# taz.de -- US-Einwanderungspolitik: Die begrenzte Macht der Richter
> Zwei Richter treffen zur Einwanderungspolitik unterschiedliche
> Entscheidungen. Warum das kein Widerspruch ist, und wie das
> US-Justizsystem funktioniert.
(IMG) Bild: In Erinnerung: Alex Prettis Konterfei auf einem Plakat bei einer Demo in Minneapolis am Sonntag
Geht die Regierung von US-Präsident Donald Trump bei der Vollstreckung der
Einwanderungsgesetze zu weit? Bei der Klärung dieser Frage spielt das
US-amerikanische Justizsystem eine entscheidende Rolle. Am Wochenende
fielen zwei Entscheidungen vor Gerichten, die einmal mehr zeigen: Wie ein
Verfahren ausgeht, hängt oft davon ab, welcher Richter oder welche
Richterin den Vorsitz hat, da die Gesetzesgrundlage oft nicht klar geregelt
ist.
Die beiden Entscheidungen bezogen sich auf die Einwanderungspolitik der
US-Regierung: [1][In Minnesota] wies eine Bundesrichterin die Klage des
Bundesstaates und der Städte Minneapolis und St. Paul gegen die dortigen
Einwanderungs-Operationen der Regierung zurück. Laut der Richterin konnten
die Kläger nicht beweisen, dass die Regierung mit der Entsendung von etwa
3.000 Beamten eine verfassungsrechtliche Grenze überschritten hätte. Das
hätte sonst eine einstweilige Verfügung gerechtfertigt. Die tödlichen
Schüsse auf zwei Staatsbürger in den vergangenen Wochen spielten dabei
keine Rolle.
Am selben Tag beschied aber ein Bundesrichter in Texas, dass der
fünfjährige [2][Liam Conejo Ramos] und dessen Vater aus der Abschiebehaft
entlassen werden müssten. Deren Festnahme in Minneapolis und der
anschließende Transport in eine Haftanstalt in Texas seien
verfassungswidrig gewesen. In seinem Urteil kritisierte der Richter die
„Ignoranz der Regierung“ gegenüber der amerikanischen
Unabhängigkeitserklärung und forderte „eine humanere Politik“ der
Trump-Regierung.
Die beiden Bundesrichter in den beiden oben genannten Fällen wurden jeweils
noch von demokratischen Präsidenten zu ihrem Amt ernannt. Dennoch darf eins
der Urteile als Erfolg für die republikanische Regierung gelten, das andere
als kleiner Rückschlag.
## Wie kommen so unterschiedliche Entscheidungen zustande?
In den USA stehen Bundesgesetze über Landesgesetzen. Da das Thema
Einwanderung und die Vollstreckung der Einwanderungsgesetze durch
[3][Behörden wie ICE] dem Bund unterliegen, werden Rechtsstreitigkeiten in
so gut wie allen Fällen vor Bundesgerichten verhandelt. In den USA verteilt
gibt es insgesamt 94 Bundesgerichte, in denen Strafrechts- und
Zivilrechtsfragen verhandelt werden. In zweiter Instanz geht ein
Rechtsstreit dann an eines der 13 Bundesberufungsgerichte. Die letzte und
oberste Instanz ist dann der amerikanische Supreme Court. Dort würden auch
Fälle mit Bezug auf Einwanderungsfragen schlussendlich landen.
Auch wenn die allermeisten Einwanderungs- und Abschiebefälle vor einem
Bundesgericht landen, haben auch die Landesgerichte eine Aufgabe: [4][So
könnten ICE-Mitarbeiter, die in ihrer Arbeit gegen geltendes Recht
verstoßen], von den Landesbehörden straf- und zivilrechtlich verfolgt
werden.
„Unsere staatlichen und lokalen Behörden können Bundesbeamte verhaften,
wenn diese gegen kalifornisches Recht verstoßen – und im Falle einer
Verurteilung kann der Präsident sie nicht begnadigen“, erklärten die
Demokraten Nancy Pelosi und Kevin Mullen in einer gemeinsamen Erklärung im
Oktober. Und: „Auch wenn der Präsident dank eines unrechtmäßig agierenden
Supreme Courts absolute Immunität genießen mag, gilt dies nicht für
diejenigen, die in seinem Auftrag handeln“.
Bei der Frage, welche Form von Immunität ICE-Mitarbeiter und auch
Grenzschützer der Customs and Border Protection besitzen, streiten sich
Juristen derzeit. Klar ist, sie besitzen keine wie von Vizepräsident JD
Vance angekündigte „absolute Immunität“.
Bislang haben nur wenige Bundesländer ICE-Mitarbeiter strafrechtlich
verfolgt. Vielleicht könnten die anhaltende Situation in Minnesota sowie
die Tötungen von [5][Renée Good] und [6][Alex Pretti] durch Bundesbeamte
daran etwas ändern.
## Wen interessiert schon das Recht?
Präsident Donald Trump und seine Regierung haben im ersten Jahr seiner
zweiten Amtszeit allerdings bewiesen, dass juristische Niederlagen nur
wenig Auswirkungen auf ihre Politik haben.
Das US-amerikanische Rechtssystem ist einem Angriff durch die
Trump-Regierung schlichtweg nicht gewachsen. Präsident Trump und seine
Regierung treffen Entscheidungen am Fließband; über deren rechtliche
Konsequenzen wird sich erstmal nur grob Gedanken gemacht. Dahinter steckt
das Wissen, dass die Mühlen der Justiz langsam mahlen.
Bis es aber zu einer gerichtlichen Verhandlung kommt, kann eine
Regierungsentscheidung das Leben der Betroffenen bereits nachhaltig
beeinträchtigt haben.
Ein Beispiel dafür ist [7][der Fall von Kilmar Abrego Garcia.] Dieser wurde
trotz einer richterlichen Anweisung nach [8][El Salvador] abgeschoben. Dort
saß er für mehrere Monate ein – und das, obwohl ein Bundesgericht schnell
entschieden hatte, dass die Trump-Regierung ihn zurückholen müsse. Eine
Entscheidung, die vom Supreme Court bestätigt wurde. Nach seiner Rückkehr
in die USA wurde er erneut verhaftet. Ein Bundesgericht entschied jedoch
ein weiteres Mal, dass Abrego Garcia freigelassen werden müsse. Dennoch
versucht die Trump-Regierung weiterhin, den Familienvater in ein Drittland
abzuschieben.
2 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Hansjürgen Mai
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