# taz.de -- Nachhaltig Sanieren: „Der Dachfläche ist egal, wie viele unter ihr wohnen“
       
       > Estland kennt sich aus bei der seriellen Sanierung, nur hohe Wohnblocks
       > waren bisher herausfordernd. Ein Pilotprojekt in Tartu hat Lösungen
       > gefunden.
       
 (IMG) Bild: Die sowjetischen Wohnblocks in Annelinn sollen künftig nicht mehr Energie verbrauchen, als sie selbst erzeugen können
       
       taz: Frau Urbas, Sie managen das Pilotprojekt Annelinn+. Dieses könnte
       [1][stellvertretend für 50 Millionen Wohnungen] in Europa stehen. Was
       testen Sie hier? 
       
       Annika Urbas: Annelinn liegt in der estnischen Stadt Tartu, hier im Viertel
       ist man praktisch umgeben von fünf- bis neunstöckigen Häuserblocks. Sie
       alle wurden zur Zeit der sowjetischen Besatzung zwischen 1970 und 1990
       erbaut. In unserem Projekt wollen wir nun bis 2027 herausfinden und
       erproben, wie wir Viertel, die wie dieses von der industriellen
       Massenbauweise der Sowjetunion geprägt sind, energetisch sanieren und
       dadurch nachhaltig umbauen können.
       
       taz: Was heißt in dem Fall nachhaltig umbauen? 
       
       Urbas: Das Ziel ist, Gebäude so umzurüsten, dass ihr Nettoverbrauch
       praktisch gegen null geht, weil sie die benötigte Energie selbst erzeugen
       können. Das entspricht auch der Zielsetzung des EU-Projekts, zu dem
       Annelinn+ gehört.
       
       taz: Das [2][oPEN-Lab], zu dem auch Projekte im spanischen Pamplona und im
       belgischen Genk zählen. 
       
       Urbas: In drei unterschiedlichen Nachbarschaften will die Initiative
       konkrete Ideen testen, um sogenannte PENs – also Positive Energy
       Neighborhoods – zu errichten. So werden nachhaltige Quartiere bezeichnet,
       die es schaffen, mehr Energie zu erzeugen, als sie verbrauchen.
       
       taz: Für so einen Umbau nutzen Sie die Technik des seriellen Sanierens, bei
       dem Dämmung und Photovoltaikanlagen wie Schablonen industriell produziert
       und von außen angebracht werden. 
       
       Urbas: Genau, und weil die sowjetischen Bauten aufgrund der industriellen
       Fertigung sehr ähnlich sind, eignet sich das Verfahren hier besonders gut.
       Was wir an einem Gebäude erfolgreich testen, können wir auf die
       Nachbarschaft übertragen.
       
       taz: Und warum wurde gerade Annelinn für das Projekt ausgewählt? 
       
       Urbas: In Annelinn wohnen etwa 30.000 Menschen, das ist knapp ein Drittel
       der Einwohner:innen von Tartu. Manche der Gebäude bestehen aus bis zu
       144 Wohnungen – das Viertel ist also dicht besiedelt und der
       Energieverbrauch entsprechend hoch. Es ist eine besondere Aufgabe, hier
       eine PEN zu errichten, da die Fläche für die eigene Energieproduktion im
       Verhältnis zum Bedarf gering ist. Aber genau das macht Annelinn auch so
       interessant.
       
       taz: Welche konkreten Herausforderungen gibt es? 
       
       Urbas: Die Gebäude wurden seit ihrer Errichtung nicht mehr energetisch
       saniert. Dann ihre Höhe: Zwar ist Estland schon relativ erprobt darin,
       [3][niedrigere Gebäude seriell zu sanieren], neu ist das aber bei Gebäuden
       mit mehr als fünf Stockwerken. Bei denen sind besonders zwei Dinge
       schwierig.
       
       Zum Einen, die vorgefertigten Dämmelemente so zu verankern, dass es die
       Statik nicht gefährdet, und zum anderen, ausreichend Photovoltaikplatten
       anzubringen, um genug Energie für das Gebäude zu erzeugen. Gewöhnlich
       bringt man die Photovoltaikelemente auf dem Dach an. Für die Dachfläche ist
       es aber egal, ob ein Gebäude fünf Stockwerke oder zehn hoch ist. Sie bleibt
       dieselbe, nur die Zahl der Menschen, die unter ihr wohnen, ist dann höher –
       und dementsprechend ihr Energiebedarf.
       
       taz: Welche Lösung haben Sie für das Problem gefunden? 
       
       Urbas: Wir haben eine Technik entwickelt, bei der die Photovoltaikelemente
       in die vorgefertigten Fassadenelemente integriert und somit vertikal, also
       an der Gebäudewand angebracht werden können. So wird die Fläche größer.
       
       taz: Und für die statischen Probleme? 
       
       Urbas: Mit unserer neu entwickelten Technologie werden die Dämmelemente ab
       dem vierten Stockwerk nicht mehr im Fundament befestigt, wie vorher,
       sondern werden durch ein Tragelement in der Mitte des Gebäudes gestützt.
       
       taz: So eine Sanierung stellt man sich durchaus anstrengend vor. Wie läuft
       das für die Bewohner:innen ab? 
       
