# taz.de -- Räume des Übergangs: Nicht jede Grenze ist gleich
> Luxemburg, der reiche Nachbar – Polen, der arme Bruder? An den Grenzen
> sind die Unterschiede zu spüren.
(IMG) Bild: Grenzen und ihre Uniformen: Ausstellung im Schengen Museum
Es gibt Kindheitserinnerungen, die ihren eigentümlichen Zauber auch dann
nicht verlieren, wenn sich die Wahrnehmung verändert. Meine ist diese:
Nullerjahre, der Sommerurlaub an der französischen Küste steht an. Ich
sitze mit meiner Familie im vollbepackten Auto, meine Schwester und ich
hinten auf der Rückbank, meine Eltern vorne. Die Autobahn vor uns ist fast
leer, draußen löst sich die Dunkelheit auf; es ist noch Nacht, aber nicht
mehr lang. Ich presse mein Gesicht an die Fensterscheibe, in der sich die
grellen Lichter vorbeiziehender Autos spiegeln.
Ich bin müde und hellwach gleichzeitig, weil ich auf den Moment warte, in
dem in der Autobahnferne die verschwommene Silhouette des großen Schildes
auftaucht. Es kommt näher, kommt näher, kommt: Luxembourg. Weiße Schrift,
eingekreist von zwölf gelben Sternen, die mich früher an einen
Heiligenschein erinnerten. Blauer Hintergrund. Dieser eine Moment, der von
einer Sekunde auf die andere vorbei war – für mich eine kurze Sekunde des
Kribbelns. Denn hier begann mein Feriengefühl: die Sommerfreiheit. Zum Meer
war es noch weit, Frankreich aber schon nah.
Ich bin in Trier aufgewachsen, in dem Städtchen mit der Porta Nigra,
Moselwein und dem Geburtshaus von Karl Marx, ganz im Westen von
Rheinland-Pfalz. Anders als in meiner kindlich verzerrten Wahrnehmung liegt
zwischen Trier und Luxemburg keine Welt, dazwischen liegen lediglich 15
Kilometer und eine Grenze, die sich bis vor Kurzem fast vergessen ließ.
Nicht nur, weil Grenzkontrollen zu Luxemburg einer Zeit anzugehören
schienen, in der es die umfassende europäische Freizügigkeit noch nicht
gab. Sondern auch, weil die Nähe zum luxemburgischen Nachbarn nicht nur
eine räumliche war.
Ein Besuch auf der luxemburgischen Seite der Grenze [1][lohnte sich immer],
sei es, um das Auto vollzutanken oder um Kaffee zu kaufen. Er lohnte sich
auch, um dort zur Arbeit hinzufahren, weil es mehr Geld zu verdienen gab.
Und man konnte sich sicher sein, verstanden zu werden, wenn man weiter
Deutsch sprach.
Gemeckert wurde selten und wenn, dann über den Feierabendstau, der durch
die vielen Pendler*innen verursacht wurde. Das waren die Nullerjahre,
die Zehnerjahre, und bis heute ist es so geblieben. Auch die
Grenzkontrollen, die die deutsche Regierung vor einem guten Jahr wieder
eingeführt hat, haben daran nicht viel geändert.
Mit diesen Erfahrungen bin ich aufgewachsen, sie wurden mit mir geteilt:
auf der Straße von Nachbarn, am Esstisch von Verwandten. Es sind kollektive
Erfahrungen, die diesen Grenzraum prägen und denen man sich als
Bewohner*in nur schwer entziehen kann. Für mich ist Luxemburg bis heute
ein Durchreiseland nach Frankreich. Luxemburg ist mir weder nah, noch ist
es mir fern. Doch was mich nicht loslässt, ist diese Beiläufigkeit, diese
irritierende Einmütigkeit, mit der die Grenze in den Alltag integriert
wird.
Vor vier Jahren bin ich zum Studieren [2][nach Frankfurt an der Oder
gezogen], ganz im Osten von Brandenburg. Den deutsch-luxemburgischen
Grenzraum hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon viele Jahre hinter mir
gelassen – ja, ich hatte ihn nahezu vergessen. Er holte mich erst wieder
ein, als ich das erste Mal an der Oder entlang lief und auf mein Handy eine
Roaming-SMS geschickt bekam: Willkommen in Polen. Ich hätte die
Benachrichtigung ignorieren, sie mit einem Klick löschen können. In meinem
Kopf aber war die Grenze nun da, ohne dass ich sie gesucht hätte – anders
als in meiner Kindheit, in der der Grenzübergang durch ein Straßenschild
vermittelt wurde und das Warten auf diesen einen Moment fast schon
spielerischer Art war.
