# taz.de -- Energiearmut in Deutschland: „So kann man ja nicht gesünder werden“
       
       > Heizenergie zu sparen, ist wichtig fürs Klima. Aber was ist, wenn im
       > Alter oder bei Krankheit mehr Wärme nötig ist? Auch Armut verstärkt das
       > Problem.
       
 (IMG) Bild: Wenn das Geld fehlt bleibt die Heizung kalt
       
       Alice G. begrüßt mit einer hellblauen Mütze auf dem Kopf und Hausstiefeln
       aus dickem Plüsch an den Füßen. „Heute habe ich die Heizung mal schon am
       Vormittag angemacht. Sonst mache ich das erst nachmittags“, sagt sie und
       lädt in ihre Wohnung ein. Seit 2022 leidet G. an [1][Long Covid und
       chronischer Fatigue]. Einmal hat sie versucht, in ihre Arbeit als
       Kindergärtnerin zurückzukehren, aber sich gleich wieder angesteckt. Seitdem
       ist auch das Geld knapp – und G. friert im Winter in ihrer Wohnung.
       
       Etwa 5,3 Millionen Menschen in Deutschland – also 6,3 Prozent der
       Bevölkerung – gaben dem Statistischen Bundesamt zufolge 2024 an, aus
       finanziellen Gründen ihre Wohnung nicht angemessen warm halten zu können.
       „Energiearmut“ nennt es das Öko-Institut, wenn Strom- und Wärmekosten zu
       hoch sind oder die Energieeffizienz schlecht ist. Davon waren 2023 etwa 8,3
       Prozent der Haushalte in Deutschland betroffen.
       
       Eine allgemeine, offizielle Definition des Begriffs gibt es in Deutschland
       bisher nicht. Die [2][EU-Energieffizienzrichtlinie verpflichtet die
       Mitgliedsstaaten jedoch dazu, von Energiearmut Betroffene konkret zu
       identifizieren] und das strukturelle Problem zu bekämpfen. Unterstützung
       dafür gibt es aus dem EU-Klimasozialfonds.
       
       „Ich bin schon wieder fix und fertig“, sagt G., als sie sich um 13 Uhr mit
       Tee und Keksen an den Esstisch in ihrer Zweizimmerwohnung setzt. „Ich habe
       nur geduscht, den Müll weggebracht und das Sofa aufgeräumt, das war's“,
       zählt sie auf. „Das ist doch eigentlich nichts. Aber viel mehr geht nicht
       mehr.“ Seit ihrer Ausbildung direkt nach der Schule habe sie immer
       gearbeitet, sagt sie.
       
       ## Die Angst vor der Heizkostenabrechnung
       
       Nicht mal ein Jahr wohnte G. in der Wohnung in der Gropiusstadt in
       Berlin-Neukölln, als sie sich 2022 bei ihrer Arbeit im Kindergarten das
       erste Mal mit Corona ansteckte. „Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt,
       hätte ich mir ein besseres Sofa gekauft“, sagt sie heute. Am 3. Februar,
       als es vor ihrer Haustür minus 6 Grad kalt ist, ist sie fast anderthalb
       Wochen nicht aus dem Haus gegangen – auch, weil sie sich noch eine
       Influenza eingefangen hatte. Dass das Wetter wie derzeit dauerhaft gleich
       und extrem kalt bleibt, [3][hängt auch mit dem Klimawandel zusammen].
       
       G. macht sich deshalb jetzt schon Sorgen um ihre nächste
       Heizkostenabrechnung. Weil sie Ihren Beruf mit der [4][chronischen Fatigue]
       nicht mehr ausüben kann, bekommt die 56-Jährige nun Rente, die mit
       Bürgergeld aufgestockt wird. Eigentlich übernimmt das Sozialamt damit auch
       die Heizkosten. Doch darauf kann sich G. nicht verlassen. Sie erhält
       monatlich Geld von vier verschiedenen Stellen. „Wenn sich da irgendetwas
       ändern sollte und ich von irgendeiner Stelle doch noch etwas mehr Geld
       bekomme, fällt die Sozialhilfe plötzlich weg“, sagt sie. „Dann muss ich die
       Heizkosten selbst stemmen.“
       
       Die Zukunft macht ihr noch mehr Sorgen. „Meine gesetzliche Rente ist
       erstmal nur für drei Jahre bewilligt“, sagt sie. „Wer weiß, was danach
       kommt.“
       
       ## Mietwohnungen oft nicht energieeffizient
       
       Tatsächlich sparen etwa 16 Prozent der Haushalte mit Bürgergeld einer
       [5][Studie des Paritätischen Gesamtverbands zufolge trotz der
       Heizkostenübernahme beim Heizen] – doppelt so viele wie in der
       Gesamtbevölkerung. In der Energieschuldenberatung der Verbraucherzentrale
       in Berlin sind etwa 35 Prozent der Ratsuchenden
       Sozialleistungsbezieher*innen. Sie bekommen hier rechtlichen und
       praktischen Rat zu Energierechnungen. Thema sei auch, was „angemessene“
       Heizkosten gegenüber dem Sozialträger seien, sagt Beraterin Elisabeth
       Grauel. „Wir prüfen auch, ob die Angemessenheitsgrenzen aufgrund etwa von
       Lage, Ausstattung und Zustand der Wohnung nach oben zu setzen ist.“
       
