# taz.de -- Gaza nach dem Krieg: Eine Riviera für die Palästinenser
> Nach Israels Abzug vor gut 20 Jahren gab es eine Chance für Frieden und
> Wohlstand im Gazastreifen. Die Wahl der Hamas war der Anfang der
> Katastrophe.
US-Präsident Donald Trumps absurder Plan von einem Gazastreifen ohne
Palästinenser, einer Riviera für amerikanische Investoren, scheint vom
Tisch. Aktuell dürfen nach fast zwei Jahren kompletter Grenzsperrungen für
den Personenverkehr täglich nur wenige [1][verletzte und kranke Menschen]
nach Ägypten ausreisen. Trump selbst spricht seit Monaten nicht mehr von
einer Massenevakuierung – sehr zum Ärger derer, die sich schon Hoffnungen
auf eine Rückkehr an die Mittelmeerküste und den Wiederaufbau der 2005
geräumten Siedlungen im Gazastreifen gemacht hatten.
Es wird nichts werden mit der Vertreibung der dort lebenden Menschen, schon
weil es kein Land gibt, das sie aufnehmen will. Die PalästinenserInnen
bleiben und sie brauchen eine Perspektive auf ein Leben in Sicherheit,
Freiheit und wirtschaftlicher Stabilität. Aus dem langen, fast immer
sonnigen palästinensischen Küstenstreifen [2][eine Riviera] zu machen, ist
grundsätzlich gar kein so abwegiger Gedanke. Solange die Menschen in ihren
Genuss kommen, die hier leben, die Palästinenser und Palästinenserinnen
also.
Aktuell herrscht Trump zum Dank [3][ein fragiler Waffenstillstand] und
damit die Chance auf mehr Sicherheit und verbesserte Lebensumstände. Die
Mission kann nur gelingen, wenn sie von der Öffentlichkeit unterstützt
wird, was wiederum nur passieren kann, wenn sich die Lage stabilisiert. Auf
kurz oder lang können nur die PalästinenserInnen selbst für eine Beruhigung
sorgen. Und sie sollten selbst entscheiden, ob sie die [4][deutsche
Bundestagspräsidentin] einladen und dann auch in Empfang nehmen wollen.
Tausende qualifizierte PolizistInnen stehen bereit, für Ruhe und Ordnung zu
sorgen, auch wenn sie aktuell, weil untrainiert, nicht in Bestform sein
dürften. Mit dem Coup der [5][Hamas] 2007 haben die Beamtinnen, die im
Dienst der Fatah-nahen Palästinensischen Autonomiebehörde (PA) standen,
ihre Uniformen bis auf Weiteres in den Schrank gehängt. Wobei die Gehälter
in den vergangenen knapp 20 Jahren weiter ausgezahlt wurden.
## Exit-Strategie für die Milizen
Palästinenserpräsident Mahmud Abbas stellte die PA-Bediensteten im
Gazastreifen vor die Wahl: Entweder ihr arbeitet für die Hamas, dann lasst
euch auch von der Hamas bezahlen. Oder ihr stellt die Arbeit ein, dann
laufen die monatlichen Gehaltszahlungen weiter. Fast alle entschieden sich
für den bezahlten Schlendrian. Insgesamt beziehen noch rund 40.000
PA-Bedienstete im Gazastreifen monatliche Gehälter. Eine wahnsinnige
Ressourcenverschwendung in einer der ärmsten Regionen der Welt.
Dass die Islamisten aus freien Stücken den KollegInnen von der Fatah das
Feld überlassen, ist kaum zu erwarten. Ebenso wird eine gewaltvolle
Entwaffnung der Hamas kaum gelingen. Nötig ist eine Exit-Strategie und eine
Perspektive für die Kämpfer. Dazu gehört ein Angebot vor allem an die
jungen Männer, die erst im Verlauf des Krieges rekrutiert wurden. Die Hamas
hat, solange sie konnte, den Milizen einen [6][monatlichen Sold] bezahlt.
Warum sollten die Männer gegen eine entsprechende Bezahlung nicht auch im
gesamt-palästinensischen Sicherheitsapparat Dienst tun wollen.
Die Hamas signalisierte Interesse an einer Integration der [7][bewaffneten
Polizeieinheiten] als ersten Schritt. Insgesamt ist von 40.000 Männern die
Rede. Die israelische Führung wird alles daransetzen, das zu verhindern.
Sicher ist jedoch: Mit der Integration der Hamas-Milizen steht und fällt
die Zukunft der Region. Sicher ist allerdings auch, dass sich Fatah und
Hamas längst versöhnt hätten, wäre das so einfach.
In den 20 Jahren des bitteren innerpalästinensischen Konflikts konnte die
Fatah einem weiteren Coup der Hamas im Westjordanland nur deshalb
entkommen, weil dort noch immer die Besatzungsarmee stationiert ist. Und
weil die Fatah-nahen Truppen im Kampf gegen den gemeinsamen islamistischen
Feind mit den israelischen Sicherheitsdiensten zusammenarbeiten. Damit
stehen die Zeichen auf eine baldige Versöhnung nicht gerade günstig.