Weit weg ist Polen tatsächlich nicht. Man muss nur die Stadtbrücke mit den
blauen Stahlbögen überqueren, um auf die andere Seite der Oder ins
polnische Städtchen Słubice zu gelangen. Ohne die Benachrichtigung auf
meinem Handy hätte ich wahrscheinlich auf ein anderes Zeichen warten
müssen, um mir die Grenze zu vergegenwärtigen.
## Gefühl der Peripherie
Oder doch nicht? Denn während meines Spaziergangs beschlich mich ein
Gefühl, das mir auf eigenartige Weise seltsam vertraut vorkam: das Gefühl,
in der räumlichen Peripherie zu sein. Weit weg. Ein Gefühl, das ich aus
Trier kannte und das in Frankfurt wieder auftauchte – und das gar nicht so
unbegründet ist, wie es im ersten Moment scheinen mag.
Grenzräume sind Randzonen und Zwischenräume, in denen etwas aufhört und
etwas anderes beginnt; in denen sich ein Davor und ein Danach, Bekanntes
und Unbekanntes streifen, reiben, berühren. Grenzen sind nicht gleich
Grenzen. Es gibt Landgrenzen, Seegrenzen, Binnengrenzen, Außengrenzen.
Obergrenzen. Grenzen grenzen ein, doch vor allem grenzen sie aus.
Je häufiger ich danach durch Frankfurt spazierte, desto öfter begab ich
mich gedanklich zurück zum Grenzraum meiner Kindheit. Ich suchte nach
Parallelen, die greifbarer waren als dieses diffuse Randgefühl. Doch je
länger ich suchte, desto mehr bekam ich den Eindruck, dass der
deutsch-luxemburgische und der deutsch-polnische Grenzraum sehr verschieden
sind.
Denn denke ich an meine Herkunftsregion zurück, sind da die rund 50.000
Berufspendler*innen aus Rheinland-Pfalz und dem Saarland, die täglich
die Grenze nach Luxemburg passieren. Der monatliche Mindestlohn in
Luxemburg [3][ist der höchste in der EU], die Besteuerung ist gering, und
das Land lockt mit seiner Mehrsprachigkeit. Zudem ist das Großherzogtum
unter dem wohl bekanntesten luxemburgischen Politiker Jean-Claude Juncker
zu einem der wichtigsten Finanzplätze der EU aufgestiegen – [4][und zur
Steueroase für ausländische Großunternehmen].
Anders sieht das im deutsch-polnischen Grenzraum aus: Grenzgänger*innen
aus Polen sehen sich häufiger [5][dem Verdacht ausgesetzt, mit irregulärer
Migration oder Kriminalität in Verbindung zu stehen] – meistens dann, wenn
sie als nicht europäisch und nicht weiß gelesen werden. Polens Ostgrenze
ist eine der EU-Außengrenzen, über die Migrant*innen aus Drittstaaten
überhaupt erst nach Europa gelangen.
Hinter Luxemburg hingegen kommt keine EU-Außengrenze, sondern erst noch der
Riese Frankreich – die sogenannte irreguläre Migration wird hier folglich
als Thema der südlichen und östlichen europäischen Ränder verhandelt, im
Sinne einer Abgrenzung und Selbstvergewisserung: doch nicht hier bei uns!
Als Deutschland im September 2024 die Grenzkontrollen zu Luxemburg wieder
einführte, war man davon auf luxemburgischer Seite so wenig begeistert,
dass das Großherzogtum im vergangenen Jahr zwei Mal bei der EU-Kommission
[6][Einspruch erhoben hat] – jedoch erfolglos. Der Geist von Schengen gehe
verloren, lautete die Begründung des luxemburgischen Innenministers Léon
Gloden, der zudem die Verhältnismäßigkeit der Maßnahme unter Verweis auf
die rückläufigen Zahlen irregulärer Einreisen infrage stellte.
