# taz.de -- Neue Unterkünfte für Geflüchtete: Erste Station Hauptbahnhof
> Mehr Übergangswohnheime, weniger Notaufnahmen: Bremen ordnet seine
> Geflüchtetenunterkünfte neu. Ist eine Erstaufnahme hinterm Bahnhof
> geeignet?
(IMG) Bild: Geeignet für Geflüchtete? Bremer Freimarkt-Gelände
Die Unterbringung von Geflüchteten in Bremen soll neu geordnet werden. Zeit
wird es dafür: Das aktuelle System der Wohnheime ist die teuerste und
zugleich die unattraktivste Lösung. Viel zu lange stecken Menschen in
Bremen in den Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes fest.
Und viel zu oft handelt es sich bei diesen Erstaufnahmen noch immer um
„Notaufnahmen“ – Notlösungen, die in der Krise geschaffen wurden und nun
seit vielen Jahren in Betrieb sind. Von den 3.400 Plätzen der Erstaufnahme
des Landes Bremen sind nur 1.000 in regulären Häusern untergebracht, die
tatsächlich zum Wohnen geeignet sind. Der Rest lebt in Leichtbauhallen,
Containern oder ehemaligen Großmärkten: in Achter-Abteilen, mit Wänden aus
Spanplatten, die nach oben hin offen sind.
Menschen sollten in den Erstaufnahmen bis zum Abschluss des Asylverfahrens
leben, höchstens aber sechs Monate. Doch der Wechsel in die
Übergangswohnheime funktioniert nicht immer: Derzeit warten rund 700
Menschen in den Landesunterkünften, obwohl sie eigentlich schon in ein
Übergangswohnheim dürften.
Dazu kommen rund 200 junge Leute, die nach ihrer Volljährigkeit länger in
den Jugendeinrichtungen bleiben, weil sie weder eine eigene Wohnung finden,
noch einen Platz im Übergangssystem bekommen.
## Schlecht und teuer
Den Staat kostet die schlechte Lösung mehr als alle anderen:
Durchschnittlich schlägt ein Platz im Landessystem der Erstaufnahmen mit
rund 59 Euro pro Tag zu Buche – mehr als das Doppelte eines Platzes in den
Übergangswohnheimen im kommunalen System mit rund 27 Euro pro Tag.
Denn auch die Menschen in den Übergangswohnheimen stecken fest: Der
eigentliche Flaschenhals ist der angespannte Wohnungsmarkt. Die Zahl der
Wohnungen, für die die Kosten der Unterkunft nach Sozialrecht übernommen
werden könnte, ist gering, Geflüchtete können nicht in eigenen Wohnraum
umziehen, sondern müssen in den Gemeinschaftsunterkünften bleiben und
blockieren ungewollt in den Übergangswohnheimen Plätze für die
nachrückenden Asylbewerber*innen.
Jetzt, wo die Zugangszahlen vergleichsweise gering sind, weil Menschen
außerhalb der Grenzen abgewiesen werden, soll das System der Unterbringung
in Bremen ein bisschen stabilisiert werden: Verschwinden sollen bis 2027
alle 2.400 Erstaufnahme-Plätze in Notaufnahmen.
Parallel müssen 800 neue Erstaufnahmeplätze in regulären Immobilien
entstehen – und endlich mehr Anschlussplätze in Übergangswohnheimen. 600
davon, an fünf Standorten über die Stadt verteilt, sind bereits im
Entstehen, ab 2027 werden drei weitere Gebäude mit 600 Plätzen angemietet.
Auch für die neue, die nicht mehr ganz so behelfsmäßige Erstaufnahme,
konnte der Senat Ende Januar eine erste Lösung präsentieren: 350 Plätze
entstehen an der Theodor-Heuss-Allee 8, wo heute noch die „Suppenengel“
residieren – ein Verein, der warmes Essen an Bedürftige verteilt. Eine
Gemeinschaftsküche ist damit schon vor Ort.
Auch sonst eignet sich der Grundriss ohne größere Umbauten für Ein- bis
Fünfbettzimmer. Die Kosten halten sich im Rahmen (insgesamt 18 Millionen
Euro für 15 Jahre Nutzung) – und dann auch noch die Lage: mitten in der
City. Ja, doch, man ist ganz glücklich mit dem Ort im Sozialressort.
Die Lage allerdings findet nicht nur Freunde: 200 Meter vom Hintereingang
des Hauptbahnhofs liegt die Adresse entfernt. Und Hauptbahnhof, das heißt
„Drogenszene, Verwahrlosung und Kriminalität“, kritisiert die CDU.
„Man kommt nach Bremen und weiß noch gar nicht, wie ein Leben in
Deutschland funktionieren und aussehen kann“, sagt Sigrid Grönert, die
sozialpolitische Sprecherin der CDU-Fraktion. „Und dann gehören zu den
ersten Dingen, die man sieht, der Müll, das Drogendealen, die
Obdachlosigkeit und das Betteln. Das wird das Deutschland-Bild prägen“,
sagt die Bürgerschaftsabgeordnete.
