# taz.de -- Goma nach einem Jahr Rebellenherrschaft: Alles ist ruhig, aber nichts ist normal
> Vor einem Jahr eroberten Kongos M23-Rebellen die größte Stadt im Osten
> der DR Kongo. Ein Bewohner von Goma über das Leben unter den neuen
> Herren.
(IMG) Bild: Die Macht kommt aus den Gewehrläufen: M23-Soldaten auf Patrouille in Goma, 13. November
Vor einem Jahr ist Goma an die M23 gefallen. Nicht die Kämpfe bleiben mir
im Gedächtnis, sondern das Tempo. Innerhalb weniger Tage zog sich Kongos
Armee zurück, die Autoritäten verschwanden und eine neue bewaffnete Kraft
übernahm die Kontrolle.
[1][Der Fall von Goma] ist keine Vergangenheit, kein Gedenktag. Es ist ein
Zustand, eine Realität, die prägt, wie man sich bewegt, wie man arbeitet,
wie man spricht – und vor allem, wovon man nicht spricht.
In den ersten Wochen dominierten Angst und Unsicherheit. Goma fiel ins
Chaos. Die M23-Rebellen waren nicht sehr zahlreich, die besiegte
kongolesische Armee FARDC und die Wazalendo (lokale Milizen auf
Regierungsseite) waren nicht vollständig verschwunden – manche hielten sich
versteckt oder marodierten im Umland. Die Kriminalität blühte – nächtliche
Überfälle, Plünderungen, zuweilen Morde.
Die überforderten Rebellen erschossen mutmaßliche Kriminelle und erklärten
zur Begründung, sie hätten weder Gerichte noch Gefängnisse. Diese Szenen
haben das kollektive Gedächtnis dauerhaft beeindruckt und eine Ordnung auf
Grundlage der Abschreckung mit der Waffe begründet.
## Neue Soldaten, alte Polizisten
Dann passte man sich allmählich an. Ämter öffneten wieder. Steuern wurden
wieder eingetrieben. Es gab neue Uniformen. Aber die Mechanismen der Macht
sind seltsam vertraut geblieben.
Sicherheit in Goma beruht heute auf der Präsenz der Waffen. Da sind
zunächst die Soldaten der M23: zumeist sehr jung, patrouillieren sie in
grüner Tarnuniform auf erbeuteten Pick-Ups und Geländewagen, auf denen noch
der Schriftzug FARDC der Armee steht. Ihre Anwesenheit erinnert ständig
daran, dass die Macht jetzt aus den Gewehrläufen kommt.
Dann gibt es die Polizei der M23 in ihren blauen Uniformen; sie sehen nicht
nur der kongolesischen Polizei PNC sehr ähnlich, die meisten sind auch
Beamte ebendieser Behörde, von den Rebellen nach einer „Anpassung“
integriert.
Schließlich regeln an Straßenkreuzungen die uniformierten
Verkehrspolizisten mit ihren weißen Armbinden den Verkehr: ihre
Zurückhaltung ist ganz anders als die Dauerbelästigung von früher, aber sie
tragen Kriegswaffen. Es ist eine Normalisierung der Militarisierung.
Viel wurde bei der Eroberung Gomas von der Beteiligung der Armee Ruandas
gesprochen. Heute gibt es keine sichtbare oder offizielle Präsenz Ruandas
im Stadtbild. Patrouillen und Kontrollen nehmen die M23 und die Polizei
vor. Der Einfluss äußert sich anders: die Disziplin, das straffe Kommando,
die territoriale Kontrolle sprechen dafür, dass die M23 äußere
Unterstützung erhält, die man nicht sieht, und diese Wahrnehmung nährt in
Goma das diffuse Gefühl, dass Entscheidungen woanders getroffen werden,
dass diese Stadt nicht nur aus der Stadt heraus regiert wird, sondern
[2][Teil einer regionalen Machtbalance] ist, die sich ihren Bewohnern
weitgehend entzieht.
## Erzwungene Loyalität
Die M23 hat Goma nicht bloß besetzt. Sie regiert. Alle Autoritäten wurden
ausgewechselt, vom Provinzgouverneur über die Bürgermeister bis zu den
traditionellen Königen und den Dorfchefs. Lokal bekannte, als loyal
angesehene Personen wurden eingesetzt, nach einer ideologischen
Kader-Ausbildung.
Der Provinzgouverneur von Nord-Kivu ist ein Hutu aus den Rängen der M23,
sein Stellvertreter ein Tutsi aus der kongolesischen Diaspora in Kanada –
eine Überraschung für eine Provinz, die seit der ersten Gouverneurswahl
durch das Provinzparlament 2006 von einem Angehörigen der Nande-Volksgruppe
geführt wurde. Ähnlich umstrukturiert wurde die Polizei.
Auf ihren Posten blieben die öffentlichen Angestellten – die Lehrer, Ärzte,
Pfleger, die Wasser- und Stromtechniker. Nur die Leitungsebenen hat die M23
übernommen. Diese Teilkontinuität ermöglicht das weitere Funktionieren der
staatlichen Dienste, unter engmaschiger politischer Kontrolle.
Nur sehr wenige Menschen stehen wirklich hinter diesem Projekt. Aber fast
niemand traut sich, das zu sagen. Offener Widerspruch ist riskant. Die
Menschen schweigen. Sie machen mit und nehmen Posten an, nicht aus
Überzeugung, sondern aus der Notwendigkeit. Um zu überleben. Um ihre
Familien zu ernähren. Die Loyalität ist erzwungen.
