# taz.de -- Umgang der Polizei mit psychisch Kranken: Wenn die Polizei Diagnosen stellt
> Das Konzept der Berliner Polizei zum Umgang mit psychisch Erkrankten ist
> unausgereift. Psychiater*innen lehnen die Ausweitung von Kontrollen
> ab.
(IMG) Bild: Personenkontrolle im U-Bahnhof Alexanderplatz
Wenige Wochen vor dem geplanten Start eines Pilotprojekts der Berliner
Polizei zum Umgang mit psychisch erkrankten Menschen sind noch viele Fragen
offen. Es zeichnet sich jedoch ab, dass allein die Polizei Einschätzungen
zu psychischen Erkrankungen und der möglichen Gefahr vornehmen soll, die
von den identifizierten Personen ausgeht – und nicht etwa Ärzt*innen oder
Psycholog*innen: „Die Risikobeurteilungen erfolgen grundsätzlich durch
Polizeivollzugskräfte“, schreibt die Senatsinnenverwaltung in einer Antwort
auf eine Anfrage des Grünen-Abgeordneten Vasili Franco, die der taz
vorliegt.
Anfang Februar [1][hatte Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik Meisel
angekündigt], dass die Polizei Menschen mit psychischen Erkrankungen, die
sie als potenziell gefährlich einstuft, künftig gezielter erkennen und von
möglichen schweren Straftaten abhalten will. Dazu soll ein sogenanntes
Drei-Stufen-Modell dienen, das man gemeinsam mit anderen Bundesländern
erstellt habe.
In Stufe 1 melden demnach Polizist*innen im Einsatz „Menschen mit
Risikopotenzial“ und bewerten anhand „kurzer und prägnanter Kriterien“ ihre
Gefährlichkeit. Sind diese Merkmale erfüllt, werden die Personalien an eine
zentrale Stelle bei der zuständigen Polizeidirektion weitergeleitet, wo –
Stufe 2 – eine Risikoanalyse vorgenommen wird.
Sollte sich der Eindruck erhärten, dass die Person schwere Straftaten
begehen könnte, werden in Stufe 3 das Landeskriminalamt und
psychotherapeutische Expertise hinzugezogen. Gemeinsam soll dann über
mögliche weitere Maßnahmen entschieden werden. Die Überlegungen reichen von
einer Fallkonferenz über die Einschaltung des sozialpsychiatrischen
Dienstes bis hin zu einer Zwangseinweisung.
## Besonders ausgereift scheint das Konzept nicht
Ein entsprechendes Pilotprojekt stellte Slowik Meisel ab April in Aussicht.
Doch besonders ausgereift scheint das Modell noch nicht. Nach den in Stufe
1 vorgesehenen Kriterien gefragt, schreibt Innenstaatssekretär Christian
Hochgrebe in der aktuellen Senatsantwort: „Die Risikoindikatoren fußen auf
aktuellen wissenschaftlichen Standards kriminalprognostischer Verfahren im
Hinblick auf schwere Gewalttaten.“
Ob dabei auch Fachwissen aus Medizin und Psychologie einfließen soll,
bleibt offen. Da sich der Prozess noch „in der Planungs- und
Umsetzungsphase“ befinde, könnten „keine weiteren Details“ mitgeteilt
werden, heißt es weiter.
Auch bei Stufe 2 ist unklar, ob Kompetenzen außerhalb der Polizei
einbezogen werden. „Grundlage für Risikobeurteilungen sind grundsätzlich
die in der Polizei Berlin vorliegenden Daten. Ein Datenaustausch mit
anderen staatlichen und nichtstaatlichen Stellen erfolgt im Rahmen der
rechtlichen Möglichkeiten“, erklärt die Innenverwaltung.
