# taz.de -- Neues Album von bauSTELLE: Harte Zeiten für Hurensöhne
> Luise Matthes nennt ihr Ein-Frau-Schepperpop-Musikprojekt bauSTELLE. Mit
> „Nachtschicht“ veröffentlicht sie ein extravagantes, feministisches
> Album.
(IMG) Bild: Kein Bock auf Rock: bauSTELLE alias Luise Matthes
„Fick dich, Rock, fick dich / Fick dich und deine Bands / Fick deine ganze
Art / Fick Strophe und den Chorus / Und was ich sonst noch tun muss / Bis
das Solo kommt – Bitch!“ Ausmalen muss man sich, wie dieser Songtext über
einem nervigen Piepsgeräusch und einem fiesen, stumpfen Beat angestimmt
wird. Die tiefe weibliche Sprechstimme ist leicht verzerrt und klingt
zugleich extrem angeekelt. „Der Rock hat einen Fan verloren / Mein Hass hat
bauSTELLE geboren!“
Luise Matthes hat sich bauSTELLE ausgedacht: „Ich habe viel mit Männern
Musik gemacht, mit Rockmusikern auch“, erklärt die Künstlerin im Gespräch
mit der taz. Viele dieser Typen hätten ihr angesagt, wie das so
funktioniere mit der Musik: „Techno, HipHop, so was hören nur Idioten, hieß
es dann immer. Ich durfte, wenn überhaupt, für ein paar Orgelakkorde in die
Tasten greifen. Wir machen hier handgemachte Rockmusik!“
Matthes sitzt in ihrem Proberaum, in einem Industriehinterhof in Weimar,
gleich hinterm Bahnhof. Der 40-Quadratmeter-Raum ist ein buntes
Durcheinander: Da steht ein Klavier, in einer Ecke hängen Kleider,
Bühnenkostüme, ein Teil des Raums dient als Werkstatt – Luise Matthes ist
Holzbildhauerin von Beruf. In der Sofasitzecke hängen Familienfotos, ein
Porträt von Bob Dylan mit falschem Autogramm („Dülan“), ein großes,
blumengerahmtes Porträt von Gisèle Pelicot.
## Mit Acidhouse durch die Pandemie
„Das Schlimmste aus deren Sicht war Trapsound. Aber irgendwann bin ich
älter geworden und dachte: Das stimmt ja gar nicht! Und dann begann Covid,
und ich hatte viel Zeit. Also habe ich angefangen, mir all diese Sachen
anzuhören, Acidhouse und [1][Detroit-Techno], und das ganze
Love-Parade-Zeug.“ Tatsächlich hat also auch Covid bauSTELLE geboren: Eine
Ein-Frau-Show, die macht, was sie will.
Kategorien wie der gute Geschmack zählen für sie nicht. Mit Samples von der
Plattform freesound.org lässt sie Trommelfelle zucken und manchmal auch die
Zwerchfelle. Bei den Liveauftritten zu ihrem Debütalbum „Interstellar“
(2022) war sie in einem knappen Glitzerkleid zu erleben. Links und rechts
vom Kopf baumelten hüftlange Pferdeschwänze aus Dichtungshanf, in der Hand
ein Plastikschwert, so groß wie sie selbst.
Mit der anderen Hand schraubte sie an ihren Computern und musste dabei
immer wieder selbst über ihre absurden Songtexte lachen. Für Matthes ist
das so eine Jekyll-and-Hyde-Sache geworden: „Ich dachte mir, da schon meine
Musik aus einer Art Tabubruch entstanden ist, nehme ich für die Bühnenfigur
auch Sachen, wo die Leute sagen: Das ist nervig oder peinlich. Einen Namen
brauchte ich auch. Als Restauratorin klettere ich tagsüber viel auf
Gerüsten rum, und wenn die Dunkelheit kommt, klappt so diese Figur aus,
dann bin ich bauSTELLE, das ist die Nachtvariante von mir.“
## Überhaupt keine Angst mehr
Diese düstere Seite der Luise Matthes hat jetzt ein [2][zweites Album
veröffentlicht]: „Nachtschicht“. Die Musik ist zum Schreien: Nach den Mühen
der männerdominierten Bands (angefangen hatte es in der thüringischen
Provinz mit Coverbands) stellt sich die Künstlerin einfach alleine auf die
Bühne und entwickelt als Solistin eine Wucht und einen Witz, wie man das
nur selten erlebt hat. Wie geht diese Verwandlung vonstatten? Die
36-Jährige zuckt nur mit den Schultern: „Ich habe schon so viel Zeug auf
Bühnen gemacht, da habe ich überhaupt keine Angst mehr.“
Auf „Nachtschicht“ sind es 14 Stücke, alle arrangiert mit
Open-Source-Software. Schon die Songtitel machen Spaß: „Amokmädchen“,
„Damage Dealer“ (in einer „Ostdeutschland“- und einer
„Westdeutschland-Version“), „Kein Himmel über Gotha“ (dazu gibt es ein
gruseliges Video im Black-Metal-Style, gedreht ganz alleine an einem
Novembermorgen in der Rhön).