Nach außen wird auf die verbesserte Sicherheitslage verwiesen. Tatsächlich
hat die Kriminalität in einigen Vierteln abgenommen. Aber die
Stabilisierung ist brüchig. Angriffe und Überfälle durch lokale Milizen,
die heute Wazalendo heißen, und ruandische FDLR-Rebellen auf den
Fernstraßen, vor allem nach Norden in Richtung Rutshuru und Butembo, hatten
[3][vor der Eroberung Gomas ihren Höhepunkt erreicht] und waren nach der
Übernahme durch die M23 zunächst weitgehend verschwunden. Aber seit einigen
Monaten sind einige Teilstrecken wieder gefährlich, wobei unklar bleibt,
wer dafür verantwortlich ist. Neue Unsicherheit untergräbt das wichtigste
Argument der M23, nämlich ihre Effizienz in Sicherheitsfragen.
## Staatsgehälter liegen jenseits der Front
Die Isolation Gomas vom Einflussgebiet der kongolesischen Regierung des
Landes belastet die Menschen sehr. Der Flughafen ist geschlossen, das
begrenzt Reisen drastisch – ein großes Problem, vor allem für jene, die
eine medizinische Spezialbehandlung benötigen. Dazu kommt, dass der
Zentralstaat in Kinshasa keine Reisedokumente anerkennt, die von Behörden
unter Rebellenkontrolle ausgestellt wurden – und umgekehrt, was sich auch
auf gewisse Visa erstreckt. Selbst wenn man diese Hürde überwindet, macht
der Bargeldmangel Reisen fast unmöglich.
[4][Geld ist ein tägliches Kopfzerbrechen], da das kongolesische Bankwesen
im Rebellengebiet nicht operiert. Staatsangestellte in Goma werden weiter
vom kongolesischen Staat bezahlt, aber um an ihr Gehalt zu kommen, müssen
sie nach Beni fahren, 350 gefährliche Straßenkilometer nach Norden, wo die
aus Goma geflohene vorherige Provinzregierung sitzt, und dann wieder
zurück.
Mobiles Bezahlen nimmt einen Aufschwung, mit sehr hohen Provisionen an
informelle Händler. Für größere Transaktionen gehen manche nach Gisenyi in
Ruanda. Die M23 verwaltet ihre Finanzen über die von ihr übernommene
Finanzkooperative Cadeco, die aber nur mühsam das Vertrauen der breiteren
Öffentlichkeit gewinnt.
Lebensmittel auf den Märkten gibt es reichhaltig, und die Preise sind nicht
explodiert. Aber Importwaren sind selten geworden – wegen der
Geldschwierigkeiten und auch, weil bei der Einnahme der Stadt
Großunternehmen geplündert wurden und viele Geschäftsleute ins Exil gingen.
Die Kaufkraft ist eingebrochen, die Steuern auf Händler sind hoch. Die
Regale sind voll, die Kundschaft fehlt.
Was nach einem Jahr am meisten bedrückt, ist nicht der Fall Gomas an sich.
Es ist das Gefühl, dass nichts vorankommt. Dass die gewaltsame
Machtübernahme sich mit der Zeit normalisiert. Dass die geschaffenen
Tatsachen einfach andauern.
Goma lebt – aber Überleben heißt nicht Zustimmung. Was ich jeden Tag sehe,
ist: Man hält es halt aus.
Goma ist nicht einfach gefallen. Es fällt immer weiter – in die Gewöhnung,
die Erschöpfung, die Gleichgültigkeit.
Aus dem Französischen von Dominic Johnson. Der Autor ist der Redaktion
bekannt. Er ist Kongolese und lebt in Goma
26 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] /Augenzeugenbericht-aus-Goma-in-Kongo/!6063613
(DIR) [2] /Ruanda-und-die-DR-Kongo/!6065147
(DIR) [3] /Krieg-und-Angst-im-Kongo/!5917109
(DIR) [4] /M23-Rebellen-in-Goma/!6082625
## TAGS
(DIR) Schwerpunkt Demokratische Republik Kongo
(DIR) Ostkongo
(DIR) Goma
(DIR) Nord-Kivu
(DIR) M23-Rebellen
(DIR) Ruanda
(DIR) GNS
(DIR) Schwerpunkt Demokratische Republik Kongo
(DIR) M23-Rebellen
(DIR) Schwerpunkt Demokratische Republik Kongo
## ARTIKEL ZUM THEMA
(DIR) Journalist in DR Kongo ermordet: Magloire Paluku, Kongos ewig rebellischer Geist
Einer der bekanntesten Journalisten im Osten der DR Kongo wird in der
M23-Rebellenhochburg Goma erschossen. Er hatte sich den Rebellen
angeschlossen.
(DIR) M23-Rebellen in Goma: Gekommen, um zu bleiben
Im Osten der Demokratischen Republik Kongo soll ein Staat im Staat
errichtet werden. Die erste Bank wurde wiedereröffnet. Hilft das dem
Frieden?
(DIR) Augenzeugenbericht aus Goma in Kongo: Im Dazwischenland
Kongos M23-Rebellen haben den Staat aus der Millionenstadt Goma verjagt.
Wie geht es dort weiter? Und welche Spuren hinterlässt der Krieg?