# taz.de -- Kongos M23-Rebellenführer: „Wir wollen einen glaubwürdigen Friedensprozess“
       
       > Bertrand Bisimwa, Präsident der M23-Rebellen in der DR Kongo, über die
       > Lage ein Jahr nach der Eroberung Gomas und warum es noch keinen Frieden
       > gibt.
       
 (IMG) Bild: Bertrand Bisimwa, Präsident der M23-Rebellen, in Goma bei einer Pressekonferenz
       
       taz: Vor einem Jahr hat die M23 [1][die ostkongolesische Millionenstadt
       Goma erobert]. Was ist seitdem geschehen? 
       
       Bisimwa: Nach der Befreiung der Provinzhauptstädte Goma und Bukavu hatte
       zunächst die Sicherheit Priorität. Vor unserer Ankunft gab es täglich
       Morde, Attentate, Abrechnungen und Massenjagden. Besonders die ethnische
       Gruppe der Tutsi wurde ständig verhaftet und entweder zur Zahlung von
       Lösegeld aufgefordert oder gar öffentlich, vor laufenden Kameras,
       verspeist. Viele mussten in Flüchtlingslagern übernachten, weil sie sich
       dort sicherer fühlten als zu Hause. Doch diese waren überfüllt. Über eine
       Million Vertriebene lebten in der Umgebung von Goma. Nachdem wir alle
       Dörfer gesichert hatten, kehrten sie zurück. Heute beackern sie wieder ihre
       Felder und wir haben wieder einen Lebensmittelüberschuss, der sich auf die
       Preise auswirkt, denn diese sind deutlich gefallen. Administrativ ist es
       uns gelungen, die staatliche Autorität in und um Goma durch eine sehr gut
       funktionierende Verwaltung wiederherzustellen. Es gibt jetzt zuverlässig
       fließendes Wasser und Strom. Wir haben eine sehr aktive Polizei aufgebaut,
       die den Verkehr in der Stadt regelt. Und alle unsere Einwohner beteiligen
       sich jetzt jeden Samstag an der Stadtreinigung. Bukavu und Goma sind jetzt
       sehr sauber, alle zeigen sich davon beeindruckt.
       
       taz: Im vergangenen Jahr haben Sie viel Zeit [2][an verschiedenen
       Verhandlungstischen] verbracht. Wo stehen Sie derzeit? 
       
       Bisimwa: Diplomatisch gibt es noch viel zu tun. Im Rahmen des
       Doha-Friedensprozesses konnten wir den Abgesandten der USA und Katars unser
       Anliegen erläutern, das Land aus dem Abgrund zu führen. Aber aufgrund der
       Propaganda aus Kinshasa haben wir immer noch Schwierigkeiten. Die Regierung
       in Kinshasa will uns für alle Probleme der DR Kongo verantwortlich machen.
       Es fällt uns schwer, in bestimmten politischen Kreisen der internationalen
       Gemeinschaft Gehör zu finden. Wenn Kinshasa den Konflikt als externe
       Aggression Ruandas darstellt, um seine Verantwortung für die gegenwärtige
       Lage zu verschleiern, dann folgen all diese Gesprächspartner dieser Logik
       und glauben, es sei eine Aggression. Nein, dies ist keine Aggression. Wir
       sind ein Volk, das sich erhebt und sich verteidigt. Ein Volk, das um sein
       Überleben kämpft. Doch wir müssen erkennen, dass in Europa insbesondere
       Belgien meiner Ansicht nach stets die Rhetorik von Kongos Präsident Felix
       Tshisekedi benutzt. Das ist bedauerlich, denn Belgien ist als ehemalige
       Kolonialmacht maßgeblich für die Probleme in der Region verantwortlich.
       
       taz: Ihre Truppen haben im Dezember [3][die Stadt Uvira nahe der Grenze zu
       Burundi erobert] – genau als in Washington der Friedensvertrag zwischen der
       DR Kongo und Ruanda unterzeichnet wurde. Einen Monat später haben Sie sich
       [4][wieder zurückgezogen] – warum? 
       
       Bisimwa: Zunächst einmal: Wir wurden damals in unseren Stellungen in
       Kamanyola angegriffen. Es gab zivile Opfer, Häuser, Krankenhäuser und
       Schulen wurden durch Bomben zerstört, auch durch Artilleriefeuer der
       burundischen Armee. Wir forderten ein Ende dieser Angriffe und beschlossen
       letztlich, die Sache selbst in die Hand zu nehmen. Uvira war die Hochburg
       der Hassreden und der Verfolgung der Tutsi und Banyamulenge, weil sie als
       Nicht-Kongolesen gelten. Wir wagten den Vorstoß. Leider nutzte Kinshasa
       dies als Vorwand, um die Verhandlungen mit uns in Doha abzubrechen. Der
       Vermittler hatte zwei oder drei Treffen einberufen, an denen die Regierung
       nicht teilnahm. So waren wir gezwungen, uns wieder zurückzuziehen, und
       baten gleichzeitig die internationale Gemeinschaft, neutrale Truppen in
       Uvira zu stationieren. Leider ist eingetreten, was wir befürchtet hatten:
       Die Wazalendo-Milizen haben zusammen mit der Regierungsarmee erneut in
       Uvira Position bezogen. Wir haben außerdem erfahren, dass die burundische
       Armee Gräueltaten begeht. Täglich werden Menschen getötet, entführt, Frauen
       und Kinder vergewaltigt. Die Lage ist katastrophal. Darüber hinaus hat die
       Regierung von Kinshasa die Telekommunikation in der gesamten Stadt gekappt,
       damit die „Säuberung der Stadt“ nicht publik wird.
       
       taz: Kongos Regierung will die Verhandlungen nun in Angola fortsetzen. Ist
       das für Sie eine Option? 
       
