# taz.de -- Sanieren in Deutschland: Auf die Platte, fertig, los!
       
       > Um die Klimaziele zu erreichen, müssen viel mehr Häuser energetisch
       > saniert werden. Neuen Schwung könnte die Sanierung von Plattenbauten
       > bringen.
       
       Ein Quader, 102 Meter lang, mit fünf Stockwerken und 82 Wohnungen. Immer im
       selben Abstand eine Abfolge von Fenster, Balkon und wieder ein Fenster.
       Alles gefasst von grauem Beton. Gewöhnlicher könnte der Gebäuderiegel in
       Ludwigsfelde, einer Mittelstadt südlich von Berlin, eigentlich nicht sein.
       Mit mehr als 650.000 Wohnungen ist der Plattenbautyp WBS 70 der am
       häufigsten in der DDR verwendete. Nur in einer Sache übertrumpft das
       Wohnhaus in Ludwigsfelde seine baugleichen Geschwister: seiner
       Energieeffizienz.
       
       Vor einem Jahr wurde der Bau in kürzester Zeit energetisch saniert, dank
       industrieller Sanierungstechnik. Statt dem rauen grauen Putz umgibt das
       Haus nun ein neues Gewand aus großen Dämmplatten. Und die auf dem Dach
       installierte Photovoltaikanlage erzeugt Strom für die Bewohnenden.
       
       Was für diesen einen WBS-70-Bau gilt, könnte sich potenziell auf alle
       übertragen lassen. Dass ein Haus dem anderen gleicht, ist schließlich eine
       Grundidee des industriellen Wohnungsbaus. Deshalb könnte Ludwigsfelde eine
       Blaupause fürs energetische Sanieren sämtlicher Plattenbaubestände sein.
       Und manche Expert:innen hoffen gar, dass derartige Projekte Deutschlands
       großen Sanierungsbedarf insgesamt lindern könnten.
       
       ## Die Klimaziele sind weit weg
       
       Bisher hängen die bereits vorhandenen Gebäude in Europa noch weit hinter
       den energetischen Standards, die sie eigentlich erfüllen müssten – sofern
       die Europäische Union ihre Klimaziele erreichen will. Deshalb kündigte die
       EU 2020, [1][eine „Renovierungswelle“ an,] durch die bis 2030 europaweit 35
       Millionen der Bestandsgebäude ausgebessert werden sollen.
       
       Momentan droht die Welle zu versickern. Auch Deutschland verfehlte 2025
       seine Ziele. Der Gebäudebereich ist hierzulande weit entfernt von einer
       Klimaneutralität bis 2045 und für 30 Prozent der CO2-Emissionen
       verantwortlich. Sie entstehen beim Bauen, Sanieren und Nutzen der Gebäude.
       [2][35 Prozent der gesamten Endenergie] verbrauchen Gebäude in Deutschland.
       
       Wie energieeffizient ein Wohnhaus ist, bekommen dessen Bewohner:innen
       schnell zu spüren. Sie merken es daran, wie gut die Wohnung im Winter die
       Wärme hält oder spätestens mit der Heizkostenabrechnung. Zum Vergleich:
       Laut [3][einer Berechnung der Schwäbisch Hall] liegen die Energiekosten pro
       Jahr in einer unsanierten Wohnung im Schnitt bei etwa 42 Euro pro
       Quadratmeter. Tauscht man die Fenster aus, verbessert die Dämmung der
       Gebäudehülle und baut eine Photovoltaikanlage aufs Dach, können die Kosten
       auf 7 Euro pro Quadratmeter und Jahr sinken.
       
       Der Nutzen ist also enorm, trotzdem bleibt Deutschland weit hinter der
       Sanierungsrate von 2 Prozent pro Jahr zurück, die sich die Bundesregierung
       als Ziel gesetzt hat. Zurzeit ist die Quote sogar rückläufig und liegt bei
       0,7 Prozent. Die Hauptgründe dafür sind Materialkosten, Inflation und
       fehlende Fachkräfte.
       
       Projekte wie in Ludwigsfelde geben Hoffnung auf eine Trendumkehr, weil sie
       zwei Aspekte – industrielle Bauweise mit serieller Sanierung – kombinieren.
       Letztere wird auch als „Energiesprong“ bezeichnet. Das Konzept wurde 2013
       in den Niederlanden entwickelt und kombiniert industrielle
       Sanierungstechnik mit regenerativer Technik wie Photovoltaik. Von der
       konventionellen energetischen Sanierung unterscheidet sie sich vor allem
       durch eins: Tempo.
       
       Statt per Hand entlang eines Gerüsts Dämmmaterialien an die Hauswand
       anzubringen, werden Fassadenelemente nach einem 3D-Scan des Hauses wie für
       einen Baukasten in der Fabrik vorgefertigt. Fenster und Photovoltaikanlagen
       werden dabei direkt eingefügt. Im Anschluss müssen die Platten nur noch an
       der Hauswand verankert werden.
       