„Alleine im Glockenturm“ erzählt von einer mysteriösen Frau, die uns bei
unseren alltäglichen Verrichtungen unterstützt: „Ich entkrümele für euch
den Toaster / Ich kleister für euch die Poster / Ich brenne für euch den
Obstler / Ich penne für euch im Kloster.“
So mysteriös ist das Ganze allerdings nicht: Matthes hatte all die
Dienstleister*innen im Sinn, die das Leben am Laufen halten und deren
Arbeit erst in der Pandemie überhaupt so etwas eine zaghafte allgemeine
Würdigung erhalten hat. Dass sich das dann ausbuchstabiert als „Ich gieße
für euch den Garten / Ich rieche für euch den Braten“ – Matthes nenne es
„Helge-Schneider-haftigkeit“: Albernheit mit Abgrund.
Was die Klangebene angeht, haben sich noch Einflüsse wie [3][Deichkind] und
Haftbefehl dazugesellt. bauSTELLE-Sounds sind aber noch stumpfer und
billiger als die der Hamburger Elektro-Spacken und ihre Reime weit
unpathetischer als die der Offenbacher Kiezgröße.
## Einer Berufsgruppe die Ehre erweisen
Deren Härte leiht sie sich, um im Song „Admin“ einer anderen Berufsgruppe
die Ehre zu erweisen: „Du bist nicht sehr sorgfältig im Umgang mit deinen
Daten / So wie ich dich kenne kann ich deinen Login raten / Hurensohn69,
und ich komm rein / First try und dein Mailaccount ist mein / Dein
Twitch-Money geht komplett an das Duisburger Frauenhaus / Danke, sieht
schon gar nicht mehr so düster für die Frauen aus.“
Selbstverständlich können die Musik und das Auftreten von bauSTELLE
feministisch gelesen werden. Matthes möchte das aber nicht überbewerten,
sie nennt es „preaching to the choir“. Sie bewirke im Alltag womöglich
mehr, sagt sie, wenn sie als Restauratorin zusammen mit Männern auf einer
Baustelle arbeitet.
So großmäulig und breitbeinig Matthes als bauSTELLE auftritt, singt sie
aber auch eher aus der Underdog-Perspektive. „Ich wär so gerne wie du“
heißt es in „IWSGWD“: „Ich wär so gerne der Boss / 2 Meter 50 groß / Ich
wär so gerne der Boss“, zu einem flirrenden, technoiden Beat, mit viel Hall
und Echo auf der Stimme.
Immer wieder drängt sich hier auch das Bild der durchgeknallten Type auf,
die sich in einem geheimen Palast (oder einem Weimarer Hinterhof?)
Allmachtsfantasien hingibt. In Zeiten realer durchgeknallter Typen hat das
vielleicht auch einen besonders erleichternden Effekt: Wäre doch nur
bauSTELLE der Boss! Gerne 2 Meter 50 groß und mit Plastikschwert in der
Hand.
## Manch verirrter Typ
Allerdings verirren sich auf ihre Konzerte doch manchmal Typen, die sie
nicht zum „choir“ zählen würde. „Dann wird es spannend, wenn du ein
Publikum hast, das denkt: Was ist denn das hier jetzt für ein Kunstscheiß.“
Manchmal kriegt sie diese Typen durch den billigen Beat: „Dann merke ich so
richtig, wie die sich dagegen wehren. Die checken ja schon, dass ich jetzt
nicht [4][Mickie Krause bin oder so]. Aber irgendwas passiert dann, und
dann lassen sie los und feiern es ab.“
Schlager, das könnte auch noch ein Genre für bauSTELLE sein. Um es den
Rock-Männern zu zeigen: „Die ganzen Männer, die mir in meinem Leben
Ratschläge gegeben haben, ich höre die immer noch. Sie bewerten, was ich
mache, da ist ein innerer Dialog am Laufen, sobald ich wach werde.“
bauSTELLE wurde geboren, um Rache zu nehmen. Und diese Rache ist süß.
6 Feb 2026
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## AUTOREN
(DIR) Dirk Schneider
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