# taz.de -- Familiengeheimnisse im Humboldt Forum: Über das Erzählen nach dem Verstummen
       
       > Im Berliner Humboldt Forum gab es ein inspirierendes Wochenende zum Thema
       > „Verbergen oder erzählen?“ Schade, dass es so mäßig besucht war.
       
 (IMG) Bild: Jana Romanova fragt sich, was das Zerreißen eines Fotoarchivs bedeuten kann
       
       Gold schimmert im Halbdunkel des Skulpturensaals. Kein warmes Gold, eher
       ein kaltes, metallisches Leuchten, das sich über Körper legt, die zugleich
       menschlich und fremd wirken. Frauen in glänzendem Latex sitzen auf Sockeln,
       manchmal wird das Latex durch eine unsichtbare Technik stärker angesaugt,
       die Muskeln der Frauen treten hervor, und auch die Skulpturen, auf denen
       sie offenbar sitzen. Aus Lautsprechern mischt sich Musik wie aus einem
       Science Fiction.
       
       Es ist ein Programmpunkt zweier Thementage am Wochenende mit dem Titel
       „Verbergen oder erzählen?“ im Humboldt Forum, das im Rahmen der Ausstellung
       [1][„Beziehungsweise Familie“] stattfindet – eine Ausstellung, die noch bis
       August hier und im Museum Knoblauchhaus zu sehen ist. Selten hat ein
       Nachmittag seine Fragestellung so körperlich und direkt ins Bild gesetzt.
       
       Die afrodeutsche Künstlerin [2][Sarah Ama Duah] hat mit ihren lebendigen
       Statuen, ihrer Performance „to build to bury to remember“ ein Tableau
       entworfen, das schnell lesbar ist – und sich zugleich jeder einfachen
       Deutung entzieht. Einerseits spiegelt sie den kolonialen Blick: die
       exotisierte Göttin, die idealisierte afrikanische Frau, reduziert auf
       Schönheit und Fruchtbarkeit. Andererseits geht es auch um Wiederaneignung.
       Die Performerinnen sitzen nicht als Objekte da, sondern als selbstbestimmte
       Körper, die den Blick zurückwerfen. Sie drücken ohne Worte aus, dass zu
       viele Artefakte im Humboldt Forum zur Zeit des Kolonialismus gestohlen
       wurden und längst in ihre Herkunftsgesellschaften hätten zurückkehren
       müssen.
       
       Von dort führt der Nachmittag in einen abgedunkelten Seminarraum. Die
       russische Künstlerin [3][Jana Romanova] sitzt an einem Tisch. Vor sich hat
       sie einen Karton. Darin: zerrissene Familienfotos, gefunden bei ihrer
       Großmutter. Sie berichtet: Jahrelang habe sie mit diesen Fragmenten
       gearbeitet, sie ohne Erfolg versucht, sie neu zusammenzusetzen, sie
       fotografiert, durch Zeichnungen und kleine Gegenstände wie Steine und
       getrocknete Beeren vervollständigt. Das „Broken Archive“ ist ihr Versuch,
       einer verschwiegenen Biografie nachzuspüren.
       
       ## Was ist das richtige Leben
       
       Die Fotos, so recherchierte sie Stück für Stück, gehören einer Großtante –
       dem „schwarzen Schaf“ der Familie. Eine Frau, die sich nicht fügte, die
       nicht aufhörte zu träumen, „die nicht in die Erwartungen an eine
       osteuropäische Frauenrolle passte“, wie Romanova erzählt. Die Künstlerin
       erkennt sich in ihr wieder. Auch sie selbst bewegt sich als Künstlerin
       jenseits dessen, was ältere Generationen als richtiges Leben definieren.
       
       Der entscheidende Moment kommt auf Zehenspitzen. Die Künstlerin erzählt,
       dass sie lange glaubte, die Großmutter habe die Fotos aus Wut zerrissen, um
       diese Tante auszulöschen. Erst nach Jahren erfuhr Romanova die Wahrheit:
       Die Großmutter liebte diese Frau so sehr, dass es ihr das Herz zerriss, sie
       scheitern und schließlich sterben zu sehen. Die Großmutter hat die Blockade
       von Leningrad erlebt. Sie hat ein Leben geführt, in dem Wünsche Luxus waren
       und Träume gefährlich. Vielleicht lehrte sie ihre Enkelin Bescheidenheit
       nicht aus Angst vorm Schicksal der Tante, sondern vor ihrem eigenen.
       
