# taz.de -- Chinesische Tischtennis-Dominanz: Hydra im roten Trikot
> Angeblich soll sich die Ära der chinesischen Dauersieger dem Ende
> zuneigen. Doch immer wieder tauchen neue Spitzenspieler auf. Was tun?
(IMG) Bild: Nahezu unschlagbar: der chinesische Weltmeister Wang Chuqin
Na, schon „Marty Supreme“ gesehen? Nein, ich auch nicht, [1][offizieller
Starttermin] ist ja auch erst der 26. Februar, und die ganzen Vorpremieren
mit dem ganzen Schnickschnack drumherum – in Berlin sollte ein neuer
Rundlaufweltrekord aufgestellt werden – habe ich auch verpasst. Wer es noch
gar nicht mitbekommen hat: Bei „Marty Supreme“ handelt es sich um einen
Hollywoodfilm, bei dem das Tischtennis eine sehr entscheidende Rolle
spielt. Angelegt ist die titelgebende Hauptfigur an den legendären
US-Meister Marty Reisman, der bei Weltmeisterschaften fünfmal Bronze holte,
darunter einmal im Einzel, 1949 in Stockholm. Weltmeister indes wurde er
nie.
Nun könnte man fragen: Was, ein Film über einen Typen mit
Tischtennisschläger, der nie Weltmeister wurde? Gab es nicht schon „Forrest
Gump“, und hatte der es nicht auch geschafft, die Chinesen zu schlagen?
Wobei man wissen muss: Reisman spielte in der vorchinesischen Ära, in der
Weltmeister noch aus Tschechien oder Ungarn kamen, aus England oder Japan.
[2][Der erste Chinese, der den Titel holte], war ein Mann namens Jung, das
war 1959 in Dortmund.
Mittlerweile muss man eher fragen, wann zuletzt jemand Weltmeister wurde,
der nicht aus China kam. Bei den Herren war das Werner Schlager, 2003 in
Paris. Bei den Frauen ist das sogar noch länger her, da war das
lustigerweise auch jemand mit dem Namen Jung, allerdings eine Koreanerin,
1993 in Göteborg. Letzte Europäerin: Angelica Rozeanu, 1955 in Utrecht war
das.
In der Szene munkelt man, dass die chinesische Vorherrschaft allmählich
bröckelt. Und tatsächlich verdichten sich die Anzeichen: Der ehemalige
Weltranglistenerste, immer noch die Nummer 2, Lin Shidong, verliert
inzwischen regelmäßig gegen gute Europäer, zuletzt sogar gegen Dima
Ovtcharov. Auch bei den Damen stolpert inzwischen immer mal eine der
Unbezwingbaren, so Wang Manyu [3][gegen die Deutsche] Yin Hang in Doha.
## Hydra China
Andererseits: Weltmeister Wang Chuqin hält sich weitgehend bedeckt, und
wenn er wo auftaucht, gewinnt er denn auch. Es sei denn, es geht gegen
Vorgänger Fan Zhendong, der mit 29 Jahren in der deutschen Bundesliga seine
Rente einspielt. Überhaupt: Wer in China älter wird und noch international
spielen will, muss sich was einfallen lassen. Die ehemalige
Weltranglistenerste Zhu Yuling startet inzwischen für Macao, andere spielen
für Hongkong oder lassen sich ganz ausbürgern; das kommt mittlerweile aber
gar nicht mehr so oft vor.
Und so zaubert das Musterland des Pingpongs immer wieder neue
Spitzenspieler aus dem Hut. Wen Ruibo zum Beispiel, der am Samstag in
Muscat, Oman, im Finale gegen Patrick Franziska nach Abwehr eines
Matchballs obsiegte. Muss ganz schön frustrierend sein: Immer wieder
tauchen Leute in diesen furchterregenden roten Trikots auf, besiegt man
einen, kommt ein anderer. Stichwort Hydra.
Vielleicht muss man auch aus der Box raus, nach draußen denken, wie man
heutzutage so sagt. Doppelspieltage in der Bundesliga,
geschlechterübergreifende Wettbewerbe (in Österreich in den unteren Klassen
längst Standard) – und warum nicht ein Team Europa statt äh 47 davon? Da
käme dann auch immer wer Neues in Starkblau. Mit Sternenring auf der Brust.
Politisch wäre das eh gutes Timing.
Amerika versucht es mit Hollywood – Timo Boll übrigens in einer Nebenrolle.
Musste im Film mit 50er-Jahre-Schlägern spielen. Über Schläger, Hölzer und
Belege schreiben wir dann das nächste Mal.
26 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.starmovie.at/filme/marty-supreme-7022/
(DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Tischtennisweltmeisterschaft
(DIR) [3] https://www.youtube.com/watch?v=FYRSU1h5CU4
## AUTOREN
(DIR) René Hamann
## TAGS
(DIR) Kolumne Plattenspieler
(DIR) Tischtennis
(DIR) Timo Boll
(DIR) China
(DIR) Kolumne Plattenspieler
(DIR) Kolumne Plattenspieler
(DIR) Tischtennis
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Motivationslehren beim Tischtennis: Bekämpfe das Feuer doch mal mit Feuer!
Das Wort Flow gehört zum Einmaleins der aufmunternden Sportpsychologie.
Doch bisweilen fehlt etwas im ewigen Positivismusterror der
Mentalcoachologie.
(DIR) Böse Tischtennisgeschichten: Von der unsauberen Seite
Der Deutsche Tischtennisbund hat offenbar einen zweifelhaften Sponsor.
Genaues weiß man bislang noch nicht. Wetten dass?
(DIR) Tischtennisspieler Dimitrij Ovtcharov: Schnaufer an der Platte
Dimitrij Ovtcharov ist längst in den Herbst seiner Karriere eingebogen.
Dennoch will es die ehemalige Nummer 1 der Welt noch einmal wissen.