# taz.de -- Tötungsdelikt an Hamburger U-Bahn: Medien weisen Täter posthum aus
       
       > Nachdem ein 25-Jähriger eine 18-Jährige mit in den Tod gerissen hat,
       > empören sich Journalisten darüber, dass der Mann überhaupt in Deutschland
       > war.
       
 (IMG) Bild: Blumen und Zeichnungen liegen nach der Tat am U-Bahnhof Wandsbek-Markt in Hamburg auf dem Bahnsteig
       
       In Hamburg-Wandsbek hat [1][nach Angaben der Polizei] am Donnerstag ein
       25-Jähriger eine 18-Jährige mit sich vor eine einfahrende U-Bahn gezerrt.
       Beide sind dabei getötet worden. Die Mordkommission ermittelt gegen den
       Mann, der sein Opfer bisherigen Erkenntnissen zufolge nicht kannte.
       
       Während die Strafverfolgungsbehörden noch Tathergang und Vorgeschichte des
       mutmaßlichen Täters ermitteln, stehen für viele Medien die Schuldigen fest:
       diejenigen, die dafür verantwortlich sind, dass der im Südsudan
       aufgewachsene Mann hier lebte.
       
       Laut Bild kam er 2024 über ein Aufnahmeprogramm nach Deutschland, besaß
       einen gültigen Aufenthaltstitel und lebte in einer Flüchtlingsunterkunft.
       Diese Angaben bestätigte eine offizielle Quelle gegenüber der taz. Die Bild
       berichtet weiter, dass seine Eltern getötet wurden und er mit zwölf Jahren
       alleine nach Kenia in ein Lager floh. Das Flüchtlingshilfswerk der
       Vereinten Nationen (UNHCR) habe ihn für das Programm ausgewählt.
       
       Die Bild und andere konservative Medien empören sich darüber, dass keine
       weiteren „Sicherheitsüberprüfungen“ durch deutsche Behörden stattgefunden
       hätten. Allerdings geht es bei diesen Überprüfungen darum, potenzielle
       Terrorist:innen aufzuspüren. Keine Rolle hingegen spielt die
       körperliche oder seelische Gesundheit von Geflüchteten.
       
       ## Screening an der Grenze
       
       Das wird sich im Juni ändern, wenn das [2][Gemeinsame Europäische
       Asylsystem] (Geas) in Kraft tritt. Dieses sieht bei Einreisen ein
       Gesundheits-Screening vor, um Versorgungsbedarfe zu erfassen. Vornehmen
       sollen dies nach den bisherigen Plänen Polizist:innen.
       
       „Eigentlich geht es bei dem Screening darum, Menschen Schutz zu gewähren,
       die diesen besonders brauchen“, sagt Lukas Welz, Geschäftsführer der
       [3][Bundesweiten Arbeitsgemeinschaft der Psychosozialen Zentren für
       Flüchtlinge und Folteropfer] (Baff). Doch um psychische Erkrankungen
       diagnostizieren zu können, brauche es fachliche Expertise. Zudem würden
       sich diese oft erst sehr viel später zeigen, wenn die Menschen angekommen
       sind.
       
       „Wir finden es sehr beunruhigend, dass das Screening von manchen
       missverstanden wird als Instrument, um Menschen an der Grenze abweisen zu
       können“, so Lukas Welz.
       
       ## Unklar, ob der Täter psychisch erkrankt war
       
       Genau darauf zielt die Berichterstattung, in der der mutmaßliche Täter als
       „großer verrückter Afrikaner“ bezeichnet wird, der häufig betrunken gewesen
       sein soll, auch zum Tatzeitpunkt.
       
       Die Staatsanwaltschaft teilte mit, der Mann sei nicht vorbestraft. Es habe
       drei Verfahren gegen ihn gegeben, die alle eingestellt worden seien. In
       einem Fall habe er sich geweigert, eine Einrichtung zu verlassen, die ihn
       zuvor hinausgeworfen hatte. Die Widerstandshandlungen gegen hinzugezogene
       Polizist:innen seien geringfügig gewesen. In einem zweiten Fall habe es
       sich um eine wechselseitige Körperverletzung gehandelt, bei der er
       erheblich verletzt wurde.
       
