# taz.de -- Abschied von Hermann Peter Piwitt: Der Trost guter Literatur
> Der Schriftsteller Hermann Peter Piwitt ist tot. Die Frage, was wohl
> bleibt, wenn man nicht mehr ist, ist schon in seinen Büchern
> allgegenwärtig.
(IMG) Bild: Wollte nie gesellschaftsfähig sein: Hermann Peter Piwitt
Hermann Peter Piwitt war ein Könner. „Ein unversöhnlich sanftes Ende“
(1998) zeigt das. Roman nennt er das Buch mit dem lakonischen Titel. Wie
ein wirkliches Leben besteht es aus einzelnen Begebenheiten, aus
alltäglichen Wiederholungen und vor allem aus Beobachtungen. Da liegt der
Winzling Piwitt im Kinderwagen in Hamburg-Wohldorf, im elterlichen Garten,
in der Obhut lärmender Vögel. „Es ist die erste Erinnerung meines Lebens.
So hätte es ewig weitergehen können.“
Ging es natürlich nicht. Der Junge wächst im Krieg heran, als im Juli 1943
Asche und Zeitungsfetzen vom [1][Feuersturm aus Hamburg] herüberwehen. Nach
der Wohldorfer Kindheit wird das Eingewöhnen und die Schulzeit in Frankfurt
zur Qual. Das Philosophiestudium bricht er ab, denn „Begriffe handeln
nicht“.
Er geht nach Berlin, wo ihn die neue Bohème anzieht, das ungeregelte Leben
nach der 68er-Revolte. „Piwitt pflegt im Bad seine hohe Stirn/ein Gespräch
über Sozialismus haben wir/rechtzeitig abgebrochen“, schreibt sein Freund
Nicolas Born, der frühverstorbene Dichter aus Duisburg.
„Gesellschaftsfähig sein! Und das wollte ich schon mal auf keinen Fall.“
Diesem Credo bleibt Piwitt treu. Als Lektor beim Rowohlt Verlag hält er es
nur kurz aus. Seit Mitte der 1960er ist er freier Schriftsteller: „Ich
sagte es. Ich hatte zehn Jahre gelebt. Danach das Übliche: Gefährtinnen.
Reisen. Ortswechsel. Hab ich je im Leben etwas getan, dass nicht idiotisch
gewesen wäre?“ Piwitt sieht klar, wenn es um Piwitt geht. „Ich ist gar
nichts. Man hat es am Hals.“
Piwitts „Gärten im März“ (1979 bei Rowohlt, wiederaufgelegt 2008 bei
Wallstein) ruft die prägende Zeit vor 1945 ebenso auf wie die ungezählten
Kneipenbesuche der 1970er. „Ich konnte irgendwann nicht einmal mehr sagen,
wie und warum mir Texte gelangen.“
Er kehrt nach Hamburg zurück, die Stadt, in der an allen Lebensäußerungen
geknickert werde: „Die Hamburger Literaten sind genauso pingelig, verklemmt
und arrogant wie die Gesellschaft, die sie kritisieren.“ Das Hamburger
Abendblatt nennt er einen „Hort lauwarmer Eigenheim-Gemütlichkeit“. Er
freut sich an den Besuchen im Freibad Kiwittsmoor, macht den Flirt zweier
Teenager zu einer Miniatur gekonnten Beobachtens.
## Alles schon schöner erzählt
Er thematisierte die eigene Hinfälligkeit immer mit, deshalb die Lakonie
und die Kürze. Er hasste geschwätzige Bücher. „Die fetten, dicken, die
schwitzenden Romane zu mästen, die sprachlosen. Mich ekelt vor ihnen. Je
kürzer, desto besser.“ (Drei Freunde, 2017) Piwitt dachte Leben und
Schreiben zusammen.
In den „Lebenszeichen mit 14 Nothelfern“ (2014) fällt er sich gleich
mehrfach ins Wort: „Ich habe das alles schon schöner erzählt vor fünfzig
Jahren. Schöner. Oder schlechter. Jetzt, wo ich nicht mehr ganz bei Sinnen
bin, liest es sich so. Ich könnte es auch ganz anders erzählen. Vielleicht
mache ich das auch noch. Ganz ohne Worte.“ Sich selbst historisch zu
werden, gehört zu einem langen Leben. Piwitt beherrschte die Kunst, damit
souverän umzugehen.
Die „[2][14 Nothelfer]“, eine Art Autobiographie in Porträts, versammeln
Erinnerungen an Menschen, denen Piwitt viel verdankt, und an beglückende
Umbrien-Aufenthalte, „die ewig so weitergehen könnten“. Diese
Momentaufnahmen einer unversehrten, (noch) nicht von Verwertung und Kapital
beherrschten Welt enthalten eine [3][Liebeserklärung an Ingrid Kolb, seine
Frau]. „Er konnte schnell rebellieren“, erzählt Kolb, an seinem letzten Tag
sei er sanft gewesen. Piwitt blieb unversöhnt mit den Verhältnissen und
doch lebenszugewandt.
Im [4][taz-Interview zum 85. Geburtstag] 2020 hat er gesagt: „Du wirst
nicht erreichen, dass die Menschen besser werden.“ Da tröstet gute
Literatur, Piwitt sei Dank.
20 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Frauke Hamann
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