# taz.de -- Internetsperre in Iran: Stille als Form von Gewalt
> Der Blackout markiert eine neue Radikalität des Informationskriegs. Denn
> ohne Informationen gibt es kaum Chancen, die Ereignisse sichtbar zu
> machen.
(IMG) Bild: Wegen der Informationsblockade ist die iranische Diaspora (hier in Frankfurt am Main) als Protestventil umso wichtiger
„Schreib mir in den nächsten Stunden bitte keine Nachrichten. Falls ich
verhaftet werde, dürfen sie unseren Chat nicht finden“, sagt F. in ihrer
letzten Sprachnachricht. Es ist Donnerstag, der 8. Januar 2026. Sie will
sich den Protesten anschließen. Es ist das erste Mal, dass sie seit den
Frau–Leben–Freiheit-Protesten 2022 wieder mitgeht. Sie ist nervös. Seitdem:
nichts.
Ich traue mich nicht, ihr oder anderen in Iran zu schreiben. Meine
Freund*innen in der iranischen Diaspora warten ebenfalls. Darauf, dass
das zweite Häkchen in der Nachricht auftaucht. Darauf, dass jemand sagt,
ihre Familien und Freund*innen leben, auf einen Anruf, irgendeine
Nachricht. Währenddessen werden jeden Tag neue Todes- und Verhaftungszahlen
bekannt. Die Zahl der Getöteten [1][wird je nach Quelle auf 5.000 bis
18.000 geschätzt], eine unabhängige Bestätigung ist bislang nicht möglich.
Eine so vollständige digitale Abriegelung hat es bisher noch nicht gegeben.
Zwar blockierte das iranische Regime bereits 2019, 2022 und im Juni 2025
das Internet. Damals betraf dies vor allem die Verbindung zwischen dem Iran
und der Außenwelt. Dieses Mal jedoch geht es über die bekannte Isolation
hinaus: Auch die Kommunikation und Onlinedienste [2][innerhalb des Landes
sind unterbrochen].
Damit kommt der Blackout einer Kriegsmaßnahme gleich. Juristisch gesehen
ist es kein formaler Krieg. Doch die Sperrung des Internetzugangs
[3][verletzt grundlegende Menschenrechte], darunter laut Artikel 19 des
Internationalen Pakts über bürgerliche und politische Rechte (ICCPR) das
Recht auf Informationsfreiheit.
## Einzelne Aufnahmen erhalten enorme Macht
Der Blackout zeigt, was in einem Informationskrieg möglich geworden ist.
Indes eröffnet er keine neue technische Dimension: Denn Medientechnik wird
zuerst militärisch genutzt, bevor sie in den zivilen Einsatz übergeht. Die
„Stille“ wird punktuell unterbrochen. Einzelne Bilder, Anrufe und Videos
dringen nach außen. Sie zeigen, dass das Regime auf Protestierende schießt.
Den Überblick zu behalten ist schwierig. Einzelne Aufnahmen erhalten enorme
Macht. Diese Macht ist hilfreich, wenn sie Solidarität mit den
Protestierenden erzeugt, kann jedoch gefährlich werden, wenn die Falschen
sie nutzen. Denn Bilder müssen nicht wahr sein, um zu wirken, Informationen
müssen nicht korrekt sein, um strategischen Erfolg zu erzielen.
Der Verlauf der Bildverbreitung und der Reaktionen legt zudem bedenkliche
Sehgewohnheiten offen. Zu Beginn waren es offenbar vor allem Männer, die
streikten und protestierten. Diese Bilder verbreiteten sich nur mäßig
schnell. Ab dem Moment jedoch, in dem Frauen zu sehen waren – zwei
Beispiele: eine Frau posiert vor einer Überwachungskamera für ein Selfie,
eine andere hält einen Leichensack im Arm, in dem mutmaßlich ihre Schwester
liegt –, wurden die Aufnahmen stärker verbreitet.
Der Blackout in Iran markiert eine neue Radikalität des Informationskriegs.
Ohne Informationen gibt es kaum Chancen, die Ereignisse sichtbar zu machen.
Wenn sie nicht dokumentiert werden, wird es schwer, Verantwortliche für
Menschenrechtsverletzungen zur Rechenschaft zu ziehen.