„Ich stelle mir das bildlich vor: Da ziehen Familien mit Kleinkindern und
Halbwüchsigen ein, aber auch viele alleinstehende junge Männer. Sie kennen
niemanden hier und sprechen noch kein Deutsch“, sagt Grönert. Wenn sie dann
am Bahnhof auf ein kritisches Umfeld träfen, sei „die Verführung, in
gewisse Dinge reinzugeraten“, einfach nah.
Eine gewisse Anfangsplausibilität bringt der Gedanke mit. Vor allem
Geflüchtete mit abgelehnten Asylanträgen bleiben lange in den Erstaufnahmen
– also jene Menschen, die wenig Hoffnung und kaum Perspektive auf eine
dauerhafte, legale Lebensgrundlage in Deutschland haben.
## Urbane Szenen gut fürs Ankommen
Die einschlägige Wissenschaft zur Raumforschung allerdings hat solche
Zusammenhänge bisher nicht bestätigt. Im Gegenteil: Vor allem Orte an der
Peripherie werden [1][durch Studien bisher als ungeeignet] ausgewiesen.
Urbane Szenen dagegen glänzen durch eine gute Ankommensinfrastruktur: „Eine
Lage mitten in der Stadt bedeutet Zugang zu sozialen Diensten, Bildung,
Arbeit und medizinischer Versorgung“, lobt Sozialsenatorin Claudia
Schilling.
Die Verbindung von Kriminalität am Bahnhofsvorplatz mit der geplanten
Geflüchtetenunterkunft empfindet auch Philipp Piechura als konstruiert. Der
Raumforscher sitzt für die Bremer Linksfraktion als Deputierter im
Sozialausschuss, promoviert an der HafenCity Universität Hamburg zur
Unterbringung Geflüchteter in hybriden Wohnprojekten und ist
Mit-Herausgeber eines Sammelbands zur raumsensiblen
Flucht-Migrationsforschung.
„Migrationsbiografien hängen nicht unmittelbar von der Lage einer
Unterkunft ab“, sagt der Raumforscher. Wichtiger: Wie ist die
sozialarbeiterische Begleitung vor Ort? Welchen Schutz und Rückzugsraum
bietet die Unterkunft selbst?
Beispielhaft nennt er das Ankunftsprojekt Refugio in Berlin, mitten in
Neukölln. Dort habe es anfangs die Befürchtung gegeben, der Stadtteil werde
zusätzlich belastet. „Das Gegenteil war der Fall“, berichtete Piechura. Das
Zentrum sei zum Treffpunkt für den Stadtteil geworden, mit Café, Ateliers,
Musikschulen und Festsaal, Räumen für Vereine und Initiativen. „Die
Geflüchteten haben dort eine Möglichkeit bekommen, selbst ehrenamtlich
tätig zu werden“, sagt Piechura.
## Nicht nur Trinker- und Drogenszene
Auch in Bremen könne es sinnvoll könne es sein, weitere Nutzungen zu
integrieren – „sei es über eine Auflockerung der Belegung durch
studentisches Wohnen, durch ein offenes Kulturcafé oder eine Gestaltung der
Erdgeschossräume durch künstlerische Initiativen“, schlägt er vor.
Das Umfeld des Bahnhofs besteht schließlich nicht nur aus der Trinker- und
Drogenszene: Die Einrichtung ist nicht am verruchten Bahnhofsvorplatz
angesiedelt, sondern auf der Rückseite, gegenüber der Bürgerweide, die eher
als Parkplatz für große Konzerte, für den Freimarkt und die Osterwiese oder
für den Flohmarkt bekannt ist. Auch der Bürgerpark, die Innenstadt und die
Kreativszene am Güterbahnhof sowie am Schlachthof gehören zum Umfeld.
„Urbanität ist immer grundsätzlich auch Ambivalenz und Konflikt, da kommen
wir nicht drum rum“, sagt Piechura. „Das lösen wir aber nicht durch
Repression oder an-den-Rand-drängen“.
10 Feb 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://library.oapen.org/handle/20.500.12657/105823
## AUTOREN
(DIR) Lotta Drügemöller
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Flucht
(DIR) Unterbringung von Geflüchteten
(DIR) Berlin-Tegel
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Hotelzimmer für Geflüchtete in Berlin: Das ist keine Integration
Neue Geflüchtete werden zunehmend in Hotels und Pensionen untergebracht.
Für die Betroffenen ist das fatal, für das Land teuer.
(DIR) Unterbringung von Geflüchteten: „Die Quittung werden wir bekommen“
Großunterkünfte und Hostels für Geflüchtete sind teuer und unmenschlich,
sagt der Unterkunftsleiter Peter Hermanns. Der Senat folge dem ablehnenden
Zeitgeist.
(DIR) Projekte von geflüchteten Ukrainerinnen: Tausche Tegel gegen Kunst
Der Verein Blindspots in der Geflüchtetenunterkunft Tegel Kunstkurse in
angeboten. Kann Kultur das schwierige Leben dort erträglicher machen?