## Hamas in die PLO
Hier sind die Geberländer, allen voran Saudi-Arabien, Katar und Ägypten
gefragt, um mit der Verknüpfung finanzieller Zuwendungen an konkrete
Schritte zur nationalen Versöhnung Überzeugungsarbeit zu leisten. Ziel ist:
eine Kontrollinstanz, ein Gesetz und nur eine Waffengewalt. Auch nicht
einfach, aber als erster anvisierter Schritt sinnvoll wäre ein politisches
Zusammengehen unter dem Dach der Palästinensischen Befreiungsorganisation
(PLO).
Anfang Februar legte Abbas öffentlich den Termin [8][1. November 2026 für
die Wahl des PLO-Nationalrats] fest. Es wären die ersten Wahlen für dieses
Gremium jemals. Bislang wurden die Mitglieder des PLO-Parlaments entweder
ernannt oder sie rückten nach. Die angekündigte Wahl ist mit etwas gutem
Willen als Einladung an die Hamas zu werten, der PLO beizutreten, was seit
Jahren immer wieder zur Diskussion kommt und in diesen Tagen dringlicher
denn je erscheint.
Voraussetzung wäre allerdings, dass die Hamas den Staat [9][Israel und die
zwischen der PLO und Israel vereinbarten Abkommen] anerkennt. Die
Integration aller politischen Fraktionen in die PLO steht auch ganz oben
auf der Liste des im Juni von unabhängigen palästinensischen
Intellektuellen veröffentlichen „[10][Palästinensischen
Waffenstillstandsplans]“. Zwar kann der PLO-Nationalrat formal den
Legislativrat der Autonomiebehörde nicht ersetzen, denkbar wäre trotzdem
die Einberufung von Kommissionen mit Beratungsfunktion.
Diese hätten gegebenenfalls den Vorteil, von allen Fraktionen akzeptiert zu
werden; im Gegensatz zum Legislativrat in Ramallah, der ohnehin seit knapp
20 Jahren nicht mehr zusammenkommt und keinerlei Funktion mehr hat. Abbas
regiert das Westjordanland seit 2007 per Dekret und wechselt nach eigenem
Gutdünken die MinisterInnen aus. Es mag dem Palästinenserpräsidenten ganz
recht sein, dass sich das zwölfköpfige „[11][Nationale Komitee für die
Verwaltung des Gazastreifens]“ ausschließlich aus Fatah- oder PA-nahen
Mitgliedern zusammensetzt.
## Riesige Gasfelder vor der Küste Gazas
Es sind die ihm Hörigen, die in der zweiten Phase von Trumps 20-Punkte-Plan
den Gazastreifen managen sollen. Ob die Zusammensetzung des Komitees klug
ist, steht indes auf einem anderen Blatt. So dürfte vor allem Sami Nisman,
der für die innere Sicherheit zuständig sein soll, einigen Missmut
auslösen. Nisman gehörte bis zum Hamas-Coup 2007 dem Nachrichtendienst der
PA an und war vorrangig für die Verfolgung der innerpolitischen Gegner
zuständig. Damit dürfte er auf der Liste der Erzfeinde der Islamisten
stehen. Trotz allem signalisierte die Hamas Kooperationsbereitschaft und
hat offenbar den ein oder anderen Geschäftsbereich bereits abgetreten.
Die Kooperation zwischen den zivilen Beamten, die bislang im Dienst der
Hamas standen, und denen, die bis 2007 für die PA gearbeitet haben, wird
ungleich leichter vonstattengehen, als die der Truppen. Beim Personal für
die Stadtreinigung, im Gesundheitsbereich oder in der Verwaltung spielt das
Parteibuch eine weniger wichtige Rolle, auch wenn viele alte Wunden nur
langsam heilen dürften. Im Interesse der Menschen im Gazastreifen ist jedeR
Einzelne gefragt, die [12][alten Feindschaften] zwischen Fatah und Hamas ad
acta zu legen.
Die internationale Gemeinschaft unterstützt in seltenem Unisono die
Befriedung und den Wiederaufbau des zerstörten Kriegsgebiets. Die EU, die
USA und zentral die Golfstaaten signalisieren Bereitschaft, hier große
Summen zu investieren. Ägyptische Baufirmen hoffen auf lukrative Aufträge
beim Wiederaufbau des in weiten Teilen zerstörten Gebiets. Von 15, 20 in
manchen Quellen 100 Milliarden Dollar ist die Rede, die dafür nötig wären.
Gaza braucht einen Vorschuss für Maschinen zum Räumen der Trümmer und für
das Material, das nötig ist für den Neubau der Infrastruktur.
Und für die Erschließung der [13][Gasvorkommen], die groß genug sind, um
nicht nur den Gazastreifen mit Strom zu versorgen, sondern die auch
ausreichen, um langfristig die Schulden zu tilgen. Dabei muss das Geschäft
mit dem Wiederaufbau nicht zwingend ägyptischen Firmen überlassen werden,
denn es stehen palästinensische ArchitektInnen, IngenieurInnen und
Arbeitskräfte bereit. Immerhin waren es palästinensische Bauarbeiter, die
den größten Teil der israelischen Trennanlagen und der Häuser in den
Siedlungen gebaut haben.
