# taz.de -- Beziehung statt Statusbericht: Catch-up-Culture? Ohne mich
> Unsere Autorin möchte am Leben ihrer Freundin teilhaben. Und nicht bloß
> alle paar Wochen ein Update im Café bekommen.
(IMG) Bild: Nein – ab und an Kaffee trinken und das Neuste hören ist nicht genug für Freundschaften
Liebste Freundin, vor Kurzem fragtest du mich: „Bald mal wieder Bock auf
einen Kaffee?“ Und ich muss sagen: Nein. Nicht, weil ich dich nicht sehen
will. Aber ich weiß genau, wie dieses Treffen ablaufen wird. Beim
Cappuccino frage ich: „Wie geht’s dir?“ Du erzählst, ich höre zu, nicke –
Seitenwechsel: „Und bei dir so?“ Schon ist die Stunde vorbei und der
nächste Termin ruft. Ist das noch Freundschaft?
Für dieses Phänomen hat das Internet längst einen Namen gefunden:
„Catch-up-Culture“. Anstatt das Leben gemeinsam zu erleben, erzählen wir
uns nur noch gegenseitig davon. Wieder ein Update abgeschlossen, wieder
eine [1][Freundschaft] am Leben gehalten. Freundschaften fühlen sich
plötzlich wie Arbeit an, wie ein weiteres To-do, das abgehakt werden muss.
Das ist kein Zufall. Im Kapitalismus wird das Individuelle überhöht,
während das Kollektive an Bedeutung verliert. Alle drehen sich am liebsten
um sich selbst. Die eigenen Pläne und Bedürfnisse sind wichtiger als die
der anderen. Getrieben von der Taktung unseres Alltags, versuchen wir
sogar, Freundschaft effizient zu gestalten. So bleibt uns gerade noch Zeit
für ein Heißgetränk – und das auch nur einmal im Monat.
Aber ich war nicht dabei, als du entschieden hast, deinen Job zu kündigen.
Du hast mich auch nicht angerufen, als du gezweifelt hast, ob
Zusammenziehen wirklich das Richtige für dich ist. Ich bekomme immer nur
die Zusammenfassung, wenn die Krise überwunden ist. Ich stehe an der
Seitenlinie deines Lebens und schaue zu. So fühlt es sich an.
Aber ist nicht echte Verbundenheit das, was eine Freundschaft ausmacht? In
den Höhen die Freude zu teilen, in den Tiefen [2][füreinander da zu sein]?
Gerade hierin liegt doch das Potenzial von Freundschaft. Schon unser aller
Lieblingsphilosoph Aristoteles verstand unter Freundschaft eine Verbindung,
die keinem Selbstzweck dient.
## Komm, wir kochen was Schönes
So weit ist es bei uns zum Glück noch nicht, aber ich will auch nicht mit
dir befreundet sein, um im Schnelldurchlauf von deinen letzten paar Wochen
berichtet zu bekommen. Sondern, weil ich deine Art mag und weil ich
schätze, wie du denkst. Ich will nicht dein Publikum sein, sondern deine
Kumpanin. Ich will nicht nur von deinem Leben hören, ich will es mit dir
erleben.
Früher hat sich das alles irgendwie leichter angefühlt. Nach der Schule
haben wir uns einfach getroffen. Mehr Plan gab es nicht. Wir haben uns
Geschichten ausgedacht, über Serien diskutiert oder mit großem
schauspielerischen Talent Videos gedreht. Als du deinen Führerschein
bestanden hast, haben wir zusammen die erste Runde gedreht. Du hast meinen
Mutti-Zettel unterschrieben, damit wir uns auf Partys schmuggeln konnten.
Schon klar, jetzt haben wir mehr Verpflichtungen. Aber ich will unsere
Freundschaft nicht in dieses Leistungskorsett aus Terminen quetschen. Daher
schlage ich mehr Mut zur Spontanität vor. Lass uns gemeinsam aus dem
Planbaren ausbrechen! Es muss ja gar nicht aufwändig sein. Stell dir vor,
das nächste Mal, wenn du in meiner Gegend bist, klingelst du einfach und
kommst hoch. Ganz ohne, dass wir das vor sechs Wochen festgelegt haben.
Vielleicht putze ich ja gerade die Wohnung und du hilfst mir. Gut, da wäre
vielleicht doch ein wenig Selbstzweck dabei …
Oder ich komme zu dir und wir verkochen unsere Reste. Dabei kommt bestimmt
etwas Feines heraus. Wir könnten auch zusammen einkaufen gehen oder du
begleitest mich zum Zahnarzt. Der ist sowieso bei dir um die Ecke, und dann
bin ich weniger nervös. [3][Liebste Freundin], lass uns unseren Alltag
teilen, nicht bloß einen Kaffee.
22 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Clara Dünkler
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