Grundsätzlich gegen Grenzkontrollen ist Gloden, Mitglied der Christlich
Sozialen Volkspartei, allerdings nicht: Sie sollten sich seiner Ansicht
nach nur besser auf die EU-Außengrenzen beschränken, um dem erklärten Ziel
tatsächlich näherzukommen.
Vielleicht fühlt man sich in der deutsch-luxemburgischen Grenzregion auch
deswegen der europäischen Freizügigkeit verpflichtet, weil Schengen, also
der Ort, an dem im Jahr 1985 mit dem schrittweisen Abbau der
Personenkontrollen der Weg für die Freizügigkeit geebnet wurde, selbst ein
Grenzort ist: gelegen im Großherzogtum, grenzt er an das französische
Lothringen und an das Saarland. Wie es die Ironie – oder der Zynismus – der
Geschichte will: Zwischenzeitlich war dieser Ort selbst von Kontrollen
betroffen.
Doch auch abseits der Differenz zwischen Binnen- und Außengrenze kann
Polen, anders als das stinkreiche Luxemburg, gegenüber Deutschland nicht
mit einem höheren Mindestlohn oder mit der Bequemlichkeit einer geteilten
Amtssprache trumpfen – und fällt daher als begehrter Arbeitsmarkt für
deutsche Grenzbewohner*innen eher weg. Stattdessen sind es fast wie
selbstverständlich Pol*innen, die nach Deutschland zur Arbeit pendeln, in
Deutschland ihren Wohnsitz haben und die deutsche Sprache lernen.
## Der deutsche Arbeitsmarkt
Polnische Staatsbürger*innen sind noch immer die zweitgrößte Gruppe
ausländischer Fachkräfte auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Nach Angaben des
Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung war die Nettozuwanderung
polnischer Staatsangehöriger im Jahr 2024 [7][jedoch erstmals rückläufig],
seit der deutscher Arbeitsmarkt für diese Gruppe im Jahr 2011 vollständig
geöffnet wurde. Als Gründe geben die befragten Pol*innen am häufigsten
die wirtschaftliche und politische Lage hierzulande an.
Anders als den deutsch-luxemburgischen Grenzraum kenne ich den
deutsch-polnischen nicht aus meiner Kindheit. Ich habe die Stadt nur kurz
ohne Grenzkontrollen kennengelernt, da diese bereits stichprobenmäßig im
Oktober 2023 [8][von deutscher Seite eingeführt wurden].
Spätestens ab diesem Zeitpunkt brauchte es in Frankfurt keinen
elektronischen Hinweis mehr, dass die Grenze in unmittelbarer Nähe ist. Es
traten andere, nur schwer zu übersehende Zeichen auf, die darauf
hindeuteten, dass irgendwer oder irgendetwas unter Kontrolle steht:
Polizist*innen, die am Ausgang des Frankfurter Bahnhofs standen und die
rein- und rausgehenden Passant*innen musterten. Polizist*innen, die sich
im Zug durch die schmalen Gänge zwischen den Sitzen schoben und die Blicke
dabei nach links und rechts schweifen ließen. Polizist*innen auf der
deutschen Seite der Oderbrücke, mit Warnwesten und roten Kellen
ausgestattet: Manche der aus Polen kommenden Autos und Fußgängerinnen
wurden vorbeigelassen, andere angehalten. Etwas später, als die
Kontrollmaßnahmen intensiviert wurden, kam ein großes weißes Kuppelzelt am
deutschen Grenzübergang hinzu.
Das sind Erfahrungen, die ich als Beobachterin dieses Raumes und des
Grenzspektakels mache. Doch ich möchte mit Menschen sprechen, die bereits
lange in diesem Grenzraum leben und von dessen Wandel erzählen können. Bei
meiner Recherche stoße ich auf die deutsch-polnische Seniorenakademie, die
zur Europa-Universität Viadrina in Frankfurt (Oder) gehört. Über den Verein
wird mir ein Kontakt zu dem Soziologen Krzysztof Wojciechowski, 69,
hergestellt. Wojciechowski ist nach dem Fall des Eisernen Vorhangs von
Warschau nach Frankfurt gezogen, um am Aufbau der Europa-Universität
Viadrina mitzuwirken.
Wir treffen uns am eiskalten Dreikönigstag im polnischen Słubice im
[9][Collegium Polonicum], einem Campus der Viadrina-Universität.