       ## Je ähnlicher, desto besser
       
       Umso einfacher und effizienter wird das, wenn ein Gebäude dem anderen
       gleicht – wie bei den WBS-70-Riegeln. Daher eigne sich der Plattenbau
       perfekt fürs serielle Sanieren, findet Nico Gorsler, Leiter im Bereich Bau-
       und Wohnungswirtschaft bei Energiesprong Deutschland. Platte auf Platte
       sozusagen. „Das sind sehr einfache Strukturen mit großem
       Wiederholungsfaktor, die allein schon von der rechteckigen Gebäudeform
       ideal geeignet sind“, sagt Gorsler.
       
       Als Teil der Deutschen Energie-Agentur (Dena) begleiten er und sein Team im
       Auftrag des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie die Entwicklung
       dieser Art der Sanierung. Bis 2030 hat sich die Dena vorgenommen, eine
       Sanierungsquote von 0,5 Prozent beizusteuern. Das wären jährlich 200.000
       Wohneinheiten.
       
       Industrialisierten Wohnungsbau mit einer industriellen Sanierungsweise
       zusammenzudenken, erscheint naheliegend. Bereits in den 1950er Jahren
       begann insbesondere die DDR, Wohnungsbau in Masse zu denken. So entstanden
       ganze Siedlungen, eine der größten in Berlin-Marzahn. Insgesamt wurden nach
       dieser Großtafelbauweise, dazu gehören neben WBS 70 zum Beispiel auch die
       P2- oder QP-Serie, etwa 2 Millionen Wohnungen geschaffen.
       
       Nico Gorsler überschlägt das Potenzial im Kopf: „Erreichen wir unsere
       jährlichen Ziele der seriellen Sanierung, wären wir allein mit der
       absehbaren Sanierungswelle von Plattenbauten schon zehn Jahre beschäftigt.“
       Das sei für den Markt in diesem Bereich ein enormes Potenzial. „Damit kann
       die Infrastruktur für energetische Sanierung insgesamt wachsen“, sagt er.
       Und das käme der Sanierungsquote zugute.
       
       Trotzdem sieht Kati Jagnow, Professorin für Energiekonzepte und
       Anlagenoptimierung an der Hochschule Magdeburg-Stendal, es zumindest für
       diesen Gebäudetyp noch nicht als sinnvoll an, nach dem
       Energiesprong-Prinzip zu sanieren. „Diese Gebäude sind nicht die im
       schlechtesten Zustand in Deutschland“, sagt Jagnow, die selbst in einem
       WBS-70-Haus aufgewachsen ist.
       
       Die meisten hätten bereits beim Bau eine erste Dämmschicht in den Wänden
       integriert – auch wenn die nur wenige Zentimeter dick sei, sagt Jagnow.
       Grund dafür war die Ölkrise der 1970er Jahre, die sowohl in der BRD als
       auch der DDR zu mehr Aufmerksamkeit für Wärmeschutz führte.
       
       Zusätzlich gab es nach dem Ende der DDR eine erste Sanierungswelle [4][mit
       einem Sonderförderungsprogramm, das ein Drittel der Bestände aufbesserte].
       Dazu gehörte etwa, Fenster zu tauschen, die Dachhaut komplett zu erneuern
       und eine Außenwanddämmung. „Das passierte natürlich nicht unbedingt nach
       heutigen Standards, aber immerhin“, sagt Jagnow.
       
       Da nicht unbegrenzt Geld vorhanden sei, mache es aus volkswirtschaftlicher
       Perspektive Sinn, zunächst die Gebäude ganz ohne Dämmung seriell zu
       sanieren. Etwa bei Häusern aus den 1960er Jahren und noch älteren. Um
       allerdings wirklich abschätzen zu können, welchen Effekt eine zusätzliche
       energetische Sanierung nach Energiesprong hätte, müsste man wissen,
       [5][welche Art von Gebäude] bereits nach konventioneller Art wie gut
       saniert sind. Doch in dieser Kombination „gibt es bisher keine Daten“, sagt
       Jagnow.
       
       Auch, wenn der WBS-70-Bau in Ludwigsfelde nicht die schlechteste
       Ausgangsbasis hatte, hat seine energetische Sanierung einen Unterschied
       gemacht. Von 99 Kilowattstunden pro Quadratmeter im Jahr wurde der
       Verbrauch auf ein Drittel reduziert. Durch die auf dem Dach installierte
       Photovoltaikanlage gilt der Bau laut Dena sogar bilanziell als
       Nullemissionshaus Als solches verbraucht es nur so viel, wie es in
       erneuerbarer Energie selbst herstellen und ausgleichen kann.
       