       Bisimwa: Nein, absolut nicht. Wir haben uns aus Uvira zurückgezogen, damit
       die [5][Verhandlungen in Katars Hauptstadt Doha] fortgesetzt werden. Wir
       wollen nicht immer wieder von vorne anfangen. Wir begannen 2022 mit
       Gesprächen in Uganda, dann wurde alles nach Nairobi verlagert, dann brachte
       man uns nach Luanda, dann wurde alles nach Doha verlegt. Und jetzt will
       Tshisekedi wieder nach Luanda. Wir spielen dieses Spiel nicht länger mit.
       Diesmal wollen wir, dass der Doha-Prozess endgültig mit einem Abkommen
       abgeschlossen wird, das die grundlegenden Probleme, die Ursachen der
       Konflikte, angeht. Wir wollen einen glaubwürdigen Friedensprozess und nicht
       einfach von einem Prozess zum nächsten gezerrt werden.
       
       taz: Eine Konfliktursache ist die Existenz der [6][ruandischen Hutu-Miliz
       FDLR], die aus der für den Völkermord an Ruandas Tutsi verantwortlichen
       Armee hervorging, und die Genozid-Ideologie, die sie still verbreitet und
       die sich auch auf kongolesische Akteure abfärbt. Im Friedensvertrag
       zwischen Kongo und Ruanda wurde festgelegt, dass als erster Schritt die
       FDLR „neutralisiert“ werden muss. Gibt es einen Fortschritt? 
       
       Bisimwa: Die Völkermordideologie wird heute noch unverhohlener verbreitet
       als früher. Das jüngste Beispiel ist die [7][Rede von General Sylvain
       Ekenge], der als Armeesprecher Hass gegen die Tutsi geschürt hat – in einem
       Medienauftritt im Staatsfernsehen, der vorab aufgezeichnet und vom
       Generalstab und vom Kommunikationsministerium genehmigt worden war.
       FDLR-Einheiten bleiben in die Regierungsarmee integriert und bringen ihre
       militärische Expertise und Erfahrung ein. Tatsächlich bilden sie sogar
       deren Speerspitze bei den Angriffen auf uns.
       
       taz: Den [8][Friedensvertrag zwischen Kongo und Ruanda] handelte
       US-Präsident Trump mit aus. Gleichzeitig will er für die US-Wirtschaft
       Zugriff auf Kongos Rohstoffe. Wie glaubwürdig ist er für Sie als Schirmherr
       der Friedensgespräche? 
       
       Bisimwa: Wir haben nichts gegen das Abkommen, das Kinshasa mit den USA
       geschlossen hat. Wir sind uns bewusst, dass Beziehungen zwischen Staaten
       auf Interessen basieren. Doch dürfen diese Interessen nicht im Widerspruch
       zu den Interessen der Bevölkerung stehen, denn die Bodenschätze gehören der
       Bevölkerung. Die Bevölkerung in Kongos Osten leidet seit Langem unter der
       unrechtmäßigen Ausbeutung ihrer eigenen Ressourcen durch ihre eigenen
       Machthaber. Die Bergbaugebiete sind verarmte Gegenden ohne Straßen, ohne
       Strom, ohne Wasserversorgung, ohne Schulen, ohne Krankenhäuser. Diese
       Menschen werden ihres Eigentums beraubt. Das müssen wir ändern. Wenn die
       Amerikaner unsere Bodenschätze ausbeuten wollen, muss die lokale
       Bevölkerung davon profitieren. Es müssen Entwicklungsprojekte rund um die
       Minen entstehen
       
       taz: Die Lage der Bevölkerung unter Ihrer Herrschaft wird im [9][jüngsten
       UN-Expertenbericht zur DR Kongo] deutlich kritisiert. Ihren Truppen werden
       Zwangsrekrutierung, Zwangsarbeit, willkürliche Gefangennahme und Folter
       sowie systematische Verfolgung der Hutu-Bevölkerung vorgeworfen. Was sagen
       Sie dazu? 
       
       Bisimwa: Wir haben es mit einem System gefälschter UN-Informanten zu tun
       haben, die im Dienste Kinshasas stehen und die Vereinten Nationen einseitig
       informieren. Diese UN-Experten haben unsere Gebiete nicht besucht, haben
       nicht mit uns gesprochen, ich habe sie nie bei uns gesehen. Hier findet
       eine massive Manipulation statt. Wir hätten uns gewünscht, dass diejenigen,
       die sich um die tatsächlichen Geschehnisse vor Ort sorgen, selbst kommen
       und sich ein Bild machen.
       
       taz: Was erhoffen Sie sich vom kommenden Jahr? 
       
       Bisimwa: Wir sollten den Friedensprozess in Doha in diesem Jahr
       abschließen, indem wir die Ursachen der Konflikte angehen, damit im Osten
       des Landes endlich Frieden einkehren kann. Sonst riskieren wir, uns in drei
       oder zehn Jahren wieder in derselben Situation zu befinden, und das wäre
       nicht gut für unser Volk. Wir alle müssen dafür sorgen, dass unsere Kinder
       nicht das erleben müssen, was wir erlebt haben.
       
       26 Jan 2026
       
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