       Katja Schumacher zufolge ist die Effizienz der Gebäude eines der größten
       Probleme von Energiearmut. Sie ist stellvertretende Leiterin im Bereich
       Energie & Klimaschutz des Öko-Instituts und sieht einen klaren Zusammenhang
       zwischen Klimaschutz und Energiearmut: „Energiearmut ist ein strukturelles
       Problem, kein reines Armutsproblem. Klimaschutz bedeutet, weniger und
       effizienter Energie aus erneuerbaren Energiequellen zu nutzen. Geringerer
       Energieverbrauch bedeutet geringere Kosten und hilft damit gegen
       Energiearmut.“
       
       Bisher seien die Förderungen in Deutschland aber aus sozialer schlecht
       strukturiert, weil sie nicht an Einkommen gekoppelt sind und insbesondere
       Mieter*innen nicht erreichen, die aber besonders von Energiearmut
       betroffen seien. „Die haben selbst keine Entscheidungsmacht darüber, wie
       effizient ihre Wohngebäude sind. Damit ist Energiearmut auch eine
       Gerechtigkeitsfrage“, ergänzt ihre Kollegin Sibylle Braungardt.
       
       ## 450 Euro Nachzahlung
       
       Auch Alice G. war entsetzt über ihre letzte Nebenkostenabrechnung – 450
       Euro solle sie nachzahlen. „Da habe ich Angst bekommen“, sagt sie. „Ich
       habe die Heizung sowieso selten angehabt, aber jetzt wo’s so kalt ist, weiß
       ich wirklich nicht, was ich machen soll.“ In dem Siebzigerjahrebau bekommt
       sie auch durch die Nachbarwohnungen noch Wärme ab und im Wohnzimmer hat sie
       vor dem Fenster automatisch laufende Heizleisten. „Aber wenn man sich ans
       Fenster stellt, merkt man schon, dass da ein Luftzug ist“, sagt sie.
       
       Sowohl beim Heizen als auch bei [6][Warmwasser und Strom spart sie
       rigoros]. „Ich war nie jemand, der besinnungslos alles verschwendet hat“,
       sagt sie. „Mir ist auch das Klima wichtig.“ Trotzdem werde die
       Stromrechnung von Jahr zu Jahr höher – auch weil sie wegen der Krankheit
       mehr zu Hause ist.
       
       Die Energiearmut hat auch gesundheitliche Auswirkungen: Kalte Wände und
       hohe Luftfeuchtigkeit führen schnell zu [7][Schimmelbildung. Diese wiederum
       kann Atemwegsbeschwerden auslösen]. Kinder, die in Wohnungen mit Schimmel
       leben, haben ein höheres Asthmarisiko und eine schlechtere Lungenfunktion.
       Zusätzlich beeinflussen kalte Temperaturen das Immunsystem und
       Herz-Kreislauf-Erkrankungen negativ, insbesondere bei Menschen mit
       Vorerkrankungen. Wissenschaftler*innen der Universität Duisburg-Essen
       haben festgestellt, dass es in Deutschland einen direkten Zusammenhang
       zwischen Energiearmut und schlechter psychischer Gesundheit gibt.
       
       Eine ideale Raumtemperatur lässt sich aber schwer festlegen. „In
       Befragungen wird die Temperatur bewusst offengelassen, da es um das
       subjektive Empfinden der Wärme geht. Die gefühlte Temperatur ist auch
       abhängig davon, wie kalt die Wände sind und ob es einen Luftzug im Raum
       gibt. Kalte Wände sollten sowohl wegen Schimmelgefahr als auch für die
       Behaglichkeit vermieden werden“, sagt Schumacher vom Öko-Institut. Auch
       Alter, Geschlecht und Vorerkrankungen spielten eine Rolle beim
       Wärmeempfinden. Weil sich niedrige Temperaturen bei älteren Menschen,
       Kranken und Kindern, insbesondere Säuglingen, besonders stark auf die
       Gesundheit und Entwicklung auswirken, setzt die WHO bei diesen Gruppen die
       empfohlene Mindesttemperatur von 18 auf 20 Grad Celsius hoch.
       