Für den Grünen-Innenexperten Vasili Franco ist das zu wenig: „Es ist unter
medizinischen und ethischen Standards nicht vertretbar, der Polizei
zukünftig die Beurteilung von psychischen Erkrankungen zu überlassen“,
kritisiert er gegenüber der taz und fordert: „Eine psychisch erkrankte
Person darf nicht mit einem Sicherheitsrisiko gleichgesetzt werden.“ Die
entscheidende Frage sei, wie man Menschen mit psychischen Erkrankungen von
einer polizeilichen Bearbeitung in eine regelhafte und nachhaltige
Gesundheitsversorgung überführe, so Franco weiter.
## Ärzt*innen gegen Ausweitung von Kontrollen
Das betont auch die Deutsche Gesellschaft für Psychiatrie und
Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN), die am
Donnerstag in Berlin [2][einen Kongress] zum Thema Gewaltprävention
veranstaltet. Am Mittwoch hat die Fachgesellschaft dazu das Papier
„[3][Versorgung stärken, Gewalt verhindern]“ veröffentlicht.
Darin kritisieren die Fachärzt*innen eine verschärfte Sicherheitspolitik
gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen sogar als kontraproduktiv:
„Maßnahmen, die primär oder ausschließlich auf Kontrolle, Registerbildung
oder weitreichende Informationspflichten setzen, erhöhen das
Gefahrenrisiko, weil sie Hilfesuchende abschrecken, Stigmatisierung
verstärken und Behandlung erschweren“, heißt es in dem Dokument.
Stattdessen drängen sie auf eine frühe Diagnostik, leitliniengerechte
Behandlung sowie „sozialräumlich vernetzte Begleitung und Unterstützung von
Menschen mit psychischen Erkrankungen“. Als wichtige Bausteine nennt die
Fachgesellschaft die Stärkung der sozialpsychiatrischen Dienste und – als
Ergänzung zu Ärzt*innen und Therapeut*innen – ein „flächendeckendes,
niedrigschwelliges und anonym erreichbares Kriseninterventionssystem, das
früh und unkompliziert Hilfe und Begleitung anbietet“.
Doch genau die sind in Berlin [4][von der massiven Kürzungspolitik des
schwarz-roten Senats betroffen]. Gelder für Anlaufstellen der ambulanten
Versorgung wurden zuletzt zusammengestrichen. Und die eingeplanten Mittel
für ein angekündigtes „multiprofessionelles Kriseninterventionsteam“ der
Berliner Feuerwehr hat die Innenverwaltung im vergangenen Jahr dann doch
für „Dienst- und Schutzkleidung“ ausgegeben – und im aktuellen Haushalt
komplett gekürzt.
Stattdessen soll nun zwischen April und Juni ein „sozialmedizinisches
Akutteam“ (SMAT) erprobt werden, wie aus der aktuellen Senatsantwort
hervorgeht. Dabei handelt es sich um ein kleines Team aus Sanitäter*in
und Sozialarbeiter*in, die zwischen 11 und 23 Uhr in Mitte und
Friedrichshain-Kreuzberg im Auto unterwegs sind. Sie sollen Menschen
versorgen und weitervermitteln – „niedrigprioritäre Anliegen“ nennt das der
Senat.
Das sei fatal, sagt Vasili Franco: „Im Umgang mit Menschen in
psychosozialen Notlagen dürfen die echten Lösungen nicht aus dem Blick
geraten. Gerade das Zusammenspiel von Polizei, Rettungsdienst, Psychologen
und Sozialarbeit zeitigt in anderen Ländern nachhaltige Erfolge.“
5 Mar 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Polizei-Umgang-mit-psychisch-Erkrankten/!6151181
(DIR) [2] https://www.dgppn.de/veranstaltungen/hauptstadtsymposien/hauptstadtsymposium-2026.html
(DIR) [3] https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/97e5e3008bce25eb443c45886be64ab437e828ed/2026-03-04_DGPPN%20Empfehlungen%20Versorgung%20st%C3%A4rken-Gewalt%20verhindern.pdf
(DIR) [4] /Folgen-von-Kuerzungen-in-Berlin/!6112760
## AUTOREN
(DIR) Hanno Fleckenstein
## TAGS
(DIR) Polizeigewalt
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