# taz.de -- Holocaust in der Ukraine: Die Erde voller Knochen
       
       > Die Ukraine hat nach Polen die meisten Holocaust-Opfer zu beklagen. Noch
       > heute ist das Land voller Massengräber. Gedenken ist auch deshalb mühsam.
       
 (IMG) Bild: Erschossen, verscharrt – und ausgeraubt. Ein Massengrab bei Berdytschiw mit Spuren von Grabräubern, 1997
       
       In den weiten Feldern um die zentralukrainische Kleinstadt Berdytschiw
       zeichnet sich eine leichte Erhebung neben einer Senke ab. Diese verläuft
       gradlinig, wie mit einem Lineal geschnitten. Links und rechts von ihr
       bestellen die Landwirte ihre Felder. Betritt einer der seltenen Besucher
       das Gras an der Senke, so knirscht es unter den Füßen.
       
       Es sind keine Muscheln vergangener Meere, die dieses Geräusch verursachen,
       sondern es sind die Knochen von Menschen. Das Feld bei [1][Berdytschiw] ist
       einer von etwa 2.000 Orten in der Ukraine, an dem die SS, deutsche
       Polizisten und einheimische Helfer ihre jüdischen Opfer zuerst erschossen
       und dann in Massengräbern verscharrten. Manche dieser Mordstätten sind mit
       kleinen oder größeren Erinnerungen ausgestattet, andere wie das Grab in
       Berdytschiw blieben ganz ohne Kennzeichnung.
       
       An manchen Orten hat das von der SS gebildete [2][„Kommando 1005“] noch vor
       dem deutschen Rückzug aus der Ukraine 1944 die Leichname geborgen und
       verbrannt, auf dass keine Erinnerung an die Tat bleiben sollte. Die Knochen
       wurden in einer extra dafür konstruierten Knochenmühle gemahlen.
       
       Doch es waren zu viele Mordstätten, der Rückzug ging zu rasch vonstatten
       und das Kommando 1005 kam mit der Bergung nicht hinterher. Deshalb liegen
       viele der Ermordeten noch heute bisweilen unbeachtet irgendwo in der
       Ukraine in einem Massengrab.
       
       ## Mord am Fließband und per Handarbeit
       
       Die NS-Führung machte bei dem ab 1941 erfolgten Massenmord an Jüdinnen und
       Juden keine geografischen Unterschiede. Egal ob in Belarus oder der
       Ukraine, den Niederlanden oder in Griechenland – die Opfer verloren
       unterschiedslos ihr Leben. In Osteuropa geschah dies nur in seltenen Fällen
       in den Mordfabriken selbst, die auf deutsch besetztem polnischen
       Territorium errichtet wurden, in Auschwitz, Treblinka, Majdanek, Sobibor
       oder Belzec.
       
       In der Ukraine, in Russland oder Belarus war der Holocaust Handarbeit. Vor
       allem Einsatzgruppen, die extra dafür aus SS-Männern und ganz normalen
       Polizisten gebildet wurden, töteten hinter der Front an kaum zählbaren
       Orten Millionen Jüdinnen und Juden. In manchen Fällen hatten die Nazis die
       Menschen zuvor in Ghettos gesperrt, in anderen nicht.
       
       In der Ukraine war vor allem die „Einsatzgruppe C“, bestehend aus 700 bis
       800 Personen, mit dem Massenmord beauftragt. Alleine dort gab es mehr als
       eine Million Opfer. Wobei bei einer regionalen Untersuchung der Nazi-Taten
       nicht vergessen werden darf, dass die Ukraine früher ganz andere Grenzen
       hatte als heute. So zählte der Westen des Landes damals noch zu Polen, der
       Süden war zum Teil unter der Kontrolle Rumäniens.
       
       ## Effizient töten, qualvoll sterben
       
       Der Schutzpolizist Erwin C. gab 1962 in einer Vernehmung zu Protokoll, er
       und seine Kollegen seien „lediglich“ für das Erschießen zuständig gewesen:
       „Die jüdischen Opfer wurden in Reihen zu etwa zehn an den Grubenrand
       gestellt, und wir hatten diese auf Kommando mit Karabinern zu erschießen.
       Zwei Mann von uns mussten jeweils auf ein Opfer schießen. Wenn zwei bis
       drei Reihen erschossen waren, traten die nächsten Kollegen vor und
       erschossen wieder zwei bis drei Reihen.“ Nur die wenigsten Täter sind
       später vor Gericht zur Verantwortung gezogen worden.
       
       Die Juden von Berdytschiw starben im August 1941. Nur sehr wenige konnten
       sich rechtzeitig verstecken und überlebten den Holocaust. Kurz darauf, am
       29. und 30. September 1941 kam es zum [3][Massenmord in der Schlucht von
       Babyn Jar]. Dabei wurden 33.771 Jüdinnen und Juden ermordet.
       
       Die genaue Zahl ist deshalb bekannt, weil die Nazis damals extra einen Mann
       zum Zählen der Opfer abgestellt hatten. Ab Ende 1941 kamen im
       „Reichskommissariat Ukraine“ dann Gaswagen zum Einsatz, in denen die Opfer
       durch die in den Innenraum geleiteten Abgase des Motors qualvoll getötet
       wurden. Juden aus dem Westteil der Ukraine wurden in das Vernichtungslager
       Belzec verschleppt und dort umgebracht.
       
       ## Späte Erinnerung
       
       Nach 1945 durfte es [4][zu Sowjetzeiten keine explizite Erinnerung] an den
       Holocaust geben. Die Opfer wurden als „friedliche Sowjetbürger“ bezeichnet,
       ohne Verweis auf ihre Religion. Ein gemeinsames jüdisches Gedenken war
       strikt verboten. Erst ab 1991 änderte sich das.
       
       Die Initiative „Erinnerung bewahren“ hat an einigen der Mordstätten ein
       würdiges Erinnern ermöglicht. Menschen aus den nächsten Dörfern kümmern
       sich darum, dass die Gedenkstätten gepflegt bleiben. Denn auch die Ukraine
       ist nicht gegen Plünderer gefeit. Es hat schon Fälle gegeben, bei denen
       „Holocaust-Knochen“ zum Verkauf angeboten worden seien, berichtete 2019 ein
       Rabbiner.
       
       Archäologen, die mit der Untersuchung von Massengräbern betraut waren,
       berichteten ebenfalls von wiederholten Plünderungen, vor allem vor Beginn
       des aktuellen Kriegs mit Russland. Offenbar hoffen Grabräuber Gold zu
       finden. Dahinter könnte die antisemitische Mär vom reichen Juden stecken.
       
       27 Jan 2026
       
       ## LINKS
       
 (DIR) [1] /Der-Holocaust-in-der-Ukraine/!5626667
 (DIR) [2] https://de.wikipedia.org/wiki/Sonderaktion_1005
 (DIR) [3] https://de.wikipedia.org/wiki/Massaker_von_Babyn_Jar
 (DIR) [4] /80-Jahre-Befreiung-des-KZ-Auschwitz/!6062698
       
       ## AUTOREN
       
 (DIR) Klaus Hillenbrand
       
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