       Plötzlich kippt die Bedeutung des Archivs. Die zerrissenen Bilder waren
       kein Akt der Verstoßung, sondern ein Ausdruck von Trauer. Das Schweigen
       entpuppt sich nicht als Kälte, sondern als Überforderung.
       Familiengeheimnisse erscheinen plötzlich nicht mehr als dicke Mauern, die
       es einzureißen gilt, sondern als fragile Konstruktionen aus Schutz und
       Schmerz.
       
       Noch radikaler stellt sich diese Frage in der Performance „Hewa Rwanda“ des
       ruandischen Autors, Schauspielers, Tänzers und Regisseurs [4][Dorcy
       Rugamba]. Mit musikalischer Begleitung liest und singt er aus seinem Buch
       über seine Familiengeschichte – die Ermordung seiner kompletten Familie zur
       Zeit des Genozids in Ruanda 1994. Er stellt Fragen, die aus der deutschen
       Nachkriegsliteratur vertraut klingen: Was kann Sprache leisten? Wie
       beschreibt man ein Verbrechen, für das es keine Worte gibt?
       
       ## Wie sprechen ohne Gewalt
       
       Rugamba spricht davon, dass es Sprachen gibt, die kein Vokabular besitzen,
       um das Ausmaß dieses Leids zu fassen. Und davon, dass Sprache brutal werden
       müsste, um dem Brutalen gerecht zu werden. Was wiederum die Frage aufwirft,
       ob man überhaupt sprechen kann ohne Gewalt.
       
       Jedes Jahr, erzählt Rugamba, kehrt er in das Haus seiner Eltern zurück, um
       zu trauern. Doch es gibt keine feste Form, kein Ritual, keine überlieferte
       Tradition, die ihm dabei hilft. Ohne Familie fehlt der Rahmen, in dem
       Trauer stattfinden kann. „Ein Einzelner macht keine Familie“, sagt Rugamba.
       Was bleibt, ist Schreiben. Und Sprechen. Und immer wieder das Scheitern
       daran.
       
       Es ist bemerkenswert, dass sich ein Ort wie das Humboldt Forum einem Thema
       widmet, das so eng mit Kolonialgeschichte, Gewalt, Erinnerungspolitik und
       Schweigen verknüpft ist. Umso irritierender: An Orten wie der Volksbühne
       oder dem Heimathafen Neukölln, die in der Stadtgesellschaft fest verankert
       sind, hätte ein Nachmittag wie dieser womöglich für ein volles Haus
       gesorgt. Hier ist er nur mäßig besucht.
       
       Noch immer gilt das Humboldt Forum vielen Berliner*innen eher als
       Touristenmagnet denn als lebendiger Ort für Diskurs. Das hat noch immer mit
       seinem Standort zu tun, mit dem rekonstruierten Schloss, das für viele ein
       Symbol preußischer Macht und Ausbeutung bleibt. Und mit dem Widerspruch,
       ausgerechnet dort Artefakte auszustellen, die im Kontext kolonialer Gewalt
       nach Berlin gelangten.
       
       Der Nachmittag „Verbergen oder erzählen?“ zeigt jedoch, welches Potenzial
       in diesem Haus auch steckt. Vielleicht ist das ja ein Familiengeheimnis des
       Humboldt Forums: Es könnte längst ein Ort sein, den sich die
       Berliner*innen angeeignet haben und wo sie sich selbst befragen – dies
       aber noch viel zu selten tun.
       
       25 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Berliner-Schau-ueber-die-Familie-weltweit/!6140867
 (DIR) [2] /Ausstellung-Queere-Kunst-aus-Ghana/!6079706
 (DIR) [3] https://www.photomuseum.de/jana-romanova-the-alphabet-of-shared-words/
 (DIR) [4] /Kunst-Triennale-in-Ruanda/!5995621
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Susanne Messmer
       
       ## TAGS
       
 (DIR) Familie
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 (DIR) Humboldt Forum
       
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