Die Leerstelle an Informationen wird auch von internationalen
Akteur*innen genutzt. So gelingt es Donald Trump, sich als
Hoffnungsträger zu inszenieren. Er fordert einen politischen Umbruch und
droht mit einem militärischen Eingreifen. Dabei gerät jedoch aus dem Blick,
dass Trump kein Interesse an einem progressiven Iran hat, sondern, wie in
anderen Fällen bewiesen, vor allem eigene strategische und wirtschaftliche
Interessen verfolgt.
## Iran verfügt über eine große Diaspora
Der Sohn des letzten Schahs und repressiven Herrschers Irans, Reza Pahlavi,
nutzt die Situation, um [4][zum Regimewechsel aufzurufen]. Er lebt in den
USA und steht der Trump-Regierung nahe. Pahlavi will nach eigenen Angaben
eine Übergangsfigur sein, was seine Kritiker*innen jedoch bezweifeln.
Er nutzt die durch den Blackout erzwungene Stille, um sich als
alternativlose Option zu präsentieren. Durch den Blackout wird nicht klar,
wie groß die Unterstützung für ihn im Iran tatsächlich ist.
Die Islamische Republik selbst nutzt den Blackout und die internationalen
Reaktionen darauf, um ihre eigene Rhetorik anzupassen. Der [5][neue
nationale Sicherheitsrat spricht davon, dass ein Präemptivschlag
(militärischer Angriff mit der Absicht, einen unmittelbar bevorstehenden,
sicheren Angriff des Gegners abzuwehren, d. Red.) möglich sei]. Im
Unterschied zu einem Präventivschlag, der eine präventive
Selbstverteidigung bei Bedrohung darstellt, gibt es kaum nachvollziehbare
Kriterien dafür, unter welchen Umständen ein solcher Schritt ausgeführt
werden würde.
Was in Iran geschieht, richtet sich nicht nur gegen die Menschen vor Ort,
sondern auch gegen jene, die gezwungen sind, von außen zuzusehen. Auf die
Frage, wie meine iranischen Freund*innen die Situation aushalten,
antworten sie, sie suchten nach Wegen, um der Ohnmacht nicht völlig zu
erliegen. Solange sie noch etwas tun können, kommen sie zurecht.
Im Unterschied zu beispielsweise dem Sudan verfügt Iran über eine größere
Diaspora weltweit, die politisch und medial dafür sorgt, dass das Geschehen
Aufmerksamkeit erhält. Wo Proteste unterdrückt und jegliche Kommunikation
kriminalisiert wird, braucht es die Diaspora als externen Resonanzraum für
Stimmen, die im Inland zum Schweigen gebracht werden sollen. Menschen der
Diaspora agieren jedoch nicht als einheitlicher Akteur, sie handeln, denken
und reagieren verschieden. Deshalb streiten sie sich auch über die Zukunft
des Landes.
Der Hauptfokus sollte jedoch weiter auf dem Land selbst bleiben, denn die
Diaspora kann nicht stellvertretend für die Menschen im Land sprechen oder
etwas entscheiden. Inzwischen wird von einer schrittweisen
Wiederherstellung des nationalen und internationalen Internetzugangs
berichtet. Eine Garantie für eine vollständige oder dauerhafte Rückkehr
gibt es jedoch nicht.
Noch immer keine Nachricht von F., zuletzt war sie am 8. Januar 2026
online. Den ersten Augenzeugen ist es gelungen, aus dem Iran
herauszukommen. Ihre Berichte übersteigen, was sich vorstellen lässt.
25 Jan 2026
## LINKS
(DIR) [1] https://www.tagesschau.de/ausland/asien/iran-proteste-todesopfer-102.html
(DIR) [2] https://www.zeit.de/digital/internet/2026-01/internetsperre-iran-proteste-regime-demonstrationen
(DIR) [3] https://femena.net/2026/01/09/iran-cuts-internet-access-as-protests-escalate-heightening-risk-of-serious-human-rights-violations/
(DIR) [4] https://www.dw.com/en/calls-for-regime-overhaul-boost-exiled-heir-to-iran-monarchy/video-75466129
(DIR) [5] https://mecouncil.org/blog_posts/is-iran-changing-its-defense-doctrine/
## AUTOREN
(DIR) Lisa Neal
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