       ## Eine Frage der Kosten
       
       „Schon jetzt ist in Ludwigsfelde der nächste WBS-70-Bau in Planung“, sagt
       Nico Gorsler. Hier könne man im Vergleich zum ersten Objekt von 10 Prozent
       geringeren Kosten ausgehen. Bei 6 Millionen Euro Investitionen mache das
       einen deutlichen Unterschied. „Mit jedem Folgeprojekt lässt sich der
       Planungsaufwand ein wenig verringern. Das spart Zeit und somit letztlich
       auch Geld“, erklärt Gorsler. Der erhoffte Skalierungseffekt setzt ein. Das
       ist ein wichtiger Punkt, denn obwohl [6][die Bundesregierung energetisches
       Sanieren fördert], ist es – ob konventionell oder seriell – [7][weiterhin
       teuer].
       
       Diese Kosten können trotz geringeren Verbrauchs die Mieter:innen treffen,
       wenn diese in die Kaltmiete umgelagert werden. Idealerweise gleicht sich
       das in der Gesamtmiete aus, eine Garantie gibt es aber nicht. Bereits 2024
       veröffentlichte der Deutsche Mieterbund und das Öko-Institut [8][eine
       Studie], die die soziale Verträglichkeit energetischer Sanierung
       untersucht. Ein Ergebnis: Bisher würde die Bundesförderung die unklare
       Kostenverteilung zwischen Eigentümer:in und Mietenden nicht ausreichend
       beachten.
       
       Ein Blick nach Berlin zeigt, dass gerade im Sozialen Wohnungsbau bislang
       kaum seriell saniert wurde. Von den landeseigenen Wohnbaugesellschaften
       gelang das laut Berliner Senat lediglich bei einem Gebäude. Der Grund sei,
       dass das Konzept bisher noch nicht die wirtschaftlichste Variante
       darstelle. Konventionelles Sanieren geht von einem Quadratmeterpreis
       zwischen 500 und 1.400 Euro aus, beim seriellen Sanieren sind es aktuell
       noch zwischen 1.250 und 1.850 Euro.
       
       Die Finanzierung gestaltet sich oftmals schwierig. „Das ist je nach Region
       ein Drahtseilakt“, sagt Nico Gorsler. Ihm ist wichtig, die Sanierung
       ganzheitlich zu betrachten: „Es geht ja nicht nur um die energetische
       Qualität, sondern auch um weitere Themen, wie etwa bezahlbaren Wohnraum und
       Barrierefreiheit.“ Er geht aber davon aus, dass serielles Sanieren künftig
       warmmietenneutral umgesetzt werden könnte, mit Kosten unter 1.000 Euro pro
       Quadratmeter.
       
       Denn laut einer Dena-Erhebung haben sich die Kosten im seriellen Bereich im
       Vergleich zu vor 2023 bereits um 30 Prozent reduziert. Und das, obwohl die
       Preise in der Bauwirtschaft stiegen. Für Gorsler bedeutet das, dass das
       serielle Sanieren – anders als die konventionelle Weise – durch die
       Möglichkeit, Prozesse noch weiter zu verbessern, noch nicht ihr volles
       Preis-Leistungs-Potenzial ausgeschöpft hat.
       
       Ob aus dem Projekt in Ludwigsfelde also mehr wird, entscheidet nicht allein
       die Technik. „Insbesondere Besitzer von großen Beständen müssten in die
       serielle Sanierung investieren, damit der Markt durch langfristige Verträge
       Sicherheit hat“, sagt die Professorin für Energiekonzepte Kati Jagnow.
       Insofern könnte die Sanierung von Plattenbauten allein durch ihr Volumen
       dazu beitragen, dass die Projektkosten im Einzelnen sinken. Damit wäre
       allen Gebäuden geholfen – und letztlich ihren Bewohner:innen.
       
       1 Feb 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] https://eur-lex.europa.eu/legal-content/DE/TXT/HTML/?uri=CELEX%3A52020DC0662
 (DIR) [2] https://www.bundeswirtschaftsministerium.de/Redaktion/DE/Dossier/energiewende-im-gebaeudebereich.html
 (DIR) [3] https://www.schwaebisch-hall.de/ratgeber/pflichten-und-regelungen/energieeffizienzklassen-haus.html
 (DIR) [4] https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/abgeschlossen/sanierung-plattenbau/ausgaben/FoerderprogrammeFinanzierung.pdf?__blob=publicationFile&v=2
 (DIR) [5] https://www.iwu.de/fileadmin/publikationen/gebaeudebestand/episcope/2015_IWU_LogaEtAl_Deutsche-Wohngeb%C3%A4udetypologie.pdf
 (DIR) [6] https://www.bafa.de/DE/Energie/Effiziente_Gebaeude/Sanierung_Wohngebaeude/Gebaeudehuelle/gebaeudehuelle_node.html
 (DIR) [7] https://sanierungsrechner.kfw.de/
 (DIR) [8] https://mieterbund.de/app/uploads/2024/07/20240731_Studie-soziale-Foerderung_DMB-Oeko-Institut.pdf
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Clara Dünkler
       
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