# taz.de -- Neues Soloalbum von Michaela Melián: Am schönsten dröhnt es in der Geisterbahn
> Vom Lerchenfeld nach Tübingen: „Music for a While“, das neue Soloalbum
> der Münchner Künstlerin Michaela Melián, verortet Kammerpop mit
> Gothic-Coverversionen.
(IMG) Bild: Switched on Bach, diesmal in Oberbayern: Michaela Melián
Die bildende Künstlerin und Musikerin Michaela Melián verbindet ihre Werke
gerne mit Orten. In allen Formaten, ob für Musik, Soundinstallationen oder
Gemälden. Ein Song ihrer Band F.S.K. heißt „Munich“. Die Klanginstallation
„Memory Loops“ besteht aus über die Stadt München verteilte und abrufbare
Tonaufnahmen aus der NS-Zeit. Soloalben von Michaela Melián tragen Titel
wie „Los Angeles“ und „Baden-Baden“.
Erinnerungen an Orte, dazu Geistermusik: [1][Anders als der Sound von
F.S.K.] wirkt die Klangsignatur von Melián, die sie als Solistin konzipiert
und aufnimmt, gerne sanft unheimlich. Nicht im Sinne, dass sie
furchteinflößend wäre. Dazu ist sie zu konzeptuell und zu bedeutungsoffen.
Aber doch im Sinne einer schwer greifbaren Entrücktheit, die sozusagen
Medium für allerlei Soundschichtungen ist, die im Ergebnis zugleich alt und
gegenwärtig anmuten.
## Von der Kunsthochschule in die Speisekammer
Konkreter: Auch auf Meliáns neuem Album „Music for a While“ tauchen Orte
als Referenzen der überwiegend instrumentalen Tracks auf. „Im Lerchenfeld“
ist benannt nach der Adresse der Hochschule für bildende Künste Hamburg
(HFBK). Es basiert wie die meisten Stücke des Albums auf einem monotonen
Rhythmus, programmiert vom Co-Produzenten Felix Raeithel, über den sich ein
minimalistisches Klavier und Synthies legen.
Die Streicher kommen von der Künstlerin und Violinistin Ruth May und der
Bratschistin Elen Harutyunyan. Der Track könnte 15 oder 2 Minuten dauern,
ein immer wieder wie aus der Speisekammer nebenan rüberwaberndes Saxofon
schafft ein wenig Zeitempfinden. Es sind dann tatsächlich 5 Minuten.
Wenn man auf dieses seltsam-schöne Album einen Genrebegriff flanschen
müsste, wäre es wahrscheinlich Kammermusik. Aber anders als sonst ist sie
völlig kitschfrei. Ihr Organisationsprinzip ist so oder so der Loop, der
dann ausgefüllt, variiert und unterlaufen wird. Die Soundpalette ist sehr
vielfältig, man merkt es erst beim zweiten oder dritten Hören.
## Gitarrenlärm im Märchenwald
„Tübingen“ besteht aus auf- und abtauchenden Ambient-Schleifen und am Ende
einem sacht bollernden Dröhnen. „Nordwest-Passage“ klingt noch eine Idee
bedeutungsoffener und hypnotischer, während „Märchenwald“ kontraintuitiv
der Titel des dunkelsten Tracks des Albums ist, mit Gitarrennoise und
bedrohlichem Brummen.
Auch für „Music for a While“ hat Michaela Melián wieder Coverversionen
ausgewählt. Sie versucht sich an [2][„My Other Voice“ von den Sparks] und
Irving Berlins „They Say It’s Wonderful“. Für die Sparks-Interpretation
setzt Melián ihre herbe Stimme ein, die trotz [3][Vocoder] noch so klingt
wie eine Reinkarnation von Nico. „They Say It’s Wonderful“ wirkt dann, wie
eigentlich das gesamte Album, wie Musik, die auch in der Hotelbar von „The
Shining“ stimmig wäre.
Nicht, weil sie so gruselig wäre (Stanley Kubricks Film ist ja auch nicht
wirklich gruselig, sondern mehr so Konzeptkunst), sondern weil in ihr etwas
Altes fortgeschrieben wird.
Geistermusik eben. [4][Die Geister der Vergangenheit sind in der Kunst von
Michaela Melián allerdings nicht siegreich], sondern zu Objekten der
Betrachtung geworden, mit denen man arbeiten und die man, vielleicht, in
etwas anderes verwandeln kann.
24 Jan 2026
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## AUTOREN
(DIR) Benjamin Moldenhauer
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