## Verpasste Chance
Der Balanceakt der internationalen Gemeinde wird sein, den Wiederaufbau des
Gazastreifens so weit zu kontrollieren, dass die Hilfsgelder nicht in den
Terror oder private Taschen fließen, sondern möglichst rasch gut angelegt
werden, ohne dabei den PalästinenserInnen unnötige Hindernisse in den Weg
zu stellen. So wäre es gut, wenn sich die demnächst anrückenden
[14][internationalen Truppen] auf das Grenzgebiet konzentrieren.
Anstatt auf den nächsten Schritt von [15][Trumps Friedensrat] zu warten,
der offensichtlich viel größere Ziele verfolgt als nur die Rekonstruktion
im Gazastreifen, sollten die PalästinenserInnen ihr Schicksal jetzt selbst
in die Hand nehmen. Nichts würde der israelischen Regierung und
Ministerpräsident Benjamin Netanjahu, der eine Rückkehr der PA in den
Gazastreifen strikt ablehnt, gründlicher den Boden unter den Füßen
wegziehen, als eine von palästinensischen Sicherheitstruppen selbst
vorgenommene Entwaffnung durch Integration der Hamas.
Mit den von Trump wesentlich vorangetriebenen Abraham-Abkommen und dem
erklärten Wunsch der israelischen Regierung, weitere Staaten mit ins Boot
zu locken, wachsen die Einflussmöglichkeiten der arabischen Partner auf
Netanjahu. „Die Palästinenser leben seit 56 Jahren unter einem brutalen
israelischen Apartheidsregime“, schreibt [16][Amos Schoken], Herausgeber
der Tageszeitung Haaretz. „Kein Wunder, dass das zum Terror führte.“ Würde
nur auch der israelische Regierungschef endlich einsehen, dass es ohne eine
Perspektive für palästinensische Eigenständigkeit auch um [17][die Zukunft
seines Landes] nicht gut steht.
Die Menschen im Gazastreifen hatten im Sommer 2005 die historische Chance,
ein [18][Singapur im Nahen Osten] entstehen zu lassen, als Israel die
Siedlungen räumte und die Truppen abzog. Doch schon sechs Monate nach dem
Abzug wählten die PalästinenserInnen die Hamas und mit ihr Terror. Nicht in
Entsalzungsanlagen, Klärwerke oder Sonnenenergie noch die Förderung vom
Erdgas flossen die Milliarden Dollar aus dem Ausland, sondern in die
vermutlich modernsten Tunnelanlagen weltweit. Möglich, dass es jetzt für
die PalästinenserInnen im Gazastreifen eine zweite Chance gibt – für ein
Singapur oder eine Riviera.
14 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Grenzuebergang-zwischen-Gaza-und-Aegypten/!6151772
(DIR) [2] https://www.youtube.com/watch?v=PslOp883rfI
(DIR) [3] /Krieg-im-Gazastreifen/!6149054
(DIR) [4] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/kloeckner-besuch-gazastreifen-100.html
(DIR) [5] /Geschichte-der-Hamas/!5965057
(DIR) [6] https://www.wsj.com/world/middle-east/hamas-finances-fighters-payments-gaza-f98df760
(DIR) [7] https://www.ynetnews.com/article/h1u11dc8i11e
(DIR) [8] https://www.tagesspiegel.de/internationales/uberall-wo-dies-moglich-ist-abbas-setzt-erstmals-allgemeine-direktwahl-zum-palastinensischen-nationalrat-an-15210720.html
(DIR) [9] /Politik-in-palaestinensischen-Gebieten/!6149550
(DIR) [10] https://cambridgepeace.org/wp-content/uploads/2025/06/Palestinian-Armistice-Plan.pdf
(DIR) [11] https://www.terrorism-info.org.il/app/uploads/2026/01/E_015_26.pdf
(DIR) [12] https://www.theguardian.com/world/2007/jun/13/israel3
(DIR) [13] https://www.zeit.de/wirtschaft/2023-06/israel-aegypten-palaestinenser-gasvorkommen-gaza
(DIR) [14] https://www.bbc.com/news/articles/cvgjwpx9j2do?xtor=AL-72-%5Bpartner%5D-%5Byahoo.north.america%5D-%5Bheadline%5D-%5Bnews%5D-%5Bbizdev%5D-%5Bisapi%5D
(DIR) [15] /Neuer-Staatenbund-Friedensrat/!6147895
(DIR) [16] https://www.haaretz.com/opinion/2026-01-04/ty-article-opinion/.premium/how-to-strengthen-both-israels-security-and-its-citizens/0000019b-8539-d585-abdf-c7f9bee20000
(DIR) [17] /Diplomat-ueber-Israels-Regierung/!6143197
(DIR) [18] https://www.jpost.com/opinion/article-839197
## AUTOREN
(DIR) Susanne Knaul
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