# taz.de -- Stadtteilküche weggentrifiziert: Sollen die Armen doch woanders essen
       
       > Im halb gentrifizierten Hamburg-Ottensen wird der Stadtteilküche „La
       > Cantina“ gekündigt. Die Linke will sich nicht damit abfinden.
       
 (IMG) Bild: Speisekarte für Arme und nicht ganz so Arme: „La Cantina“ in Ottensen
       
       Vielleicht gibt es irgendwann eine Masterarbeit „Verdrängungs- und
       Gentrifizierungsprozesse in Hamburg-Ottensen“, in der das Schicksal der
       Stadtteilküche „La Cantina“ als Anschauungsbeispiel auftaucht. Alle Zutaten
       sind da: [1][eine Stadtteilkantine, die 20 Jahre lang Menschen mit wenig
       Geld], Obdachlosen, aber auch Leuten, die in der Umgebung wohnen, einen
       Mittagstisch anbietet. Und dazu Menschen, die lange arbeitslos waren, einen
       Arbeitsplatz.
       
       Auf der anderen Seite ein neuer Eigentümer des Gewerbehofs, der den
       Mietvertrag kündigt. Als es [2][in Medienberichten hieß], es ginge um
       Brandschutz, hatte das Bezirksamt erklärt, die Cantina dürfe ihre Küche
       durchaus weiterbetreiben. Nun sagt der Vermieter, es gebe Sanierungsbedarf.
       Nur: Kündigen darf er sowieso, auch ganz ohne Gründe anzugeben. Ob er das
       tut, um die Bausubstanz zu erhalten oder um die Miete zu verdoppeln, das
       weiß vorerst nur er selbst.
       
       Es gibt einen Teil von Ottensen, in dem die Gentrifzierungsfrage längst
       gegessen ist, in der Hauptstraße mit dem Edelklamottenladen, wo mal ein
       Scherenladen war, und dem ebenso edlen Möbelladen, wo früher Farbe verkauft
       wurde. Und es gibt einen kleineren Teil, wo die Häuser schrabbeliger sind,
       wo die Sache noch nicht so klar ist.
       
       Die Stadtteilküche liegt im Hohenesch im Vorderhaus eines Gewerbehofs, der
       aus der Zeit fällt, ein winkeliger Bau mit Gewerben vom Motorradschrauber
       über Künstlerateliers bis zum Lampendesign. Er war lange in Familienbesitz,
       der letzte Verwalter hatte ihn von seinem Vater übernommen mit dem Auftrag,
       alles so zu bewahren. Das erzählt zumindest einer der früheren Mieter.
       Früher, denn inzwischen sind alle gegangen.
       
       ## Mit dem Eigentümerwechsel drehte sich der Wind
       
       Die [3][Geschichte dazu ist kleinteilig und hat Graustufen]. Sicher ist,
       dass sie mit den neuen Eigentumsverhältnissen begann. Als eine Architektin
       das Nachbarhaus kaufte, verbot sie den Gewerbetreibenden, die Zufahrt zu
       nutzen. Außerdem beanstandete sie beim Bezirksamt den Brandschutz und
       brachte damit den Stein ins Rollen, der dem Gewerbehof das Aus bescherte.
       Der alte Eigentümer nahm einen Investor mit ins Boot, um den notwendigen
       Umbau zu finanzieren, so erzählen es die alten Mieter.
       
       Und auch mit diesem Eigentümerwechsel drehte sich der Wind. Die Mieter
       bekamen neue Mietverträge mit einmonatiger Kündigungsfrist und suchten sich
       anderswo längerfristige Perspektiven. Die Bezirksversammlung versuchte
       noch, bei Hamburgs Senat ein Vorkaufsrecht zu erwirken – vergeblich. Der
       Hinterhof ist jetzt leer.
       
       Nun ist auch der Cantina gekündigt worden. Sie suchten neue Räume, sagt
       Nese Wagner vom Trägerverein Koala. Aber das ist, vorsichtig gesagt,
       schwierig. Im Hohenesch, einen Katzensprung vom Altonaer Bahnhof entfernt,
       ist die Cantina einer der wenigen Orte, wo sich Menschen mit ganz
       unterschiedlichem Hintergrund treffen – am Stadtrand wäre das kaum der
       Fall.
       
       Aber die Mieten in Ottensen sind so hoch, dass Koala, der von der Stadt und
       dem Europäischen Sozialfonds gefördert wird, sich die kaum wird leisten
       können. Die alte war wegen des langjährigen Mietvertrags günstig.
       
       Inzwischen haben einige Medien kritisch über die Kündigung berichtet und
       vielleicht ruft deshalb der Vermieter, der seinen Namen nicht in der
       Zeitung lesen will, bei der taz an. Die Kündigung sagt er, sei wegen des
       Sanierungsbedarfs alternativlos, und ein Weiterbetrieb der Cantina während
       der Arbeiten nicht möglich. Aber er helfe, so gut er könne, bei der Suche
       nach neuen Räumen. Und was wird aus den alten? Dazu könne er nichts sagen,
       der Umbau sei zu unwägbar.
       
       Die Politik, zumindest die Linke, will noch nicht aufgeben. Sie hat mit
       einem Antrag den Bezirk zu Gesprächen mit dem Vermieter aufgefordert. Die
       Politik solle „eine baufachlich und wirtschaftlich langfristig tragfähige
       Absicherung der Stadtteilkantine am Standort Hohenesch 68“ aushandeln.
       Praktisch bedeutet das, eine höhere Miete zu sponsern.
       
       Das kann der Linken nicht leicht gefallen sein. Und es zeigt, wie schwierig
       das Problem ist. Der Vermieter sagt nicht, welche Mieter:innen er sich
       künftig wünscht. Und er schweigt, wenn man sagt, dass eine Sanierung ja
       vermutlich anders aussähe, wenn man die Erhaltung der Cantina zur Priorität
       machte. Es gibt deprimierend wenig Antworten in diesen
       Gentrifizierungsgeschichten, die immer ein bisschen unterschiedlich sind,
       und doch gleich enden.
       
       28 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Quartierskantine-in-Hamburg-Ottensen/!5967682
 (DIR) [2] https://www.ndr.de/nachrichten/hamburg/suppenkueche-la-cantina-in-hamburg-ottensen-vor-ungewisser-zukunft,suppenkueche-106.html
 (DIR) [3] /Verdraengung-aus-Hamburger-Szeneviertel/!6078600
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Friederike Gräff
       
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