Wojciechowski hat den Treffpunkt vorgeschlagen, um mir das dort beheimatete
„Archiv für menschliche Schicksale“ zu zeigen. Dort sind die dokumentierten
Lebensgeschichten von Bewohner*innen der deutsch-polnischen Grenzregion
aufbewahrt, die er mit einem Projektteam seit 2004 sammelt.
Für unser Treffen überquere ich die Oderbrücke, auf deren blaue Stahlbögen
eine dicke weiße Schneeschicht liegt. Schon in der Ferne sehe ich auf dem
Brückengeländer weiß-rote Polenflaggen im Wind wehen. Wojciechowski wird
mir später erzählen, dass diese von einer rechtsnationalistischen
polnischen Bürgerwehr aufgesteckt wurden, deren Anhänger*innen es auf
rassifizierte Menschen am Grenzübergang abgesehen haben.
## Polen kontrolliert zurück
Am Ende der Brücke entdecke ich jemand anderen: den polnischen Grenzschutz.
Denn Polen hat als Reaktion auf die deutschen Grenzkontrollen im Sommer
2025 eigene Kontrollen an der Grenze zu Deutschland eingeführt.
Frankfurt und Słubice seien zusammengewachsen, das hätte er sich vor 30
Jahren nicht erträumen können, erzählt Wojciechowski. Bis die
deutsch-polnischen Beziehungen als normal wahrgenommen wurden, habe es 20,
vielleicht 30 Jahre gedauert.
Als er 1991 durch die westliche polnische Grenzregion fuhr, sei es gewesen,
als wäre die Nachkriegszeit dort irgendwie stehengeblieben: demolierte
Städte, nach dem Krieg nicht wiederaufgebaut, Armut. Die Grenze ging auf,
und die Menschen auf beiden Seiten der Oder waren sich zunächst fremd. In
Polen tanken, Zigaretten kaufen, einkaufen – das seien ökonomische Vehikel
gewesen, die erste Begegnungen mit der Nachbarseite ermöglichten.
Auf deutscher Seite habe es historisch geprägte Stereotype gegeben, die
sich lange hielten. Die Polen seien faul, diebisch, schmutzig. Später dann:
Die Polen nehmen uns die Arbeit weg und stehlen unsere Autos. Eine deutsche
Kollegin habe zu ihm gesagt: „Du, nach Polen fahr ich nie.“ Die bewusste
oder unbewusste Vorstellung sei gewesen, dass hinter der deutschen Grenze
irgendeine C-Klasse anfange, erzählt Wojciechowski.
Wenige Tage später sitze ich in der Mensa der Viadrina-Universität mit
Eckard Reiß, der 1941 in Frankfurt an der Oder geboren wurde und immer dort
geblieben ist. Er ist Mitglied des Historischen Vereins in Frankfurt und
kennt die Stadt noch aus einer Zeit, als die Grenze nur mit offizieller
Einladung oder für die Arbeit geöffnet war. Damals arbeiteten im
Frankfurter Halbleiterwerk Słubicer*innen, erzählt Reiß. Nach der Wende
habe das Halbleiterwerk dichtmachen müssen, und es habe ohnehin viel
Arbeitslosigkeit in der Region gegeben. Viele seien in den Westen
abgehauen.
Anders als Krzysztof Wojciechowski hat Eckard Reiß die Euphorie über die
europäische Doppelstadt Frankfurt–Słubice, die in den Nullerjahren aufkam,
nicht geteilt. Sie sei vor allem eine der Politik gewesen, dem
Ottonormalbürger sei das schnurzegal gewesen: „Bewerten will ich das nicht,
das ist meine Perspektive.“
Früher war Reiß als Fernmeldemechaniker für Wartungsarbeiten in Słubice,
seine Begegnung mit der Nachbarstadt bestehe heute im Tanken, erzählt er.
Als jahrelanger Kunde habe er inzwischen eine Rabattkarte. Er lacht. Dann
sagt er, dass die Grenzkontrollen auf beiden Seiten gelegentlich zu Staus
führen, die vor allem Pendler*innen gehörig verärgern.
Ich muss schmunzeln, das kommt mir doch bekannt vor.
Grenzerfahrungen mögen sich im Großen unterschieden. Im Kleinen ähneln sie
sich dann doch.
11 Feb 2026
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