       Am 5. Januar schließlich habe er gegen die Zimmertür seines Mitbewohners
       getreten und einen auf dem Flur befindlichen Plastikstuhl beschädigt. Zudem
       soll er den Mitbewohner gegen den Arm geschlagen haben, wobei dieser jedoch
       keine Schmerzen verspürt habe.
       
       Ob er an einer psychischen Erkrankung gelitten hat, ist derzeit nicht
       bekannt. Selbst wenn dies der Fall gewesen sein sollte – was angesichts
       seiner Geschichte keine Überraschung wäre – muss diese nicht ursächlich für
       die Tat sein. Zum einen ist ein leicht [4][erhöhtes Risiko für
       Gewalttätigkeit] nur für Krankheiten belegt, die mit Wahnvorstellungen
       einhergehen.
       
       Zum anderen kämen bei psychisch kranken Gewalttäter:innen fast immer
       mehrere Faktoren zusammen, heißt es in einer [5][Stellungnahme] der
       Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie aus dem November.
       „Junges Alter, männliches Geschlecht, Konsum von Drogen oder Alkohol, eine
       Sozialisation mit Vernachlässigung und Gewalterfahrungen, soziale Isolation
       oder auch Armut oder Wohnungslosigkeit.“
       
       Daraus schließt die Hamburger Morgenpost, dass Menschen mit diesen
       Merkmalen nicht von Deutschland aufgenommen werden sollten. „Wieso fliegen
       wir junge Männer aus Kriegsgebieten ins Land, wenn unsere Systeme eh schon
       völlig überlastet sind und wir uns nicht anständig um diese Menschen
       kümmern können?“, heißt es in einem Kommentar zu dem Vorfall in
       Hamburg-Wandsbek.
       
       ## Zu wenig Mittel für Beratung und Psychotherapie
       
       „Das ist eine Geld- und Prioritätenfrage“, sagt dazu Lukas Welz, der
       Geschäftsführer der Baff. In ihr haben sich 51 Zentren zusammengeschlossen,
       die psychologische Beratung und Psychotherapie für Geflüchtete anbieten.
       Nach Studien leiden knapp 30 Prozent der Geflüchteten in Deutschland [6][an
       einer Traumafolgestörung], das sind knapp eine Million Menschen. Die
       Zentren könnten etwa 3,1 Prozent von ihnen versorgen, im Gesundheitssystem
       fänden ein bis vier Prozent Hilfe.
       
       Lukas Welz erinnert an die prekäre Finanzierung der Zentren. Im vergangenen
       Jahr hatte es weniger öffentliche Zuschüsse als zuvor gegeben, wenn auch
       nicht so viel weniger [7][wie ursprünglich befürchtet]. Das Zentrum in
       Rostock habe aber beispielsweise 75 Prozent des Personals entlassen müssen.
       „Die Fachkräfte gibt es, man muss sie nur bezahlen können.“
       
       Diese Probleme kennt man auch in Hamburg. Hier gibt es drei dezentrale
       Zentren, eines davon ist der Verein „Seelische Gesundheit, Migration und
       Flucht“ (Segemi). „Wir haben alle Anfang 2025 die Förderzusage bekommen,
       aber noch kein Geld“, sagt Gunhild Thomsen, psychologische Beraterin bei
       Segemi.
       
       In Hamburg-Wandsbek hielten am Sonntag Angehörige und Freund:innen der
       getöteten jungen Frau am Tatort eine Mahnwache ab.
       
       2 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://www.presseportal.de/blaulicht/pm/6337/6207386
 (DIR) [2] /Umsetzung-der-GEAS-Reform/!6107972
 (DIR) [3] https://www.baff-zentren.org/
 (DIR) [4] /Gewalt-und-psychische-Krankheiten/!6093945
 (DIR) [5] https://www.dgppn.de/_Resources/Persistent/84ce37f7913e501e3b05cab4b84457aa879887c7/2025%20DGPPN%20Schwerpunktthema%20Gewalttaten%20FIN.pdf
 (DIR) [6] /Psychologische-Hilfe-fuer-Gefluechtete/!6098152
 (DIR) [7] /CDU-und-SPD-wollen-noch-weniger-therapeutische-Hilfe-fuer-Gefluechtete/!6123460
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Eiken Bruhn
       
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