liberalisierung der Importe
zu schaffen].
Allein im verarbeitenden Gewerbe waren von November 2023 bis November 2025
rund 53.000 Arbeitsplätze abgebaut worden. Betriebsschließungen wie die des
Reifenherstellers Fate sind an der Tagesordnung. Die offizielle
Arbeitslosenquote von derzeit knapp über 6 Prozent hat wenig Aussagekraft
in einer Ökonomie, deren informeller Bereich 45 Prozent ausmacht, in dem
mit gut 9 Millionen Menschen die Hälfte der arbeitsfähigen Bevölkerung ihr
Auskommen sucht. Schon jetzt erleben viele Informelle das zunehmende
Gedränge auf den digitalen Plattformen wie Uber und Lieferservices.
20 Feb 2026
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## AUTOREN
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