# taz.de -- Historikerin über Technikfantasien: „Wir hören so häufig, dass die Maschine alles besser kann“
> Fehler machen gehört zum Menschsein, sagt die Historikerin Martina
> Heßler. Dass wir dagegen an perfekte Maschinen glauben wollen, ist kein
> Zufall.
(IMG) Bild: Schmeckt sicher gleich noch mal so gut: Ein Roboter des Unternehmens Tesla verteilt Popcorn an Besucher einer Berliner Mall
taz: Frau Heßler, haben Sie sich heute schon über einen Menschen geärgert?
Martina Heßler: Heute noch nicht, aber gestern. Ich war in Berlin, und
wegen der [1][Glätte auf den Gehwegen] lief ich ganz am Rande des nicht
vereisten Fahrradwegs, entgegen der Fahrtrichtung. [2][Ein Lastenradfahrer
kam mir entgegen und steuerte sehr gezielt auf mich zu], obwohl die Straße
komplett autofrei war, sodass ich auf den spiegelglatten Bürgersteig hüpfen
musste. Das fand ich sehr ruppig – aber vermutlich hatte er sich über mich
geärgert. Einem Roboter würde man beibringen, dass er Fußgängerinnen nicht
erschrecken soll, auch wenn sie sich auf dem Fahrradweg befinden.
taz: Und über eine Maschine?
Heßler: Ja, über den kaputten Aufzug, denn ich musste meinen Koffer in den
vierten Stock tragen; über die E-Mails, die immer wieder zurückkamen,
obwohl die Adresse korrekt war; über ein Internetformular, das abstürzte.
Ich führe inzwischen ein „Tagebuch des Nichtfunktionierens“, in das ich all
diese kleinen, meist nicht sehr bedeutenden Störungen eintrage, weil ich
neugierig bin, wie viel alltäglich nicht funktioniert – was man ja oft gar
nicht bewusst wahrnimmt und gleich wieder vergisst.
taz: Sie haben auch ein viel beachtetes Buch geschrieben über die
„Fehlbarkeit von Mensch und Technologie“ – ist das ein Thema, oder sind es
zwei?
Heßler: Es ist ein Thema, da beides so eng miteinander zusammenhängt. Aus
zwei Gründen. Einerseits werden seit über 200 Jahren Menschen in einer
Weise mit Maschinen verglichen, die sie schlecht aussehen lässt, fehlerhaft
eben. Wir hören so häufig, dass die Maschine alles besser kann als die
Menschen. Andererseits wirken menschliche und maschinelle Fehler zusammen.
taz: Wie das?
Heßler: Menschliche Fehler, beispielsweise in der Bedienung von Maschinen,
führen zum Nichtfunktionieren und zu Störungen. Aktuell sehen wir aber
auch, wie KI menschliche „Fehler“ verstärkt, etwa indem sie bei
Personalentscheidungen [3][Vorurteile übernimmt und Menschen
diskriminiert]. Außerdem stehen wir vor einer neuen Situation: Menschen
können die Fehler – Halluzinationen – der KI nicht einschätzen. Stimmt das
nun oder nicht, was die KI da behauptet?
taz: Wie hat sich unser Verhältnis zu unserer eigenen Unzulänglichkeit
gewandelt? Und was hat das mit der [4][Industrialisierung] zu tun?
Heßler: Fehler machen gehört zum Menschsein. Historisch hat sich aber
verändert, was als Fehler bezeichnet wurde und wie man versuchte, Fehler zu
vermeiden. Indem [5][seit Beginn des 19. Jahrhunderts] die Maschine zum
Maßstab menschlicher Leistungsfähigkeit und menschlichen Verhaltens wurde,
entstand eine neue „technologische Fehlerhaftigkeit“ der Menschen.
taz: Wie sah die aus?
Heßler: Die Menschen wurden als fehlerhaft beschrieben, weil sie den
Standards der Maschine nicht entsprachen. Im Mittelalter störte es
niemanden, wenn Produkte nicht standardisiert und nicht immer gleich waren.
Mit der Maschinenarbeit in der Fabrik änderten sich die Erwartungen.
Menschen wurden zu Störfaktoren, die nicht in gleicher Weise wie die
Maschine präzise und regelmäßig arbeiten können.
taz: Ist’s die Erbsünde, wenn wir beim Einparken anstoßen? Und heißt
Perfektion anstreben nicht: sich Übermenschliches anmaßen? Wie viel
Religion ist also im Spiel bei unseren Vorstellungen vom fehlerhaften
Menschen?
Heßler: Also, wenn wir beim Einparken anstoßen, liegt es daran, dass wir in
einem Gefährt sitzen, dessen Grenzen und Umrisse wir nicht vollständig
sehen können, weshalb wir gelegentlich anstoßen. [6][Das Auto] wurde häufig
als Verlängerung des menschlichen Körpers beschrieben, aber diese
Verlängerung bedeutet eben auch, dass sie neue Grenzen und Fehler mit sich
bringt. Deshalb bekommen wir ja [7][Assistenzsysteme], die das wieder
auffangen sollen.
taz: Und die Religion?
Heßler: Im christlichen Glauben befanden sich Menschen im Dilemma, Gottes
Ebenbild zu sein, ohne je so vollkommen sein zu können wie Gott. Menschen
vergleichen sich in hochtechnisierten, modernen Gesellschaften selten mit
Gott, aber dauernd mit Maschinen. Man könnte schon sagen, dass [8][die
Maschine die Rolle des perfekten Wesens eingenommen hat], an dem sich die
Menschen messen müssen. Häufig findet man auch Zitate, und zwar über 200
Jahre hinweg, die die „Unfehlbarkeit“ oder die „Allwissenheit“, die
„Perfektion“ der Maschine bewundern.
taz: Technische Überlegenheit, ja Perfektion wird heute vollmundiger denn
je behauptet – im Zusammenhang mit der [9][sogenannten künstlichen
Intelligenz]. Was verbindet das, [10][was im Silicon Valley geglaubt wird],
mit den 200 Jahre alten Ideen eines Manchester-Kapitalisten?
Heßler: Ich sehe weniger eine Rückkehr als vielmehr die Kontinuität eines
Maschinenglaubens, der historisch gesehen verschiedene Spielarten annimmt.
Seit gut 200 Jahren besteht die Vorstellung, Maschinen seien perfekt und
könnten vieles oder gar alles besser als Menschen. Dies geht einher mit dem
Versprechen, dass die Welt besser werde, wenn wir möglichst viel an
Maschinen delegieren. Bei allen unübersehbaren und offensichtlichen
ökonomischen Interessen denke ich, dass viele Menschen, [11][gerade im
Silicon Valley], der tiefen Überzeugung sind, dass Technik die Welt besser
macht, was immer „besser“ heißt.
taz: Der Tech-Konzern [12][Google] hatte bis 2018 „Don’t be evil“ in seinem
„code of conduct“ stehen. Da tritt das Gute beziehungsweise Bessere noch
mal anders auf.
Heßler: Obwohl wir gesellschaftlich einen viel differenzierteren Diskurs
über die Potenziale und Probleme der Technik führen, wird oft zu
unreflektiert an das Versprechen der Maschinen geglaubt. Aber wenn
[13][Elon Musk] der Meinung ist, wir bräuchten alle einen Chip im Kopf, um
noch mit der KI mithalten zu können, frage ich mich, ob das wirklich eine
bessere Welt wäre.
7 Feb 2026
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