       Urbas: Wir bekommen die Rückmeldung, dass diese Sanierweise die Menschen
       viel weniger belastet. Bei der herkömmlichen Art muss in Estland aufgrund
       der Witterungsbedingungen ein Gebäude praktisch ein Jahr in eine riesige
       Plastiktüte eingepackt werden. Es ist nicht angenehm, in so einem Haus zu
       leben.
       
       Mit der seriellen Sanierung haben wir lediglich zwei Monate gebraucht –
       ohne Plastikhülle und vor allem ohne Gerüst. Die Elemente wurden per Kran
       angebracht. Und das serielle Vorgehen hatte noch einen Vorteil: Eine
       [4][Studie der Technischen Universität Tartu] zeigt, dass Gebäude mit
       vorgefertigten Elementen wärmer sind als bei einer klassischen Sanierung,
       bei der das Dämmmaterial von Hand angebracht wird.
       
       taz: Wie viele Gebäude konnten Sie mit der Methode insgesamt bisher
       sanieren? 
       
       Urbas: Ursprünglich wollten wir drei Wohngebäude mit jeweils neun
       Stockwerken im Rahmen des Projektes sanieren. Leider ist nicht alles nach
       Plan gelaufen. Das hat zum einen mit dem Krieg in der Ukraine und zum
       anderen mit der Besitzstruktur des Wohnraums in Estland zu tun. Dafür muss
       man wissen, dass den meisten Bewohner:innen hier ihre Wohnungen auch
       gehören, nach dem Ende der Sowjetunion wurden sie an sie übertragen.
       
       Wenn Sanierungen durchgeführt werden sollen, muss mehr als die Hälfte der
       Bewohner:innen eines Hauses zustimmen und dafür zahlen. Zwar können
       durch Fördergelder die Hälfte der Sanierungskosten übernommen werden. Durch
       den Ukrainekrieg ist die [5][Inflation in Estland] aber so sehr gestiegen,
       dass die Finanzierung für viele in den ursprünglich ausgewählten Gebäuden
       nicht mehr machbar war.
       
       taz: Es musste also umgeplant werden. 
       
       Urbas: Genau. Letztlich konnten wir zumindest zwei Gebäude gewinnen,
       allerdings nur mit fünf Stockwerken. Sie gehören zu den Sozialwohnungen der
       Stadt. Einer der Blöcke wurde bereits im letzten November fertig saniert.
       An diesem Gebäude haben wir unsere neuen Technologien erfolgreich getestet,
       die eigentlich für die höheren Wohnblöcke gedacht waren. Aus den
       Testergebnissen können wir jedoch schließen, dass diese Art der
       energetischen Sanierung auch für neunstöckige Wohnblocks möglich ist. Das
       ist eine sehr wichtige Erkenntnis.
       
       taz: Was hat sich seit der Sanierung für die Bewohner:innen in Annelinn
       geändert? 
       
       Urbas: Wir haben für das im November sanierte Gebäude bereits die neue
       Energieklasse geprüft. Durch die Sanierung konnte der Verbrauch deutlich
       reduziert werden: Von 189 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr auf 99
       Kilowattstunden. Das ist ein Sprung von Energieklasse F zu C. Für die
       Bewohner:innen bedeutet das eine immense Einsparung bei den
       Nebenkosten.
       
       taz: Sie sagten, die sanierten Gebäude des Projekts sind sozialer Wohnraum.
       Welche Rolle spielt Energiearmut bei der Sanierung? 
       
       Urbas: Wenn Menschen es sich nicht leisten können, ihre Wohnung ausreichend
       zu heizen, spricht man von Energiearmut. Und gerade Menschen, die auf
       sozialen Wohnraum angewiesen sind, spüren häufig mehrere Belastungen. Wenn
       die Gebäude besser isoliert sind und zusätzlich ihren Strom selbst
       produzieren können, sparen die Bewohner:innen bei den Nebenkosten.
       
       Das macht die energetische Sanierung auch zu einem sozialen Thema. Aber
       diese Rechnung geht natürlich nur auf, wenn die Bewohner:innen keinen
       Kredit für die Sanierung aufnehmen müssen oder sich die Miete drastisch
       erhöht.
       
       taz: Bis 2030 will die EU die Sanierungsquote auf 2 Prozent anheben. Bisher
       geht es aber nur schleppend voran. Kann das Wissen von Annelinn die
       Sanierungswelle voranzutreiben? 
       
       Urbas: Definitiv. Aktuell ist das Problem leider die Finanzierung, aber auf
       die technischen Fragen konnten wir innerhalb des Projektes Antworten
       finden. Und diese Lösungen können jetzt überall angewendet werden. Vor
       Kurzem wurde beispielsweise ein für Annelinn entwickeltes Fassadenelement
       1.570 Kilometer in die Ukraine transportiert und dort am Studentenwohnheim
       der staatlichen Universität Zhytomyr angebracht.
       
       3 Feb 2026
       
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