       ## Stress ohne Ende
       
       Alice G. fühlt sich in ihrer Wohnung nicht mehr behaglich: „Zu Hause ist
       schon ein Ort, wo man die Batterien wieder aufladen sollte. Aber so wird
       man immer weniger.“ Zu ihren Symptomen gehören neben der Fatigue auch
       Schwindel, Schlafrhythmusstörungen, schlechte Mikrozirkulation und
       Schmerzen in den Oberschenkeln und an den Händen. Bei der Kälte schmerzten
       ihre Extremitäten noch stärker und weniger Energie habe sie auch. „Die
       konstante Kälte hält meinen Körper in einem Notstromzustand“, sagt sie.
       
       Zusätzlich belasten sie die Geldsorgen und die Bürokratie: Das ganze letzte
       Jahr habe sie damit verbracht, die Renten und Sozialhilfen zu beantragen.
       „Dabei sollte ich mich eigentlich darum kümmern, gesund zu werden. Aber
       davon kann es ja nicht besser werden“, sagt sie.
       
       „Durch solch ein komplexes Stress- und Überforderungserleben haben
       Betroffene schnell das Gefühl, die Situation nicht handhaben zu können und
       bleiben vor einem Koloss an Bürokratie in Angststarre stehen“, erklärt
       Patricia Hänel. Sie ist Projektleiterin im GeKo – einem
       Stadtteil-Gesundheits-Zentrum in Neukölln, das sich für die Grundversorgung
       über verschiedene Ebenen hinweg und den Abbau gesellschaftlicher
       Ungleichheiten einsetzt. „Ärmere Menschen stehen oft aufgrund von prekären
       Arbeitsverhältnissen, Geldnot oder auch durch Arbeitslosigkeit und soziale
       Ausgrenzung unter Stress“, sagt sie. „Auf der neurobiologischen Ebene führt
       das dazu, dass Gehirnstrukturen sich dem Dauerstress anpassen und typische
       Vokskrankheiten häufiger werden. So gibt es unter ärmeren Menschen eine
       höhere Rate an Diabetes- und Herzerkrankungen.“ Um diese Zusammenhänge zu
       bekämpfen, müssten ihr zufolge in Primärversorgungszentren Medizin,
       Psychologie und sozialarbeitende Strukturen enger zusammenarbeiten.
       
       Den Öko-Institut-Expertinnen Schumacher und Braungardt zufolge könnten etwa
       eine Ausweitung der Förderung für Sozialen Wohnungsbau auf Sanierungen
       sowie flächendeckende Energie- und Förderberatung zu einer Verringerung der
       Energiearmut in Deutschland beitragen. Seit diesem Jahr können EU-Länder
       für CO2-einsparende Maßnahmen, die sich direkt an von Energiearmut
       Betroffene richten, auch Gelder aus dem Klimasozialfonds erhalten, der im
       Zusammenhang mit dem 2028 geplanten EU-Emissionshandel für Gebäude und
       Straßenverkehr aufgelegt wurde. Allerdings müssen die Länder dafür einen
       [8][Klimasozialplan vorlegen – und den gibt es von Deutschland bisher noch
       nicht].
       
       Schumacher begrüßt, dass die EU-Energieffizienzrichtlinie spezifisch die
       Bekämpfung von Energiearmut fördert. „Die soziale Komponente ist auch eine
       wichtige Komponente für die Akzeptanz und Teilhabe am Klimaschutz in der
       Bevölkerung“, sagt sie. Braungardt ergänzt: „Viele energiearme Haushalte
       sehen nämlich keinen eigenen Handlungsspielraum beim Klimaschutz.“ Dagegen
       könne etwa auch der Stromsparcheck der Caritas mit Unterstützungsangeboten
       für Privathaushalten Selbstwirksamkeit spürbar machen.
       
       Beim Abschied liest G. noch ihr Thermometer ab. „19 Grad sind hier nur!?“,
       sagt sie schockiert. „Kein Wunder, dass mir immer so kalt ist. Also da muss
       sich wirklich mal was ändern.“
       
       Dieser Text ist Teil eines Rechercheprojekts zu Klimawandel und Gesundheit,
       das von der taz Panter Stiftung unterstützt wird.
       
       15 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Long-Covid-und-Selbsttoetung/!6133062
 (DIR) [2] https://www.klimabuendnis.org/news-events/neuer-policy-brief-zum-thema-energiearmut-veroeffentlicht/
 (DIR) [3] /Wetter-in-der-Klimakrise/!6153284
 (DIR) [4] /Long-Covid-und-ME/CFS/!6131325
 (DIR) [5] https://www.der-paritaetische.de/fileadmin/user_upload/Expertise_Entbehrungen_2025_web.pdf
 (DIR) [6] /Schornsteinfeger-uebers-Energiesparen/!5881196
 (DIR) [7] https://www.umweltbundesamt.de/themen/gesundheit/umwelteinfluesse-auf-den-menschen/schimmel/haeufige-fragen-bei-schimmelbefall#weiterfhrende-informationen-zum-thema-schimmelpilze-und-gesundheit
 (DIR) [8] /Geld-fuer-sozialen-Klimaschutz/!6096829
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Jelena Malkowski
       
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